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Parlament

Artikel

12. Juni 2018

Begrüßung von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble bei der Ausstellungseröffnung Moritz Götze: Lorbeeren für Schadow

Es gilt das gesprochene Wort

Am Anfang war Napoleon. 
Das hat der Historiker Thomas Nipperdey geschrieben. Und sein längst sprichwörtliches Postulat trifft tatsächlich auf vieles in der deutschen Geschichte zu. 
Für das Brandenburger Tor gilt es in besonderer Weise.

Dabei ist das Bauwerk älter als Napoleons Herrschaft; sein Bau datiert in die frühen Jahre der Französischen Revolution. 
Aber das Tor als politisches Symbol: das ist untrennbar mit dem Imperator verbunden – und hat wesentlich mit der Quadriga zu tun. 
Vor 225 Jahren wurde sie fertiggestellt, nach dem Entwurf des Bildhauers Johann Gottfried Schadow. Ein Grund für diese Ausstellung, zu der ich sie alle herzlich begrüße.

Als Napoleon 1806 in Berlin einritt, ließ er die Quadriga mit der Viktoria demontieren und schickte sie in Kisten verpackt auf eine monatelange Reise nach Paris. 
Von da kehrte sie erst sieben Jahre später zurück. In einem Triumphzug – mit dem sich ihr Verständnis veränderte: 
Fortan war sie weniger Friedensgöttin als Siegesallegorie. Symbol für Preußens Sieg über Napoleon und die Franzosen. Die Lorbeerkranztrophäe Schadows wurde abgelöst von Schinkels Eisernem Kreuz, bekrönt vom preußischen Adler.

Die Quadriga steht im Zentrum dieser Ausstellung – 
betrachtet und interpretiert aus Sicht des Künstlers Moritz Götze. 
Eine zeitgenössische Hommage an den berühmten Bildhauer, dem – folgt man dem Ausstellungstitel – ein Lorbeer-Kranz gebunden wird. 
Lieber Herr Götze, seien Sie uns heute Abend besonders willkommen. 

Politik und die Macht der Symbole – das hat lange Tradition. 
Ihr können wir uns nur schwer entziehen. 
In Symbolen wie der Quadriga gerinnt Geschichte – 
und sie erzählen Geschichten. Ohne eigene Worte, aber umrankt von Mythen und Legenden. 
Diese Erzählungen bleiben, selbst wenn sie längst wissenschaftlich widerlegt sind, verführerisch und fortdauernd gegenwärtig. 
Mit seinen Tableaus zur Geschichte des deutschen Parlamentarismus hat Moritz Götze seine Sensibilität für diese besondere Kraft von Symbolen bewiesen. Sie hängen heute im Jakob-Kaiser-Haus.

„Versunkene Vergangenheit – und doch meine Gegenwart“: 
So hat Golo Mann sein Erleben des Brandenburger Tores in Worte gefasst – 
das ja immer mehr als nur ein Wahrzeichen dieser Stadt gewesen ist.
In der wechselvollen Geschichte unseres Landes bot es unterschiedlichen Regimen eine Bühne.
Für meine Generation, für viele von uns war das abgeriegelte Brandenburger Tor lange das Symbol der Teilung – Deutschlands und Europas.
Und dabei zugleich das Symbol unseres Strebens nach Einheit. 
Heute ist es das Symbol der Freiheit in der ganzen Welt. 
Ein zentraler Erinnerungsort, der von der Geschichte erzählt, wie sie gewesen ist: Wechselhaft und kriegerisch. Und der symbolisiert, wie wir uns die Zukunft wünschen: Offen und friedvoll.

Zweifellos ein großes Thema, um sich dem auch künstlerisch zu nähern. So wie das Moritz Götze getan hat.
Das Schadow-Haus ist der richtige Ort für diese Ausstellung – und der 12. Juni übrigens das passende Datum für ihre Eröffnung. 
Denn es war auch ein 12. Juni, als das Brandenburger Tor die Kulisse bot für eine Botschaft an die Welt, die untrennbar mit diesem Ort unserer Freiheitsgeschichte verbunden ist: 
1987 richtete Ronald Reagen von der Westseite des Tores aus seine berühmte Aufforderung Richtung Moskau. 
An Gorbatschow. 
Open this gate. 
Sieht man die Bilder heute, fällt schnell ins Auge, was damals fehlte: das Eiserne Kreuz und der Preußenadler an der Quadriga. Entfernt lange zuvor vom SED-Regime. 
Macht der Symbole, Macht der Bilder!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen anregenden Abend umgeben von symbolhafter Geschichte – und dem, was ihr der Künstler Moritz Götze abgewinnt. 

Noch ein letztes Wort zu diesem Ort: 
Über das Haus Schadows schrieb Achim von Arnim in einem Brief an Goethe, das war auch 1806: 
„Wer hätte da nicht gerne im Sommer Wein schenken mögen allen Bildhauern zum Willkomm?“ 
Sie haben Glück: Heute gibt es den Wein auch für die künstlerisch weniger Berufenen unter Ihnen – 
gleich im Anschluss an die Einführung der beiden Kuratoren, denen ich für diese Schau herzlich danke.

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