29.10.2018 | Parlament

Rede von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble zum 13. Charity-Dinner der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas für den „Raum der Namen“ in Berlin

(Es gilt das gesprochene Wort)

Victor Klemperer hat die Sprache einmal mit einem Gift verglichen: Wie kleine Dosen Arsen schlucken wir unmerklich giftige Worte, ohne dass sofort etwas passiert – die Wirkung entfaltet sich schleichend.

Sprache lässt sich leicht in den Dienst des Unmenschlichen stellen – das haben die Nationalsozialisten in erschreckender Weise ausgenutzt. Sie haben ihren Kampf mit Worten begonnen.

Der Sprachwissenschaftler Klemperer hat das in seinem Leben nach dem Überleben beschrieben. Die Nationalsozialisten sind weder die einzigen, noch waren sie die letzten, die Sprache als Gift einsetzten und für ihre Zwecke missbrauchten.

Auch ein Menschenalter nach dem Ende des Völkermords an den europäischen Juden müssen wir wachsam sein. Die Sprache sorgsam nutzen. Zumal in der Politik. In Bundestagsdebatten ist die Zuspitzung immer ein Stilmittel. Das berechtigt aber nicht dazu, gegen unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verstoßen. Oder mit Doppeldeutigkeiten und Stillosigkeiten zu spielen.

Wir müssen – im Parlament wie außerhalb – Gegenmittel einsetzen, wo Humanität und Menschenrechte in Gefahr geraten: Wenn Menschen diffamiert werden, wenn es antisemitische Anfeindungen gibt, wenn Gewalt verherrlicht wird. Wir sind aufgerufen, zu reagieren, wo sich in Worten Taten ankündigen.

Übergriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen zeigen, wie nötig der besondere Schutz jüdischen Lebens in Deutschland auch im 21. Jahrhundert ist. Das ist beschämend. Aber Scham ist zu wenig.

Wir müssen lernen, die Menschenrechte, die Menschenwürde, die Demokratie offensiv zu verteidigen. Das gelingt nur, wenn es ein Bewusstsein für Recht und Unrecht gibt.  

Dieses Bewusstsein speist sich aus dem Wissen um den Holocaust und aus der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist Ausdruck unseres Willens, daran zu erinnern. Es ist ein wichtiger Teil unserer Aufklärungskultur und eines kritischen Geschichtsbewusstseins. Zufrieden zurücklehnen dürfen wir uns nicht. Obama hat es treffend gesagt: Die einzige Gefahr für die Demokratie ist, dass sie für selbstverständlich gehalten wird.

Meine Generation hat gelernt, was geschieht, wenn nicht genügend Bürger für die Demokratie brennen. In welche Abgründe uns die Nazis führen konnten. Was unser Land selbstverschuldet verloren hat. Es gibt begründete Zweifel daran, ob dieses Wissen Jüngeren heute in ausreichender Weise vermittelt wird.

Wir sollten uns keine Illusionen machen: Schulbildung muss fundiert sein. Dennoch hat der Staat in der liberalen Demokratie nur einen begrenzten Einfluss darauf, was seine Bürger denken und wie sie ihre Meinung bilden. Das ist auch gut so. Denn die liberale Demokratie fußt auf der Einsicht, dass der offene Wettstreit der Meinungen am besten geeignet ist, mit gesellschaftlichen Entwicklungen umzugehen. Das Grundgesetz steckt den Rahmen dessen, was möglich ist, ab. Damit sind wir weit gekommen. Damit werden wir auch künftig gewappnet sein. Wenn wir das Recht durchsetzen und Rechtsbrüche ahnden.

Das Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur und des verbrecherischen Angriffs- und Vernichtungskrieges ist zentral für unsere demokratische Kultur – aber nicht von allein. Sondern nur, wenn wir diese Kultur am Leben halten. Wenn wir das Wissen um die Verbrechen gegen Verharmlosung verteidigen. Und wenn jede Generation die Erinnerung mit eigenen Fragen belebt und eigene Erinnerungsrituale entwickelt.

Mich ermutigt, dass sich so viele jüngere Besucher von dem abstrakten Stelenfeld angezogen fühlen. Es ist ein markanter Ort – mit wissenschaftlichem Anspruch und pädagogischer Funktion, aber ohne Zeigefinger. Und so belebt das Mahnmal auch sein mag – es ist auch ein Ort für die Trauer. Für das Gedenken an Einzelne, die in der abstrakten Menge der Millionen Opfer als Individuum erkennbar werden.

Die Erinnerung an einen einzelnen Menschen ist fast wie eine posthume Begegnung – und sie ist das eindrücklichste, was die Beschäftigung mit der Vergangenheit leisten kann.

Vor einigen Jahren, damals noch in anderer Funktion, hatte ich bei einem Besuch des Denkmals eine solche Begegnung. Ich war mit meinem damaligen israelischen Amtskollegen Avi Dichter in den Ausstellungsräumen unter dem Stelenfeld. Das habe ich nicht vergessen. Denn auch Angehörige von Avi Dichter wurden Opfer des Holocaust.  

Es braucht neben dem Wissen auch Empathie für die Opfer des „industriellen Massenmords“. Diese Formulierung beschreibt, was unsere Vorstellungskraft überschreitet: Millionenfaches, staatlich organisiertes Töten. Vielleicht wird der Begriff auch deshalb benutzt, weil er die Monstrosität des Verbrechens verdeckt – die Schicksale von Kindern, Frauen und Männern, die entrechtet und systematisch ermordet wurden. „Industrieller Massenmord“. Diese Anschauung macht die Toten zu einem Produkt. Doch es waren keine Maschinen, die planmäßig gemordet haben, sondern Menschen. Und andere waren es, die dem Treiben Beifall geklatscht oder konzentriert weggeschaut haben.

Sie hatten viel von jenem Gift der nationalsozialistischen Sprache geschluckt: Sie erkannten in den Ausgegrenzten, den Deportierten, den durch Mangelernährung in den Tod getriebenen und den erschossenen oder erstickten Mordopfern keine Menschen mehr.

Man sprach von Auslöschung – auch dies ist eine Verdinglichung der Opfer. Um die Erinnerung an die Ermordeten auszulöschen, sollten die Toten anonym bleiben: Sie wurden verbrannt, ihre Asche verstreut.

Es ist eine große Aufgabe, diesen vielen Menschen heute ihre Namen, ihre Identität, ihre Würde zurückzugeben. Die Geschichte einzelner Ermordeter zu rekonstruieren und sie als Individuum im Raum der Namen zu verewigen – das ist mehr als eine Rechercheaufgabe für historisch interessierte Jugendliche oder eine Herausforderung für die Geschichtswissenschaft. Das ist eine Verneigung vor den Opfern.    

Ich bin sehr froh, dass Sie heute Abend so zahlreich gekommen sind, um mit Ihrer Spende den „Raum der Namen“ zu fördern. Damit weitere Tote vor dem Vergessen bewahrt werden.   

 „Es bleibt mir eigentlich nur zu hoffen, dass man da reingeht und man nicht mehr so rauskommt, wie man reingegangen ist.“

Das ist eine Hoffnung, die der frühere israelische Botschafter Shimon Stein nach einem Besuch des Denkmals geäußert hat. Und der ich nichts hinzuzufügen habe.

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