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Parlament

Artikel

26. November 2018

Dankrede von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble bei der Verleihung des Heinz-Galinski-Preises

[Es gilt das gesprochene Wort]

Ich danke Ihnen, verehrte Frau Knobloch, für die freundlichen Worte. Und ich danke der Heinz-Galinski-Stiftung für diese Auszeichnung. Ich empfinde sie als große Ehre – und ich fühle die Verantwortung, die damit einhergeht.

Vor allem freue ich mich, dass die Preisverleihung an diesem Ort stattfindet. Denn das Jüdische Gemeindehaus ist untrennbar mit Heinz Galinski verbunden. Ohne dessen Einsatz gäbe es dieses Haus der Begegnung und des Gebetes nicht. Und auch das heute wieder blühende jüdische Leben in Deutschland gäbe es ohne das Engagement von Persönlichkeiten wie Heinz Galinski nicht. 
Beides ist Ausdruck des „ewigen Dennoch“, von dem der große Gelehrte Leo Baeck gesprochen hat. Er wirkte als Rabbiner auch in Berlin, in der prachtvollen Synagoge in der Fasanenstraße. Vor 80 Jahren wurde sie in der Reichspogromnacht in den Flammen der Nazi-Barbarei zerstört – wie so viele andere jüdische Gotteshäuser in ganz Deutschland. Wir haben vor wenigen Wochen daran bundesweit erinnert, auch im Deutschen Bundestag.

Neues jüdisches Leben in Deutschland: Wer hätte das nach dem Krieg zu hoffen gewagt? Nach der Shoah und dem unermesslichen Leid, das Deutsche über europäische und deutsche Juden gebracht haben? In Berlin, der Stadt, in der die Pläne für den millionenfachen Mord an den europäischen Juden entworfen und beschlossen wurden. 
Und dennoch! 
Dieses „Dennoch“ wirkt auf mich noch immer wie ein Wunder. 
Es ist ein Wunder – 
das sich dieses Land nicht verdienen konnte, das ihm aber bleibende Verpflichtung ist!

Heute ist die Jüdische Gemeinde zu Berlin die größte in Deutschland. Integraler Teil, ein geistiges, kulturelles und gesellschaftliches Kraftfeld in unserer Hauptstadt. Die jüdischen Gemeinden in ganz Deutschland gehören zu den vielfältigsten in der Welt. Auch als Folge des politischen Umbruchs im Ostblock und der Zuwanderung von Juden aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten nach Deutschland. Heinz Galinski setzte sich damals beim Innenministerium für diesen Zuzug ein. Das war nicht unumstritten. Ich erinnere mich lebhaft an die Begegnung mit ihm und anderen Vertretern des Zentralrats der Juden, die um Hilfe bei der Aufnahme von Juden aus der Sowjetunion baten. Und ich erinnere mich an das Gespräch mit dem damaligen israelischen Botschafter Benjamin Navon, der Tage später im Namen seiner Regierung protestierte: Juden aus dem Osten benötigten kein Asyl in Deutschland. Sie hätten eine Heimat in Israel. Ich habe damals gesagt, dass es nicht an uns Deutschen ist, darüber zu entscheiden, wohin die Menschen auswandern wollen. Dass wir aber Juden, die wieder nach Deutschland kommen, das nicht verwehren wollen, sondern, dass wir im Gegenteil dankbar seien, wenn jüdisches Leben in Deutschland wieder wachse. Für die jüdischen Gemeinden war der starke Zuwachs russischsprachiger Mitglieder eine immense Herausforderung. Sie haben sie bewältigt – und wie diese Integrationsleistung gelungen ist, kann unserem Land als Ganzes ein Vorbild sein!

In Deutschland werden heute wieder Rabbiner ordiniert, jüdische Kinder besuchen jüdische Kindergärten und Schulen – auch mit Kindern anderer Religionen. Es ist ein dichtes Netz persönlicher Beziehungen entstanden, das viele Menschen freundschaftlich verbindet. Gelebtes Judentum gehört wieder zum Alltag. 
Zu diesem Alltag gehört aber auch, dass keine jüdische Einrichtung in Deutschland ohne Polizeischutz auskommt, dass Juden Anfeindungen ausgesetzt sind, sogar tätlichen Angriffen. Dass jüdische Kinder in der Schule angepöbelt und gemobbt werden. 

Ich kann und ich will mich damit nicht abfinden! 
Es ist beschämend für unser Land, dass Juden wieder mit dem Gedanken spielen auszuwandern. Weil sie sich bedroht sehen. Weil sie sich in unserem Heimatland nicht sicher fühlen. 
Wir dürfen unsere „zweite Chance“ nicht verspielen. Jede Form von Antisemitismus ist unerträglich, erst recht in unserem Land. Das gilt für alle, die hier leben – auch für jene, für die die deutsche Vergangenheit nicht die eigene ist und die hier oder anderswo vielleicht selbst Ablehnung und Diskriminierung erfahren haben.

Scham allein reicht nicht. Appelle auch nicht. 
Sie haben Recht, sehr geehrte Frau Knobloch: Dauernd nur „Nie wieder“ zu sagen – das ist zu wenig. Demokratie und unsere freiheitliche, pluralistische Gesellschaftsordnung sind alles andere als selbstverständlich. Sie müssen verteidigt werden. 
Im Kampf gegen Antisemitismus und gegen jegliche Form von Rassismus und Diskriminierung braucht es die unmissverständliche Härte des Rechtsstaates. Und es braucht in der Gesellschaft Aufklärung, Information, Austausch. Und wir brauchen mehr Wissen über die jüdische Kultur, über jüdische Tradition und Theologie. 

Ich habe in den 90er Jahren intensive Gespräche mit Ignaz Bubis geführt. Er hat damals schon bemängelt, dass der Unterricht über das Judentum weitgehend auf den Holocaust reduziert werde. Und er wandte dagegen ein, das Judentum sei mehr als der Holocaust gewesen. „Die Vernichtung der Juden war zugleich Vernichtung von geistiger und kultureller Substanz der Deutschen“ – so Bubis.
Es wäre interessant zu erfahren, was Jugendliche in Deutschland über den jüdischen Beitrag zur deutschen Geschichte und zum kulturellen Reichtum unseres Landes wissen. Ich befürchte, viel zu wenig. Dabei ist er immens. In praktisch allen Bereichen – in Kultur, Literatur, Musik, Wissenschaft und Forschung oder Wirtschaft. Wie kurz wäre die Liste deutscher Nobelpreisträger ohne die deutschen Juden! 

Die europäische Kultur, unsere Werte und unsere freiheitliche Ordnung speisen sich zu einem großen Teil aus der jüdischen Tradition. Die zeitlosen und universellen Botschaften des Dekalogs bilden die Grundlage unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Der Begründer des Christentums war ein Rabbi. Das vielzitierte christliche Gebot der Nächstenliebe ist jüdischen Ursprungs. „Liebe deinen Nächsten – er ist wie du“, so hat Martin Buber das Gebot ins Deutsche übertragen – es täte uns allen gut, wenn wir wirklich danach handelten. Die Sprache der Bibel prägt bis heute unsere Ausdrucksweise. Aber es fehlt leider häufig das Bewusstsein für die Ursprünge. Auch für die Rolle des Judentums als Quelle für die Entwicklung der Menschenrechte. 

Das Wissen über die deutsche Schuld, über den Holocaust, bleibt unverzichtbar. Es braucht deshalb auch weiterhin schulische Projekte, die dazu beitragen. Wir sollten aber auch das Wissen über das jüdische Leben vor dem Zweiten Weltkrieg stärker vermitteln. Insbesondere an junge Menschen. Denn es liegt tatsächlich nicht allein an den Juden, ob es in Deutschland auch in Zukunft ein deutsches Judentum geben wird. Und nicht allein, aber doch vorrangig an den jungen Menschen in unserem Land. 
Ich weiß aus Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen: Sie sind beeindruckt, wenn sie selbst erforschen, dass es in ihrer Stadt, ihrem Dorf oder in ihrer Straße früher blühendes jüdisches Leben gab. Sie sehen dann auch ihre Umgebung mit anderen Augen und stellen Fragen. Im besten Fall schlagen sie eine Brücke aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Um mehr über jüdisches Leben heute zu erfahren – mit seinen vielen religiösen Ausprägungen, Strömungen und Traditionen. Einblicke in den jüdischen Alltag in Deutschland bräuchte es noch viel mehr, und auch dazu sollten schulische Projekte beitragen. Gerade weil sich unser Land so stark verändert, noch vielfältiger wird. Weil Toleranz in einer pluralistischen Gesellschaft nur funktioniert, wenn man einander kennt.

Meine Damen und Herren,
an diesem Ort kann ich gar nicht anders, als an die bekannten Worte von David Ben Gurion zu denken: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ Es hat hier eine besondere Aussagekraft, zumal im 70. Jahr nach der Gründung des Staates Israel. Durch bloßes Warten und Hoffen geschieht aber in der Regel nicht viel. Es braucht tatkräftige Realisten, wie Heinz Galinski es war. Die Lyrikerin Rose Ausländer hat es so ausgedrückt: „Das Wunder wartet auf uns.“ Darauf zugehen müssen wir selbst – mit Zuversicht. Dann gelingt auch die Zukunft.

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