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Artikel

Rede anlässlich des 100. Geburtstages von Raoul Wallenberg im Centrum Judaicum am 15. Oktober 2012

„Mir bleibt keine andere Wahl.“

Unter diesem Titel steht die Ausstellung, die aus Anlass des 100. Geburtstages von Raoul Wallenberg an das vielleicht größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit erinnert und zugleich auch an die Tragödie, dass ausgerechnet der, der sich diesem Verbrechen mit ganz ungewöhnlicher persönlicher Energie und beispiellosem Erfolg in den Weg gestellt hat, selber nicht zu retten war.

„Mir bleibt keine andere Wahl“, das ist der  wahrscheinlich meist zitierte Satz des kurzen Lebens einer großen Persönlichkeit, die den Eindruck erzeugt, als hätte es für dieses Leben keine anderen Möglichkeiten gegeben. Tatsächlich ist eher das Gegenteil richtig. Raoul Wallenberg wurde im August 1912 in der Nähe von Stockholm in einer berühmten Bankiers- und Unternehmensfamilie geboren. Seine Schwester hat daran erinnert, dass sein Vater drei Monate vor der Geburt des Sohnes gestorben war und sein Großvater väterlicherseits großen Einfluss auf seine frühen Jahre hatte; er war schwedischer Diplomat. Die Mutter Wallenbergs hatte auch jüdische Vorfahren. In der ersten Hälfte der 30er-Jahre hat Raoul Wallenberg in den Vereinigten Staaten studiert, Architektur. Er hat außerdem ein Sprachstudium in Deutsch, Englisch und Französisch absolviert. Nach dem Studium hat er zunächst eine Anstellung als Geschäftsmann in Südafrika, in Kapstadt, und dann in Palästina, in Haifa, wo er zum ersten Mal von Verfolgung der Juden in Deutschland aus erster Hand erfuhr. Er war dann in Stockholm ein gut beschäftigter, ungefährdeter Geschäftsmann. Als er ohne jede – schon gar rechtliche – Verpflichtung als schwedischer Diplomat nach Budapest ging, hatte er viele andere Möglichkeiten, sein weiteres Leben zu gestalten. Er hat sich entschieden, die Aufgabe anzunehmen, für die damals jemand gesucht wurde, der von Herkunft, beruflicher Erfahrung, persönlichen Verbindungen, nicht zuletzt auch Sprachkenntnissen, die Rolle überhaupt wahrnehmen konnte, die damals zu besetzen war, als Ungarn von deutschen Truppen okkupiert wurde. Das war im März 1944. Ab April 1944 mussten alle ungarischen Juden den gelben Stern tragen, noch im gleichen Monat begann die Ghettoisierung der ländlichen jüdischen Bevölkerung.

In einer deutschen Zeitung war vor ein paar Wochen aus Anlass des 100. Geburtstages von Raoul Wallenberg zu lesen: „Er war der verwöhnte Sprössling einer steinreichen Familie, aber frustriert, weil er nicht die Aufgaben bekam, die er für angemessen hielt.“ Die Aufgaben, die er jetzt übernahm, hätte er selbst nicht für angemessen halten können, niemand konnte das für angemessen halten. Aber das, was er damals als blutjunger Mann ohne jede diplomatische Berufserfahrung in Budapest nach seinem Eintreffen am 9. Juli 1944 auf den Weg gebracht hat, ist nicht nur in der Diplomatiegeschichte beispiellos.

Er hat damals ein Büro mit 16 Zimmern gemietet und eine „Humanitäre Abteilung“ seiner Gesandtschaft eingerichtet, in der er anfangs zwölf, am Ende 340 Angestellte und Hilfskräfte beschäftigte. Er hatte den Entwurf eines schwedischen Schutzpasses improvisiert und mit einer ebenso bewundernswerten Fantasie wie Energie Dinge probiert und durchgesetzt, die einem auch nachträglich beinahe unbegreiflich vorkommen. Dass unter den Bedingungen der Zeit die von ihm erstellten Pässe das schwedische Wappen verkehrt abbildeten, war vielleicht dasjenige in der damaligen Zeit, was am
wenigsten verkehrt war. Allein auf diesem Wege durch die Ausstellung der von ihm organisierten Schutzpässe konnten etwa 15.000 Personen gerettet werden. Er hat mehr als 30 sogenannte „Schutzhäuser“ errichtet – mit Krankenstationen, unter Tarnnamen wie „Schwedische Bibliothek“ oder „Schwedisches Forschungsinstitut“ oder was ihm auch immer eingefallen ist, jedenfalls regelmäßig mit schwedischen Flaggen behängt – und auf diese Weise exterritoriale Zufluchtsorte geschaffen. Er ist in laufende Transporte gegangen und hat durch Verlesen von Namenslisten schwedischer Schutzbefohlener Personen noch auf dem Todesmarsch zurückgeholt. Diejenigen, die ihn erlebt haben, beschreiben ihn als einen ebenso uneitlen, unauffälligen, wie auch energischen Menschen, dem zu erreichen dieses Zieles beinahe jedes Mittel recht war. Bitten, Empfehlungen, Hinweise, Drohungen, Täuschungen, was immer nur geeignet erschien, Menschenleben zu retten. Insgesamt rettete er während der ganzen 192 Tage, die seine Mission dauerte, rund 100.000 Menschen. In einer außergewöhnlich kurzen Zeit hat er außergewöhnlich viel erreicht. Aber natürlich nicht genug, um rund 200.000 Budapester Juden vor dem Tod zu bewahren.

Meine Damen und Herren, in seinem großen „Roman eines Schicksallosen“, erzählt Imre Kertész die autobiografisch geprägte Geschichte eines 15-jährigen Jungen, der 1944, also genau in dieser Zeit, als 15-Jähriger aus einem Bus geholt und nach Auschwitz gebracht wird. Er erzählt diese Geschichte in einem
geradezu empörend unauffälligem Ton, als seien die unglaublichen Ereignisse schlicht der Normalfall, mit dem man sich damals auseinanderzusetzen hatte. Imre Kertész hat bei einem Weltbankett in Stockholm, am Tage der Verleihung des Literaturnobelpreises, in Anwesenheit des schwedischen Königs und des ungarischen Ministerpräsidenten in seiner Tischrede hervorgehoben, für ihn, Imre Kertész, war der Holocaust, dem er selber nur durch ein Wunder entkam, „ein Trauma, nicht nur der deutschen, sondern der europäischen Zivilisation“. Er
habe das wahre Antlitz dieses Jahrhunderts gesehen. Dass ein Mann mit der Biographie von Imre Kertész und von seinem Rang heute in Berlin lebt, das ist, jedenfalls für mich, ein kaum überbietbares Symbol des neuen Europa, in dem wir heute miteinander leben, als sei es eine schiere Selbstverständlichkeit, die gegen die Logik der europäischen Geschichte nie anders vorgesehen gewesen sei. In seinem berühmten Aufsatz „Die exilierte Sprache“ hat Imre Kertész geschrieben: „Meiner Ansicht nach wird die Tragödie des Judentums nicht beschädigt und auch nicht geschmälert, wenn wir den Holocaust heute, mehr als fünf Jahrzehnte danach, als Welterfahrung, als europäisches Trauma betrachten. Schließlich hat sich Auschwitz nicht im luftleeren Raum vollzogen, sondern im Rahmen der westlichen Kultur, der westlichen Zivilisation, und diese Zivilisation ist ebenso Auschwitz-Überlebender wie einige zehn- oder hunderttausend über die ganze Welt verstreute Männer und Frauen, die noch die Flammen des Krematorien gesehen und den Geruch des verbrannten Menschenfleischs eingeatmet haben. In diesen Flammen wurde alles zerstört, was wir bis dahin als europäische Werte schätzten und an diesem ethischen Nullpunkt, in dieser moralischen und geistigen Finsternis erweist sich als einziger Ausgangspunkt gerade das, was diese Finsternis erzeugt hat: der Holocaust.“

Imre Kertész hat in diesem Zusammenhang von der „unermesslichen moralischen Reserve“ gesprochen, die sich aus diesem Ereignis und dieser Erfahrung unserer Zivilisation ergeben habe. So etwas kann überhaupt nur jemand sagen und schreiben, der es selbst erlebt hat. Dass in diesen unglaublichen Zeiten die europäische Zivilisation nicht untergegangen ist, das verdanken wir Männern wie Raoul Wallenberg. Und deswegen ist das Jahr, in dem wir an seinen 100. Geburtstag erinnern, eine besonders gute Gelegenheit, das eine wie das andere ins Bewusstsein zurufen: Dass es diese Verbrechen tatsächlich gegeben hat und dass es Menschen gab, die es nicht akzeptiert haben
und sich dagegen aufgelehnt haben und die etwas unternommen haben, um die Katastrophe – so weit wie es überhaupt menschenmöglich war – in Grenzen zu halten.

„Mir bleibt keine andere Wahl“ – hat Raoul Wallenberg nicht einmal, sondern mehrfach in Briefen nach Stockholm geschrieben, immer wieder mit dem Hinweis, „Ich habe diese Aufgabe angenommen und könnte nie zurückkehren, ohne zu wissen, dass ich alles getan habe, was in der menschlichen Macht liegt, um so viele Juden wie möglich zu retten.“ Was in seiner Macht lag, hat er weiß Gott getan, umso bedrückender ist die Erfahrung, dass er, der so unglaublich vielen Menschen das Leben gerettet hat, selber nicht zu retten war – nachdem die Befreiung Budapests sich als die Ersetzung eines totalitären Regimes durch ein anderes herausstellte. Und auch dies bleibt eine Mahnung, die nicht nur im Jahr seines 100. Geburtstages von Bedeutung bleibt.

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