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Ansprache von Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert am 3. Oktober 2015

Exzellenzen, verehrte Gäste, meine Damen und Herren!

25 Jahre Deutsche Einheit sind Anlass zu stillem Stolz, lauter Freude und vor allem zu großem Dank,

-      zunächst gegenüber all den Männern und Frauen in Ost und West, die über Jahrzehnte für Freiheit und Selbstbestimmung gekämpft und schließlich die Einheit unseres Landes in Freiheit errungen haben.

-      Und wir haben Anlass, Dank zu sagen all unseren Nachbarn und Freunden in der Welt, ohne deren Unterstützung wir die historische Chance zur Wiedervereinigung unseres Landes nicht hätten umsetzen können.

Stellvertretend für andere nenne ich die damaligen Präsidenten der USA und der Sowjetunion, George Bush und Michail Gorbatschow, die ihrer jeweils besonderen Verantwortung in beispielhafter Weise gerecht geworden sind.

Möglich wurde die Einheit dank einer ebenso besonnen wie entschlossen handelnden Politik in Deutschland, vor allem des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, von Hans-Dietrich Genscher, Theo Waigel und Wolfgang Schäuble und vielen anderen. Dies gilt auch für Lothar de Maiziere und die von ihm geführte letzte DDR-Regierung und Sabine Bergmann-Pohl und die Kolleginnen und Kollegen der frei gewählten Volkskammer. An sie alle denken wir heute mit Respekt und in großer Dankbarkeit. Unser besonderer Gruß gilt Helmut Kohl, dem Kanzler der Einheit und Ehrenbürger Europas, der heute leider nicht unter uns sein kann und dem wir auf diese Weise unsere Verbundenheit und unsere besten Wünsche übermitteln.

Meine Damen und Herren,

„Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein, im Innern und nach außen“: Als Willy Brandt, der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, in seiner ersten Regierungserklärung als Bundeskanzler diesen hohen Anspruch formulierte (1969), gab es zwar ein deutsches Volk – aber in zwei deutschen Staaten. Wer damals so jung war wie das vereinte Deutschland heute, Mitte zwanzig, war noch in den letzten Kriegsmonaten geboren und kannte nichts anderes als ein geteiltes Land. Das Reichstagsgebäude hinter mir war noch eine Ruine, erinnerte an den Schrecken, der von Deutschland ausgegangen war und wurde gerade erst wieder instand gesetzt. Direkt dahinter verlief die Mauer, die Berlin zerschnitt wie der Eiserne Vorhang das ganze Land: Familien, Gemeinden, Regionen – und auch ein Europa, das sich im Kalten Krieg bis auf die Zähne bewaffnet in zwei Blöcken feindlich gegenüberstand.

Inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen, die erste Generation des in Freiheit wiedervereinigten Deutschland. Zum ersten Mal überhaupt in der deutschen Geschichte leben wir in Frieden mit allen unseren Nachbarn. Glücklichere Zeiten hatten wir in Deutschland nie. Allzu schnell haben wir uns daran gewöhnt, diesen Ausnahmezustand unserer Geschichte für den Normalzustand zu halten, und zumindest denjenigen, die nach dem Jahr 1990 geboren sind, wird man das schwerlich vorwerfen können. Sie haben in ihrem Leben nie andere Verhältnisse erlebt. Aber wir sollten nicht heute für selbstverständlich halten, was wir jahrzehntelang für ausgeschlossen gehalten haben. Umso wichtiger ist es, an unserem Nationalfeiertag an die wunderbaren Ereignisse und grundlegenden Veränderungen zu erinnern, die vor einem Vierteljahrhundert zur deutschen Einheit und zugleich zum Zusammenwachsen Europas geführt haben. Das eine war und ist ohne das andere nicht zu haben.

Verehrte Gäste,

am 3. Oktober 1990, heute vor 25 Jahren, feierten wir hier auf dem Platz der Republik die Einheit in Freiheit und in Frieden mit all unseren Nachbarn. Seitdem hat sich die Welt weiter gründlich gewandelt – und mit ihr Deutschland. Gemeinsam haben wir dieses Land verändert. Über vieles haben wir gestritten und streiten wir noch heute, denn nicht alles ist uns gelungen und nicht alles gleich gut; doch zweifellos ist Deutschland heute stärker, vielfältiger, bunter, offener, auch anziehender als je zuvor, ein Vorbild, ein Zufluchtsort für viele, und für manche sogar ein Sehnsuchtsland. Daraus ist eine besondere Erwartung und Verantwortung entstanden, die wir wahrnehmen müssen, mit Selbstbewusstsein und mit Augenmaß. „Verantwortung wird leichter, wenn wir sie zusammen tragen.“ (Julia Engelmann)

Ich bedanke mich bei allen, die diesen wunderbaren Abend vorbereitet, organisiert und gestaltet haben, vor allem bei den vielen jungen Leuten, als Vertreter der Generation, die jetzt Mitverantwortung übernimmt für ihr Land – für einen Staat, von dem einmal die hier Geborenen mit den Zugezogenen gemeinsam sagen sollen: Das ist unser Land, einig, demokratisch und frei!

Für Jean Claude Juncker, den Präsidenten der EU-Kommission, dessen Grüße ich ausrichte, ist das heutige Deutschland nicht nur der beste Staat, den es je auf deutschem Boden gab. Als Ministerpräsident unseres kleinsten Nachbarlandes Luxemburg hat er einmal erklärt: „nie in der europäischen Geschichte war Deutschland seinen Nachbarn ein besserer Nachbar als heute“.

Das eine Kompliment ist so bemerkenswert wie das andere – und beides ist ganz sicher ein Grund, am Tag der deutschen Einheit zu feiern, ein wenig stolz, vor allem dankbar. Begreifen wir das Glück der Einheit auch als Ermutigung, gemeinsam die Herausforderungen anzugehen, vor denen wir nicht alleine stehen – um im vereinten Europa zu bleiben, was wir geworden sind: ein Volk der guten Nachbarn, im Innern und nach außen!

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