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SED-Opferbeauftragte

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„Traumata anerkennen, Entschädigung zahlen“ – Interview, 16. Juni 2021

Die SED-Opferbeauftragte im Interview mit dem SWR, 16. Juni 2021.

Was wird denn Ihre primäre Aufgabe sein?

Evelyn Zupke: Als erste Aufgabe sehe ich – das Amt ist ja Teil eines bereits bestehenden Netzwerkes aus vielen Institutionen wie den Landesbeauftragten, den Opferverbänden – dieses erst mal zu sammeln, die Kompetenzen zu bündeln und dann auf politischer Ebene sozusagen für die Opfer einzubringen. Und es geht natürlich auch um den gesamtgesellschaftlichen Prozess, das heißt den Opfern zu helfen und damit auch eine Brücke in die jüngere Generation zu schlagen.

Es hat ja Tausende Opfer der SED-Diktatur gegeben, was können Sie für die Menschen tun, die sich noch heute, mehr als 30 Jahre nach dem Ende der DDR, an Sie wenden?

Zupke: Daneben, dass das Gedenken bestehen bleiben muss, gibt es ja tatsächlich noch die Opfer und auch noch die Nachkommen der Opfer. Und auch das ist im Gesetz ja beschrieben, dass die Hilfe oder die Ansprechpartner für die Opfer auch bis in die nächste Generation gehen kann. Und da sehe ich zum Beispiel konkrete Hilfe, dass beim Rehabilitierungsgesetz bestimmte Dinge geändert werden müssen, das betrifft zum Beispiel die gesundheitliche Begutachtung. Das sehe ich als einen wesentlichen Bestandteil an, dass die Opfer nicht durch solche Begutachtung zum Beispiel retraumatisiert werden. Das wäre etwas ganz Konkretes, was in Angriff zu nehmen wäre.

Aber da muss ich nochmal nachhaken: Was wird da genau begutachtet, auch 30 Jahre danach noch?

Zupke: Viele Opfer sind traumatisiert, die meisten Opfer sind traumatisiert in verschiedenen Schweregraden natürlich. Das Leid was über die Menschen hereingebrochen ist, was die Traumatisierung dann hervorgerufen hat, bleibt ein Leben lang Und diese Traumatisierung bringt gesundheitliche, sowohl psychische als auch körperliche Schädigungen mit sich. Und diese Schädigungen festzustellen daraus generieren sich dann auch Ansprüche. Und durch diesen Prozess zu gehen, dass die Opfer das beweisen müssen, dass sie bestimmte Schädigungen aufgrund dieser Traumatisierung, aufgrund dessen, dass sie Opfer der SED-Diktatur geworden sind, beweisen zu müssen, das muss man dringend umkehren, ich denke man muss diese Beweislast umkehren.

Sie selbst sind 1962 in Binz an der Ostsee auf der Insel Rügen geboren worden. Was haben Sie selbst in der ehemaligen DDR erleben müssen?

Zupke: Also ich hatte ja, bis ich jugendlich war, eine ganz normale Kindheit, dann kam die Schule, ich hab' Abitur gemacht, und dort begannen meine ersten politischen – ja, Widerstand würde ich das nicht nennen, das wäre viel zu hoch gegriffen – dass ich anfing zu denken und Fragen zu stellen, das war ja in der DDR nicht erwünscht. Es war ja: Anpassung wurde belohnt und eigenes Denken wurde sanktioniert. Und so wurde dann eine Weiche nach der anderen gestellt. Am Ende fand ich meinen Weg in die Opposition. Ich war in Berlin-Weißensee, ich habe mit meiner Gruppe, dem Weißenseer Friedenskreis, wir haben den Wahlbetrug aufgedeckt, wir haben die ersten Protestaktionen in Ost-Berlin organisiert, wir haben das vollendet, was damals am 17. Juni begann, wurde mit der friedlichen Revolution vollendet.

Die Zeit der SED-Diktatur entfernt sich ja immer mehr von der Gegenwart. Was müssen wir heute für die Zukunft aus diesem Teil der deutsch-deutschen Geschichte mitnehmen?

Zupke: Ja, wir müssen mitnehmen, dass Freiheit und Demokratie nicht selbstverständlich sind und dass wir darauf achten müssen, dass dieses nicht verloren geht, die Freiheit und die Demokratie, und dass wir darauf achten müssen, dass dieses Gedenken nicht verloren geht. Dass wir die Erfahrung aus den letzten Jahrzehnten mit in die nächste Generation tragen müssen, sonst können die Menschen nicht verstehen, was es bedeutet, in Freiheit und Demokratie leben zu dürfen, und was es bedeutet, Freiheit und Demokratie nicht zu haben. Also das ist diese Brücke in die Zukunft.

Das Gespräch führte Arne Wiechern.

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