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SED-Opferbeauftragte

Artikel

7. März 2022

„Heute richten wir den Blick auf die Frauen, deren Menschenrechte in der DDR verletzt wurden“

Das Bild zeigt eine Frau die hinter einem Pult steht und zu den Zuschauern spricht. Rechts von ihr befindet sich ein Podium mit zwei Frauen die sitzen.

Die SED-Opferbeauftragte bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bremen, anlässlich des internationalen Frauentags.

© DBT / Korge

Sehr geehrter Herr Dr. Altenhof,
liebe Elke Schlegel,
liebe Manuela Morgenstern,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

an Tagen wie diesen kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Viel zu verstörend sind die Bilder und Nachrichten, die uns in den letzten Tagen aus der Ukraine erreicht haben.

Als vor mehr als dreißig Jahren die Mauer und der Eiserne Vorhang fielen, erlebten wir einen der glücklichsten Momente der Geschichte. Demokratie, erkämpft durch den Freiheitswillen der Menschen, hatte über Diktatur gesiegt. Der kalte Krieg, die ständige Sorge über einen Krieg mitten in Europa, schien ein für alle Mal in die Geschichtsbücher verbannt. Wenn wir heute in die Ukraine blicken, sehen wir schmerzlich, wie verletzlich Demokratie sein kann. Gleichzeitig erleben wir eine nie dagewesene Solidarität zwischen den Demokraten auf der ganzen Welt. Demonstrationen als Signal an die ukrainische Bevölkerung, dass wir sie nicht vergessen. Und ganz konkrete Hilfe für die Tausenden Geflüchteten, die in diesen Tagen ihre Heimat verlassen müssen.

Gerade die Hoheneckerinnen, von denen einige heute hier sind, können aus eigener Erfahrung davon berichten, was es heißt, aus einem Land zu flüchten und mit nichts in der Hand neu beginnen zu müssen. Ohne Aussicht auf eine Rückkehr in die Heimat. Ein Punkt ist mir in diesen Tagen besonders wichtig. Gerade jetzt, in dieser schwierigen Zeit, dürfen wir die Zivilgesellschaft und die Opposition in Russland nicht vergessen. Gerade aus unserer eigenen Geschichte, aus der Geschichte der deutschen Teilung, wissen wir, dass Veränderungen fast ausschließlich von Innen angestoßen werden können. Ermutigen wir die Menschen in Russland, sich der Staatsmacht entgegenzustellen. Aus eigener Erfahrung, aus der Friedlichen Revolution von 1989, weiß ich, wie wichtig es für eine Oppositionsbewegung ist, zu wissen, dass Menschen außerhalb des eigenen Landes an einen denken und auf die Missstände aufmerksam machen.

Morgen ist Frauentag. Ich muss es Ihnen gestehen. Als geborene DDR-Bürgerin sind für mich mit diesem Tag keine guten Erinnerungen verbunden. Ich erinnere mich noch sehr gut an das staatlich verordnete Feiern. Und an die öffentlichen Huldigung von Frauen, die ihr persönliches Leben für den Sieg des Sozialismus zurückgestellt haben. Wie jedes Jahr konnte man im Vorfeld des Frauentags auch in diesem Jahr wieder in manchen Zeitungen lesen und von manchen Politikern bis hin zu Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten hören: Die DDR sollte Vorbild für uns sein, für Gleichberechtigung und Kinderbetreuung.

Die DDR als Vorbild? Wenn ich sowas höre, frage ich mich: Wird dort von dem Land gesprochen, in dem ich gelebt habe? Viele Frauen in der DDR haben keine Gleichberechtigung erlebt, sondern Zwang. Individualität war nicht erwünscht, sondern Konformität und zwingende Bereitschaft sich dem Kollektiv unterzuordnen. Ich denke dabei ganz besonders auch an Einrichtungen, wie die Wochenkrippen, in denen die Kinder von Schichtarbeiterinnen, mitunter nur sechs Wochen alt, von Montag bis Freitag oder auch bis Sonnabend, 24 Stunden, Tag und Nacht, ohne Kontakt zu Mutter oder Vater, betreut wurden. Die Entscheidung, wieviel Zeit die Frauen für die Arbeit oder die Familie einsetzen wollten, wurde einfach durch das System getroffen. Gleichzeitig wurden die Frauen, die sich dem System nicht fügen wollten, mit unerbittlicher Härte verfolgt und bestraft. Ich wünsche mir einen Frauentag ohne Verklärung des Lebens in der SED-Diktatur und ohne eine Verharmlosung des Kommunismus. Mir liegt es daher besonders am internationalen Frauentag am Herzen, den Blick auf die Frauen zu richten, deren Menschenrechte verletzt wurden und die bis heute viel zu häufig im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung stehen.

Als ich im Sommer letzten Jahres das Amt der SED-Opferbeauftragten antrat, führte mich meine erste Reise nach Hoheneck zum Frauenkongress der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft. Hoheneck, das war mir natürlich seit Jahrzehnten ein Begriff. In der DDR-Opposition war es für uns eine Art Synonym für das, was einem drohen konnte, wenn man in die Mühlen der Stasi und der gelenkten Justiz gerät. Obwohl ich viel über Hoheneck gelesen und gehört habe, hat mich offen gestanden die Wucht dieses Ortes und die Begegnungen mit den Hoheneckerinnen überwältigt. Über 8.000 Frauen waren als politische Häftlinge über die Jahre im Frauenzuchthaus inhaftiert. Diese Zahl „8.000“ wirkt so abstrakt. Wenn man aber Hoheneck besucht und die Frauen kennenlernt, bekommen die Opfer ein Gesicht und sie bekommen eine Stimme. Es waren 8.000 Menschen, die für Freiheit und Selbstbestimmung gekämpft haben und zu Opfern eines Systems wurden.

All die Zellen, die Verhörräume, der Freihof, die Wasser- und die Dunkelzellen. All das sind stille Zeugen des massiven Unrechts, das tausende Frauen über Jahrzehnte erlitten haben. Das Grauen, das die Frauen in Hoheneck erleben mussten, das kann man an diesem Ort mit Händen greifen. Es berührt einen zutiefst, wenn man sieht, welches Leid Menschen Menschen antun können. Das alles im Namen einer Ideologie, in diesem Fall der Kommunistischen Ideologie!

Am Rande des Kongresses berichtete mir eine Frau, wie sie nach ihrer menschenunwürdigen Haft in Hoheneck schließlich freigekauft wurde. Endlich frei, studierte sie Zahnmedizin und arbeitete viele Jahre erfolgreich als Kieferorthopädin mit eigener Praxis in Westdeutschland. Über das was sie erlebt hatte, sprach sie mit niemanden. Vor ein paar Jahren holten sie die Erlebnisse von Hoheneck wieder ein: Schlafstörungen, Angstzustände, körperliche Leiden. All das wurde zu Begleitern ihres täglichen Lebens. In der Folge musste sie ihre Praxis aufgeben. Zu den körperlichen und seelischen Leiden kamen schließlich auch noch Schulden hinzu. Bis heute bemüht sie sich um die Anerkennung ihrer gesundheitlichen Folgeschäden. Bis heute ohne Erfolg.

Mit diesem Problem steht sie nicht allein. Im Durchschnitt scheitern aktuell neun von zehn Betroffenen bei der Anerkennung ihrer gesundheitlichen Schäden. Sie scheitern daran, dass sie als Betroffene den Behörden nachweisen müssen, dass eine jetzige Erkrankung auf damalige Haft, auf Zersetzung oder beispielsweise den Aufenthalt in einem Jugendwerkhof und den damit verbundenen Zwangsmaßnahmen zurückzuführen sind. Ohne den Beweis dieses Zusammenhangs erhalten sie keinen Zugang zu dringend benötigter Unterstützung. Hier müssen wir dringend etwas ändern und dafür setze ich mich in der Bundespolitik besonders ein. Für mich ist klar: Niemand der im SED-Unrechtsstaat für Freiheit und Selbstbestimmung gekämpft hat, sollte heute, in unserer demokratischen Gesellschaft, ins Abseits geraten. Aber das Leid erstreckte sich nicht nur auf die Frauen selbst, sondern betraf meist die gesamte Familie.

Als 2011 der damalige Bundespräsident Christian Wulff Hoheneck besuchte, berichtete eine ehemalige politische Gefangene von der Beziehung zu ihrem Sohn. „Nur weil du in den goldenen Westen wolltest, gab es niemanden der mich im Kinderheim zugedeckt hat, als ich gefroren habe.“ Diese Worte des Sohnes an seine Mutter zeigen uns, wie weit der Schatten der Diktatur reicht. Die Weitergabe der Traumata zwischen den Generationen ist ein Thema, welches bisher viel zu wenig Wahrnehmung gefunden hat. Mir ist es daher wichtig, dass gerade die Kinder von politisch Verfolgten eine stärkere Lobby in unserer Gesellschaft erhalten.

Liebe Elke Schlegel, auch Du setzt Dich dafür ein! In Deinem autobiografischen Roman, 5 Monate und 24 Tage, schilderst Du eindrucksvoll, wie der Kampf um und die Suche nach Freiheit für Dich und Deinen Mann in Gefangenschaft endete; getrennt von Eurem damals 2 jährigen Sohn. Erst nach einem langen Jahr solltet Ihr ihn wiedersehen. Diese grausame Trennung und zeitweise Ungewissheit über seinen Verbleib hat für immer Narben in eurer Familie hinterlassen.

Das Frauenzuchthaus Hoheneck liegt, wie eine Burg, über der Stadt. Von nahezu jeder Stelle im Ort ist es gut sichtbar. Das Zuchthaus war kein geheimer Ort. Kein geheimes Lager, von dem niemand so genau wusste, wo es liegt. Das Zuchthaus war Teil des Alltags der Menschen in Stollberg. Es war sogar so präsent, dass man in den Straßen das Bellen der Hunde hören konnte, die das Gefängnis Tag und Nacht bewachten, damit niemand aus der Hölle von Hoheneck fliehen konnte.

Wer aber waren diese Menschen, die tagtäglich im Frauenzuchthaus lebten? Wer waren die Menschen, die dort arbeiteten und wie blicken sie heute auf ihren Beitrag zum Funktionieren des „Systems Hoheneck“? Dies sind Fragen, die bis heute weitgehend unbeantwortet sind.

Immer wieder stelle ich, gerade im Gespräch mit Journalisten, fest, dass die Auseinandersetzung mit dem SED-Unrecht als eine ostdeutsche Angelegenheit angesehen wird. Ihnen berichte ich dann von den Frauen von Hoheneck. Von der Zwangsarbeit: z.B. davon, dass 1974  jede Frau pro Schicht, die Seitennähte von bis zu 200 Bettbezügen vernähen musste. Diese „Arbeitsnormen“ stiegen mit der Zeit an; im Jahr 1988 belief sich die Vorgabe für die Näherinnen auf 287 Bettbezüge. Wenn sie das nicht schafften, wurden sie auf das Härteste bestraft; z.B. mit Einzelhaft, Absonderung und anderen Schikanen. Die Bettwäsche wurde nahezu vollständig an westliche Handelsketten geliefert und fand sich als Billigware auf bundesrepublikanischen Grabbeltischen wieder. Auch die Strumpfhosen, die die politischen Häftlinge unter widrigsten Arbeitsbedingungen nähen mussten, waren nicht nur für den DDR-Markt bestimmt. „Strumpfhosen made in Hoheneck“ oder wie es der Historiker Tobias Wunschik treffend ausgedrückt hat:  „Knastware für den Klassenfeind“.

Westdeutsche Firmen wie z.B. Quelle Aldi, Q Woolworth, C&A, Siemens, ließen sich mit der SED-Diktatur ein und nutzen die Zwangsarbeiterinnen in den Gefängnissen als billige Arbeitskräfte. Als sie endlich in Freiheit waren, erkannten nicht wenige ehemalige Inhaftierte, die von ihnen hergestellten Waren beim Gang in ein Kaufhaus wieder. Ich weiß nicht, ob wir uns vorstellen können, was sie dabei gefühlt haben!? Mitte der 80iger Jahre berichteten westdeutsche Medien über diese schmutzigen Deals. Ein Aufschrei in der westdeutschen Bevölkerung aber blieb aus. Kein Boykott durch die Kunden, keine nennenswerte Reaktion der Politik und die Produktion lief einfach weiter. 

Die Knastware aus Hoheneck zeigt uns eindrücklich: Die Auseinandersetzung mit der DDR-Zwangsarbeit ist keine Frage Ostdeutschlands.

Hoheneck geht uns alle an. Aber natürlich waren auch männliche, politisch Inhaftierte betroffen von Zwangsarbeit. Ich will nur erinnern an diejenigen, die mit bloßen Händen Metall-und Quecksilberschlamm ausheben mussten! Das war, zynischer Weise gesagt, eine Form von Gleichberechtigung in der Diktatur! Der sowjetische Autor Wassili Grossmann, in seiner Erzählung  „Alles fließt“ von 1964 beschreibt dies analog so: „Die Gleichberechtigung der Frau ist nicht ist nicht an den Lehrstühlen und nicht in den Werken der Soziologen verankert worden…. (doch) in Ewigkeit verankert durch das Leid in Lagern, Transportzügen und Gefängnissen.“

Doch zurück zum Thema Zwangsarbeit in politischer Haft in der DDR-Diktatur. Mich beschämt es zutiefst, dass im Gegensatz zum schwedischen Möbelkonzern IKEA bis heute kein einziges westdeutsche Unternehmen bereit dazu ist, sich an der Aufarbeitung des Unrechts und an der Unterstützung der Opfer zu beteiligen. Wann schauen wir hin? Wann sehen wir weg?

Seit vielen Jahren besuche ich Schulen und spreche mit den Schülerinnen und Schülern über das Leben in der DDR. Mit Blick auf unsere Geschichte fragen die Schüler die Generation ihrer Eltern zurecht: Kann man mit Diktatoren Geschäfte machen? Der Blick in die Vergangenheit kann uns dabei helfen, sensibel zu sein für den Wert von Freiheit und Menschenrechten. Klären wir weiter darüber auf, was in Hoheneck und den weiteren Haftanstalten mit den Frauen passiere, die wagten dem System zu widersprechen. Entwickeln wir die Gedenkstätte in Hoheneck zu einem Erinnerungsort von nationaler Bedeutung. Helfen wir den Menschen, die bis heute mit den Folgen ihrer Inhaftierung zu kämpfen haben. Setzen wir uns auseinander mit den Strukturen von Diktatur. Durch Forschung und besonders durch den Dialog der Generationen. Nur wenn wir Licht ins Dunkel bringen, können wir den langen Schatten der Diktatur besiegen.

Für mich ist dies keine Frage von Ost oder West, oder von jung oder alt. Mein Anspruch ist es, dass wir den Opfern der SED-Diktatur helfen und gleichzeitig eine Brücke zu jüngeren Generationen schlagen. Gerade die Auseinandersetzung mit den Schicksalen der Opfer –wie den Frauen von Hoheneck, kann uns als Gesellschaft dabei helfen, den besonderen Wert unserer Freiheit und unserer Demokratie zu erkennen.

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