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SED-Opferbeauftragte

Artikel

7. November 2022

Der Widerstand der DDR-Frauen braucht noch ein richtiges Symbol - Interview

Wie erinnert man an die SED-Diktatur? Opferbeauftragte Evelyn Zupke erzählt im Interview über den 9. Oktober 1989, den Mauerfall und das DDR-Frauengefängnis im sächsischen Hoheneck. Leipziger Volkszeitung, vom 7. November 2022

Frau Zupke, Sie haben zum ersten Mal die Leipziger Stasi-Gedenkstätte in der Runden Ecke besucht. Wie wirkt die Ausstellung auf Sie?

Evelyn Zupke: Ich finde die Ausstellung sehr authentisch, weil sie zum Anfassen ist. Sie steht dafür, wie kurz nach der Besetzung die Aufklärungsarbeit durch das Bürgerkomitee begann. Natürlich muss man sehen, dass man mit Blick auf die nächsten Generationen auch mehr an Digitalisierung denkt und an Konzepte, die an den moderneren Teil der Ausstellung anknüpfen.

Die Ausstellung ist ja in Leipzig nicht unumstritten. Kritiker werfen dem Verein vor, dass die Darstellung der Stasi-Methoden museal betrachtet ziemlich altbacken daherkommt.

Zupke: Das kann ich im Detail nicht richtig bewerten, weil es nicht mein Kerngeschäft ist. Die Kritik kenne ich aber. Mein Eindruck ist, dass auch das Bürgerkomitee da dran ist und da auch durchaus' moderneren Museums-Methoden Raum einräumt. Ich hoffe, dass beides an diesem Ort möglich werden kann. Erinnerung an die frühe Aufklärungsarbeit und gleichzeitig moderne, zeitgemäße Vermittlung des Wirkens der Stasi.

Leipzig hat sich gemeinsam mit Plauen für Sachsen als Ausgangsorte der Friedlichen Revolution 1989 für das Zukunftszentrum Deutsche Einheit beworben. Wie bewerten Sie die Chancen?

Zupke: Die Bewerbung ist auf jeden Fall richtig. Zu den Chancen kann ich nichts sagen, da muss ich mich auch gegenüber den anderen Bewerbern aus Neutralitätsgründen zurückhalten.

In Leipzig wird immer der 9. Oktober als Revolutionsfeiertag gefeiert. Überregional gibt es dann aber kaum Reaktionen. Kommt dieser Tag zu kurz in der gesamtdeutschen Wahrnehmung?

Zupke: Der Tag hat leider nicht die Bedeutung, die ihm zukommen müsste. Der Koalitionsvertrag sieht vor, das Gedenkstättenkonzept zu überarbeiten, hier sollte der Widerstand in der DDR und die Friedliche Revolution mehr Gewicht bekommen. Ein weiterer Punkt ist die Gedenktagsgestaltung. Da fehlt bisher der 9. Oktober '89.

Sie setzen sich also für den 9. Oktober als gesamtdeutschen Feiertag ein?

Zupke: Es muss ja nicht gleich ein Feiertag sein, obwohl ich nichts dagegen hätte. Aber das ist gar nicht mein Ziel. Auch ein Gedenktag würde den 9. Oktober entsprechend würdigen und seine Bedeutung herausstellen. Der Widerstand 1989 führte in die Freiheit, der Widerstand in den Jahrzehnten davor führte oft in die Gefängnisse. Diesen Bogen vom frühen Widerstand zur Friedlichen Revolution müssen wir sichtbarer machen.

Wenn Sie den 9. Oktober in Leipzig so wertschätzen, halten Sie dann den Jahrestag des Mauerfalls, der sich am Mittwoch zum 33. Mal jährt, für überbewertet?

Zupke: Das würde ich nicht so sagen. Aber den 9. November hätte es ohne den 9. Oktober so nicht gegeben. Ich will das auch gar nicht so gegeneinander werten. Mir ist es vor allem wichtig, dass sich ein Gesamtbild ergibt. Erst der Widerstand in der DDR, dann die Friedliche Revolution, dann Mauerfall und Einheit.

Ist da die Erinnerungskultur richtig aufgestellt?

Zupke: Man sollte diese Dinge wie an einer Kette miteinander verknüpfen. Es ist auch wichtig, den frühen Widerstand zu würdigen. Das findet noch zu wenig Beachtung, genauso wie der Widerstand der Frauen ...

... die sich dann oft im berüchtigten DDR-Frauengefängnis in Hoheneck wiederfanden. Muss dieser schicksalhafte Ort in Sachsen nicht noch mehr in das historische Bewusstsein geholt werden?

Zupke: Ich war gerade am Sonnabend mit Kulturstaatsministerin Claudia Roth und den beiden zuständigen sächsischen Ministerinnen Barbara Klepsch und Katja Maier in Hoheneck. Wir haben mit Zeitzeuginnen gesprochen und wollen den Ort zu einer Gedenkstätte mit nationaler Bedeutung aufbauen. Denn für den Widerstand der DDR-Frauen haben wir noch kein richtiges Symbol. Das brauchen wir dringend.

Was ist für Hoheneck konkret geplant?

Zupke: Es gibt ja schon länger eine Initiative und es wird an einer Ausstellung gearbeitet. Die Gedenkstätte soll Ende 2023 eröffnen. Aktuell wird bereits an einem Konzept hierfür gearbeitet. Aber ich will dafür auf jeden Fall noch die Bundesebene stärker sensibilisieren. Die Gedenkstätte Hoheneck sollte letzten Endes vom Bund institutionell gefördert werden. Dafür werbe ich.

Das Gespräch führte André Böhmer.


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