27.04.2024 | Parlament

Gedenken an die Opfer des Kriegsgefangenen- und Speziallagers Fünfeichen (Neubrandenburg)

Auf dem Foto sind drei Männer und drei Frauen abgebildet.
Auf einer Wiese steht ein großes Kreuz als Mahnmal. Daneben stehen viele Menschen mit Blumen und Gestecken. IN der Bildmitte sind eine Frau und ein Mann abgebildet, die andächtig vor einem Blumengesteck stehen.
Das Bild zeigt eine Frau, die vor einem Kranzgebinde auf einem Friedhof steht. An dem Kranz ist eine Schleife in den Farben der Deutschlandflagge angebracht.
Das Bild zeigt eine Gruppe von Menschen die sitzen und einem Redner zuhören, der an einem Mikrofon steht. Die Veranstaltung findet auf einem Friedhof statt. Im Hintergrund sind Gräber mit Kreuzen abgebildet.

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Silvio Witt, Oberbürgermeister der Stadt Neubrandenburg, Rita Lüdtke, Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen, Evelyn Zupke, SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag, Burkhard Bley, Landesbeauftragter Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, Amélie zu Eulenburg, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Jochen Schmidt, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern (v.l.n.r.). (Team Zupke)

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Evelyn Zupke ehrt die Opfer des Kriegsgefangenenlagers Fünfeichen mit einem Blumengesteck. (Team Zupke)

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Die SED-Opferbeauftragte legt einen Kranz zum Gedenken an die Opfer des sowjetischen Speziallagers Nr. 9 nieder. (Team Zupke)

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Gedenken an die Opfer des sowjetischen Speziallagers Nr. 9. (Team Zupke)

Die Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen hatte zur Jahresgedenkfeier am 27. April 2024 in die Mahn- und Gedenkstätte Fünfeichen nach Neubrandenburg eingeladen. Der Einladung der Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen waren unter anderem die Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur beim Deutschen Bundestag, Vertreter von Land, Kommune und Stadt sowie auch die 94- und 95-jähirgen Zeitzeugen, Heinz Baars und Ulrich Heseener, und viele Angehörige gefolgt.

In ihrer Gedenkansprache bedankte sich die SED-Opferbeauftragte für die nunmehr seit 33 Jahren anhaltende ehrenamtliche Arbeit der Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen, allen voran der Leiterin Dr. Rita Lüdtke, hervor. Bis zum Fall der Mauer war die Existenz der durch die Sowjetunion eingerichteten Speziallager in der DDR tabuisiert.

„Über Fünfeichen sprechen, über das Leben in sowjetischer Lagerhaft sprechen, das war in der DDR strikt verboten. Wer den Mauern des Lagers Fünfeichen entkam, blieb doch eingesperrt im Gefängnis einer Diktatur.“

Die SED-Opferbeauftragte beendete ihre Gedenkansprache mit den Worten:

„Unser Gedenken ist der Blick zurück. Aber unser Gedenken hat ebenso auch eine Botschaft an unsere Gegenwart. Die Geschichte des Lagers Fünfeichen – Die Geschichte des Leids und der Toten. Diese Geschichte ist eine Warnung. Nie wieder Diktatur.“

Die Gedenkveranstaltung war sehr bewegenden. Einen wesentlichen Betrag leistete das Albert-Einstein-Gymnasium mit Rezitationen ehemaliger Insassen des Speziallagers durch drei ausgewählte Schülerinnen und Schüler, gefolgt von einer ökumenischen Andacht.

Die Veranstaltung endete mit einer Kranzniederlegung, die musikalisch vom Heeresmusikkorps begleitet wurde.

 

Mahn- und Gedenkstätte Fünfeichen:

Die Mahn- und Gedenkstätte Fünfeichen in Neubrandenburg ist ein besonderer Ort des gemeinsamen Gedenkens an eine doppelte Geschichte.

Während des Zweiten Weltkrieges befand sich am Ort das Kriegsgefangenenlager/Stammlager „Stalag II A“. Zwischen 1939 und 1945 waren ca. 120.000 Gefangene aus zehn Nationen im Lager interniert. Ca. 6.500 Menschen verstarben im Lager, darunter viele Angehörige der Roten Armee.
Am 28. April 1945 befreite die Rote Armee die Lager. Kurze Zeit später errichteten die sowjetischen Sicherheitsorgane auf dem Gelände des Kriegsgefangenenlagers das Speziallager Nr. 9 Fünfeichen. Die sowjetische Besatzungsmacht internierte in den Speziallagern einen wesentlich umfangreicheren Personenkreis als die westlichen Besatzungsmächte in den dortigen Internierungslagern; sie bestanden länger und wurden vor allem genutzt, um politische Gegner zu unterdrücken und gegen sie vorzugehen. Insgesamt waren ca. 15.000 Männer und Frauen und Jugendliche im Speziallager Fünfeichen interniert. Nach gegenwärtigen Erkenntnissen kam über ein Drittel von ihnen aufgrund der grausamen Haftbedingungen im Lager ums Leben. Bis zum Fall der Mauer wurde die Existenz der Speziallager in der DDR tabuisiert und eine Aufarbeitung fand nicht statt.

Hinweise aus der Bevölkerung führten im März 1990 zu Suchgrabungen, wodurch im Waldgelände östlich von Fünfeichen die Massengräber aus der Nachkriegszeit gefunden wurden. Die Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen gründete sich im April 1991; seit 2001 ist Frau Dr. Lüdtke die Vorsitzende. Im Jahr 1993 fand die Einweihung einer neu gestalteten Mahn- und Gedenkstätte statt, die an alle Opfer der Lager in Fünfeichen, der Kriegsgefangenenlager „Stalag II A“ und Oflag II E/67 (1939-1945) sowie das sowjetische „Speziallager Nr. 9“ (1945-1948) erinnert.

Zweimal im Jahr werden auf den jeweiligen Gräberfeldern Kränze für die Opfer niedergelegt. Einmal rund um den April anlässlich der Befreiung des Kriegsgefangenenlagers und einmal rund um den September anlässlich der Auflösung des Speziallagers Fünfeichen mit der Freilassung von über 5.000 Gefangenen zwischen Juli und September 1948.

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