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Kolumne der Wehrbeauftragten - November 2022

Eine Frau mit blonden Haaren und hellblauem Blazer steht vor einer Betonwand.

Wehrbeauftragte Eva Högl (DBT/Inga Haar)

Liebe Soldatin, lieber Soldat,

unsere 183.000 Soldatinnen und Soldaten leisten enorm viel. Sie sind jeden Tag gefordert. Und seit zweieinhalb Jahren sind die Anforderungen an sie außergewöhnlich hoch.

Das begann mit der Covid-19-Pandemie. Hierdurch war alles – Grundbetrieb, Ausbildung, Übung und Einsatz – eingeschränkt und erschwert. Nicht zu vergessen die Amtshilfe während dieser Zeit, die unsere Soldatinnen und Soldaten exzellent ausführten, sie jedoch zusätzlich forderte. Vieles konnte nicht wie geplant stattfinden. Etliche Verbände berichteten mir von Bugwellen bei Ausbildung und Übung, deren Abbau im Normalbetrieb bis zu zwei Jahren dauern würde. Als das Pandemie-Geschehen kontrollierbarer wurde, war an Normalbetrieb und Abbau dieses Rückstaus jedoch nicht zu denken.

Denn zum einen endete der Afghanistan-Einsatz – auf sehr dramatische Art und Weise, die eine beispiellose und hoch anspruchsvolle Evakuierungsoperation erforderte, welche unsere Soldatinnen und Soldaten herausragend ausführten. Zum anderen ereignete sich der 24. Februar 2022. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Putins auf die Ukraine verändert(e) alles. Sehr kurzfristig und sehr schnell wurde die NATO-Ostflanke verstärkt, um unsere Partner und Verbündeten zu unterstützen. Die Bundeswehr hat binnen kürzester Zeit ihr Engagement in Litauen, Estland, Rumänien, der Slowakei sowie in der Ostsee massiv ausgebaut.

Bei jedem meiner Truppenbesuche im In- und Ausland spüre ich die Auswirkungen der letzten zweieinhalb Jahre und wie belastet unsere Soldatinnen und Soldaten sind. Es gibt Verbände, die befinden sich in einem gefühlten Dauereinsatz. Sie verlegen von einem Einsatz in den nächsten, führen davor, dazwischen und danach – wann immer es möglich ist – Ausbildungen und Übungen durch. In solchen Verbänden sind nicht selten 20 % der Dienstposten unbesetzt und von den 80 % der besetzten Dienstposten sind mitunter 30 bis 40 % der Soldatinnen und Soldaten nicht vollumfänglich einsatzbereit. Das bedeutet: Immer wieder müssen dieselben ran. Unsere Soldatinnen und Soldaten sind klasse. Auch unter diesen schwierigen Bedingungen und trotz dieser Belastungen machen sie alles möglich – hoch professionell, kreativ, flexibel, motiviert und engagiert.

Die Anforderungen an die Truppe werden nicht weniger. Im Gegenteil. Mit dem entsetzlichen Krieg in der Ukraine ist die Landes- und Bündnisverteidigung endgültig (wieder) zum Kernauftrag der Bundeswehr geworden. Hierfür gilt es, die volle Einsatzbereitschaft wiederherzustellen und eine Kaltstartfähigkeit zu entwickeln. An dieser Maßgabe muss sich alles – Personal, Material und Infrastruktur, Organisation, Strukturen und Prozesse – orientieren. Das erfordert viele Veränderungen und eine extrem hohe Einsatzbereitschaft unserer Soldatinnen und Soldaten, aktuell ebenso wie in absehbarer Zukunft. Allein der deutsche Beitrag zum new force model der NATO, bei dem sich bis zu 30.000 Soldatinnen und Soldaten bereithalten müssen, binnen 30 Tagen einsatzfähig zu sein, wird ihnen sehr viel abverlangen.

Schon jetzt ist die Vereinbarkeit von Familie und Dienst extrem herausfordernd. Schon jetzt kommen Einsatznachbereitungen, Regenerationsphasen, Kuren zu kurz oder fallen runter. Beides ist jedoch absolut wichtig und notwendig für die individuelle Gesundheit, Robustheit und Motivation einer jeden Soldatin und eines jeden Soldaten, ebenso wie für die Einsatzbereitschaft und Durchhaltefähigkeit der Truppe insgesamt.

Es erfordert eine enorme Kraftanstrengung und wird ein Balanceakt werden, die aktuellen und absehbaren Anforderungen an unsere Soldatinnen und Soldaten mit Möglichkeiten des Ausgleichs und der Regeneration in Einklang zu bringen. Das muss gelingen. Denn auch Fürsorge und Betreuung sind elementare Bestandteile einer nachhaltigen Einsatzbereitschaft und Kaltstartfähigkeit.

Mit herzlichen Grüßen

Eva Högl,
Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages

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