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Kolumne der Wehrbeauftragten - Juli/August 2023

Eine Frau mit blonden Haaren und hellblauem Blazer steht vor einer Betonwand.

Wehrbeauftragte Eva Högl (DBT/Inga Haar)

Liebe Soldatin, lieber Soldat,

in den vergangenen Wochen und Monaten habe ich bei vielen Gelegenheiten einen Einblick gewonnen, wie umfassend und vielfältig die Bundeswehr die Ukraine unterstützt und was das für die Truppe bedeutet.

Zum einen war ich bei Verbänden, die Material für die Ukraine abgegeben haben – „Marder“- und „Leopard“-Panzer, Mehrfach-Raketenwerfer und Panzerhaubitzen, „Patriot“ und Pionierfähigkeiten. Diese Abgabe schmerzt die Truppe sehr. Denn sie selbst ist auf das Material für die eigene Ausbildung und Übungen dringend angewiesen. Und dennoch: In all meinen Gesprächen zeigten sich unsere Soldatinnen und Soldaten überzeugt, dass die Material-Abgabe richtig, wichtig und notwendig ist. Für sie verteidigt die Ukraine nicht nur ihre eigene Freiheit, sondern auch die Freiheit und Sicherheit ganz Europas.

Zum anderen war ich an Standorten, wo ukrainische Soldatinnen und Soldaten an Waffensystemen und in infanteristischen Spezialfertigkeiten ausgebildet werden. Das verlangt von der Truppe viel – personell, materiell und infrastrukturell. Und auch das mitunter zu eigenen Lasten. Wenn Ausbilder gebunden und Truppenübungsplätze belegt sind, bedeutet das nicht zuletzt für unsere Soldatinnen und Soldaten, dass eigene Ausbildungsvorhaben, Lehrgänge und Übungen aufgeschoben werden müssen. Doch: Die Priorisierung der Ukraine- Ausbildung und das Zurückstellen eigener Belange sind für unsere Soldatinnen und Soldaten eine Selbstverständlichkeit. Die Ausbildung wird durchgeführt – zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Das ist nicht Dienst nach Vorschrift, das ist Dienst aus Überzeugung.

Es gibt zahlreiche Verbände, die Material abgeben, ukrainische Kräfte ausbilden und dazu noch im Einsatz gefordert sind, etwa bei der Verstärkung der NATO-Ostflanke. Wie die Truppe diese drei Aufgaben gleichzeitig stemmt, beeindruckt mich sehr. Das ist eine extrem hohe Belastung.

Zumal vor allem die Ausbildungsunterstützung auch mental und emotional sehr fordernd ist. Unsere Soldatinnen und Soldaten wissen: Was sie ihren ukrainischen Kameradinnen und Kameraden vermitteln, ist nicht für irgendein theoretisches Übungsszenario, sondern für den Kampf an der Front. Die Begegnungen und Gespräche mit Ukrainerinnen und Ukrainern führen ihnen sehr eindrücklich vor Augen, was auch ihr Dienst im Ernstfall bedeuten kann. Der Krieg in der Ukraine ist keine drei Flugstunden entfernt. Durch die Ausbildung ukrainischer Soldatinnen und Soldaten rückt er nochmals näher heran.

Angesichts dieser besonderen Umstände ist es bewundernswert, mit welcher Einstellung, Ernsthaftigkeit und auch Empathie unsere Soldatinnen und Soldaten diese Unterstützung leisten. Diese Professionalität verdient allergrößten Respekt und Anerkennung.

Für unsere Soldatinnen und Soldaten sind vier Aspekte sehr entscheidend: Sie brauchen eine gute Betreuung und Fürsorge während und nach ihrem Einsatz bei der Ausbildungsunterstützung. Sie brauchen Klarheit, wann das Material, das sie abgeben mussten, nachbeschafft wird; im Idealfall muss die Nachbeschaffung mit dem Tag der Abgabe eingeleitet werden. Es dürfen ihnen – durch die Abgabe von Material oder verschobene Lehrgänge – keine Laufbahnnachteile entstehen. Und am allerwichtigsten: Die Ukraine muss den Krieg gewinnen.

Mit herzlichen Grüßen

Eva Högl
Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages

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