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Wehrbeauftragte

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„Es wäre falsch, das KSK aufzulösen“ – Interview, 23.10.2020

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© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Interview mit der Wehrbeauftragten auf „FAZ.net“ vom 23. Oktober 2020

„Es wäre falsch, das KSK aufzulösen“

Frau Högl, das KSK wird nach rechtsextremem Vorfällen grundlegend reformiert. Die Verteidigungsministerin hat dem Verband ein Ultimatum gestellt. Sie waren im Herbst zwei Tage in Calw. Was haben Sie dort gemacht?

Ich habe mir die finale Prüfungsphase der Bewerber angesehen, die früher „Höllenwoche“ genannt wurde. Da werden die Soldaten an ihre Grenzen gebracht. Ich war nicht da, um Gespräche zu führen, sondern um mitzulaufen und mitzuhören.

Welchen Eindruck haben Sie dort gewonnen?

Bei meiner Ankunft waren von 43 Bewerbern noch 18 übrig. Bei ihnen habe ich mitbekommen, wie sie in wirklichen Grenzsituationen psychisch auf Herz und Nieren geprüft werden.

Die charakterliche Eignung der Bewerber unter Belastung wird ja von jeher getestet. Haben Sie eine Prüfung miterlebt, die neu ist?

Es gab eine ganz interessante Situation nach 45 Kilometern Nachtmarsch. Da waren die Soldaten total erschöpft. Sie durften nur ganz kurz durchatmen, dann ging es weiter zum Abseilen. In dieser Situation kamen dann Psychologen und verwickelten die Bewerber in Vier-Augen-Diskussionen.

Welchen Fragen mussten sich die Soldaten stellen?

Ganz unterschiedlich: Kann der Klimawandel überhaupt mit Demokratie gestaltet werden? Müssen Leute, die nach Deutschland kommen ihre Religion aufgeben, um sich anzupassen? Muss Deutschland vor Einwanderung geschützt werden?

Die Antworten auf diese Fragen sind schon im ausgeruhten Zustand schwierig.

Genau. Und die Psychologen sagen, dass im Zustand der völligen körperlichen Erschöpfung sie nicht mehr einfach auswendig Gelerntes wiedergeben können. Da gehen sie ans Eingemachte.

Wie haben sich die Bewerber aus ihrer Sicht geschlagen?

Bei denjenigen, die ich gesehen habe, hatte ich das Gefühl: Das kann klappen. Das sind ganz besondere Persönlichkeiten.

Sie haben das KSK schon zum zweiten Mal besucht. Wie ist die Stimmung im Verband?

Der Kommandeur hat weitgehend Unterstützung für sein Bestreben, aufzuklären und zu reformieren. Auch wenn sein offener Brief im Frühjahr nicht nur auf Zustimmung gestoßen ist. Bei den Reformen gibt es so ein paar Punkte, die nicht jeder gut findet. Die Auflösung der zweiten Kompanie zum Beispiel…

… deren Angehörige der MAD durchleuchtet…

… und von denen rund die Hälfte erst nach der oft zitierten Schweinskopfparty mit den Hitlergrüßen ihren Dienst in der Kompanie angetreten hat. Die fragen sich natürlich, was sie damit überhaupt zu tun haben. Auch die Aufgabe ihres Sonderstatus ist für manche ein wunder Punkt. Das nagt am Stolz.

Der Zwischenbericht zu den Reformen im KSK wird Anfang November erwartet. Womit rechnen Sie?

Ich gehe davon aus, dass der Zwischenbericht keinerlei Anlass bieten wird, die Zukunft des Verbands infrage zu stellen. Es wäre auch falsch, das KSK aufzulösen. Wir brauchen die Spezialkräfte. Aber der Verband lässt sich in wenigen Monaten nicht so umbauen, dass ein Haken hinter die Reformen gemacht werden kann. Und die Aufklärung der Vergangenheit muss fortgesetzt und dann zügig abgeschlossen werden. Dann müssen wir dem Kommando Spezialkräfte nach dem Reset auch einen Neustart für die Zukunft ermöglichen. Mit klarem politischen Auftrag und einem neuen Vertrauen der Auftraggeber.

Interview: Lorenz Hemicker

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