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Wehrbeauftragte

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„Die Soldaten müssen ihre schrecklichen Erfahrungen loswerden“ – Interview, 25.08.2021

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© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Interview mit der Wehrbeauftragten in der Rheinischen Post vom 25. August 2021

„Die Soldaten müssen ihre schrecklichen Erfahrungen loswerden“

Frau Högl, in Afghanistan sind in fast zwei Jahrzehnten 59 Bundeswehrsoldaten gestorben, jetzt ist das Land wieder an die Taliban gefallen. Waren die Opfer umsonst?

Högl: Die Opfer der Bundeswehr in Afghanistan waren mit Sicherheit nicht umsonst. In den 20 Jahren hat sich Afghanistan zunächst sehr verändert. Es gab Bildung für Kinder, Ansätze von Demokratie, Frauen hatten mehr Rechte. Das oberste Ziel, dass internationaler islamistischer Terror nicht mehr von Afghanistan ausgehen sollte, schien für längere Zeit erreicht worden zu sein. Dafür haben Deutschland und die Bundeswehr am Ende einen hohen Preis gezahlt.

Der Abzug endet im Chaos. Wie groß ist die Wut in der Truppe auf die Politik?

Högl: Bei den Soldatinnen und Soldaten stelle ich im Moment weder übermäßige Wut noch Enttäuschung fest, aber eine hohe Besorgnis. Viele haben sich schon immer kritisch mit den Zielen der Afghanistan-Mission beschäftigt. Aktuell überwiegt in der Bundeswehr die Anspannung angesichts des sehr schwierigen und gefährlichen Evakuierungseinsatzes in Kabul.

Wühlen die Bilder aus Kabul nicht viele Afghanistan-Veteranen auf?

Högl: Das ist so. Soldatinnen und Soldaten fragen sich, welchen Sinn und Zweck ihr eigener Einsatz hatte. Da kommen schlimme Erlebnisse wieder hoch. Und die Soldaten, die jetzt in Mali und Niger im Einsatz sind oder vor einer Entsendung stehen, stellen sich natürlich die Frage, was bedeutet das für laufende und künftige Einsätze.

Wir sehen schockierende Szenen von Afghanen, die sich an Flugzeuge klammern und dabei in den Tod stürzen, Massenpanik vor dem Flughafen, Eltern, die ihre Babys wildfremden Soldaten in den Arm drücken. Wie halten Einsatzkräfte das psychisch aus?

Högl: Die Soldatinnen und Soldaten in Kabul sind sehr belastet. Sie werden nun Schritt für Schritt ausgetauscht, um sich zu erholen. Es gibt am Stützpunkt der Evakuierungsmission in Taschkent in Usbekistan psychologische Betreuung und Militärseelsorger. Es ist enorm wichtig, über das Erlebte im Einsatz zu reden, um es verarbeiten zu können. Wir sehen die Bilder am Fernseher, die Soldaten sind vor Ort dabei.

Muss es nach dem Kabul-Einsatz eine besondere Nachsorge geben?

Högl: Seelische Belastungen, Traumata aus dem Einsatz - das muss ganz intensiv nachbereitet werden. Wir brauchen mehr und gezielte Angebote für Soldatinnen und Soldaten, damit sie die schrecklichen Erfahrungen loswerden können. Das gilt auch für die, die in den vergangenen 20 Jahren bereits in Afghanistan waren. Die sehen das und machen alles noch einmal durch.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer will den ‚Kopf hinhalten‘ für den laufenden Einsatz. Wo fängt politische Verantwortung an, wenn ein Soldat verletzt oder getötet wird?

Högl: Das ist ein ganz starkes Zeichen der Verteidigungsministerin. Es ist absolut notwendig und richtig. Sie hat dem Kommandeur vor Ort freie Hand gegeben. Und erklärt, dass sie als Ministerin für alles die politische Verantwortung übernimmt. Das ist eine Rückendeckung, die ich so deutlich noch nie von einem Verteidigungsminister oder einer Verteidigungsministerin gehört habe. Sie verknüpft das offensichtlich mit ihrem eigenen politischen Schicksal.

Sollte sich Außenminister Heiko Maas daran ein Beispiel nehmen?

Högl: Auch Heiko Maas hat klar gemacht, dass er die politische Verantwortung trägt. Ich halte nichts davon, jetzt einseitige Schuldzuweisungen zu machen. Die Regierung hat gemeinsam gehandelt und sie muss jetzt versuchen, so viele Menschen wie möglich in Sicherheit zu bringen.

Die Spitze der Linkspartei empfiehlt ihren Abgeordneten, sich beim Evakuierungsmandat zu enthalten.

Högl: Ich finde das indiskutabel. Der Evakuierungseinsatz braucht die volle Unterstützung des gesamten Parlaments. Das ist ein wichtiges Mandat, die ganze Welt schaut auf die Bundeswehr. Da kann man zustimmen, auch wenn man das Militär kritisch sieht oder den Afghanistan-Einsatz bisher falsch fand.

Die Opposition fordert Rücktritte. Wo und wie können Fehler analysiert werden?

Högl: Ich fordere eine grundlegende Aufarbeitung des gesamten Afghanistan-Einsatzes. Eine Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags wäre dafür ein geeigneter Rahmen. Die zu späte Rettung der Ortskräfte, die Frage, warum alle die Kompetenz der afghanischen Armee falsch eingeschätzt haben – es gibt nach der Bundestagswahl eine Menge aufzuarbeiten. Das halte ich für dringend nötig. Es muss schonungslos und sorgfältig bilanziert werden.

Welche Erklärung haben Sie, dass die vom Westen über Jahre ausgebildete und ausgerüstete afghanische Armee sich den Taliban einfach ergeben hat?

Högl: Es ist bitter, dass das so falsch eingeschätzt wurde. Wir müssen daraus für andere Einsätze lernen. Ich habe gerade mit den Spezialkräften der Marine gesprochen, die in Niger ausbilden. Die fragen sich das auch: Wie schaffen wir es, dass die nigerianischen Spezialkräfte in der Lage sind, tatsächlich die Verantwortung in ihrem Land zu übernehmen?

Die Verteidigungsministerin will alle Auslandseinsätze im Lichte Afghanistans überprüfen. Was muss

dabei herauskommen?

Högl: Alles muss auf den Tisch. Was muss die Bundeswehr leisten, was kann sie leisten? In welchen Teilen der Welt wollen wir uns mit welchem Ziel engagieren, an der Seite welcher Partner? Wir brauchen klare Vorgaben für die Soldatinnen und Soldaten und politische Verantwortung. Und wir brauchen eine stärkere Verankerung und Legitimierung dieser Entscheidungen in der Gesellschaft.

Ist der Mali-Einsatz noch verantwortbar?

Högl: Ich halte den Mali-Einsatz für sehr schwierig, weil sich da auch die Frage stellt, welche Ziele wir erreichen wollen. Was ist mit den Putschisten, finden im Februar überhaupt Wahlen statt, was machen die Franzosen, hat das Friedensabkommen eine Chance? Der Anschlag auf die Bundeswehr hat gezeigt, wie gefährlich es in Mali ist. Wir müssen nach der Wahl noch einmal intensiv über Sinn und Zweck der Mali-Mission reden.

Wie fällt die Reformbilanz von Frau Kramp-Karrenbauer aus?

Högl: Seit sie nicht mehr CDU-Parteivorsitzende ist, hat sie sich stark um die Bundeswehr gekümmert. Das muss man anerkennen. Ich hätte mir dieses Engagement allerdings vom ersten Tag ihrer Amtszeit an gewünscht.

Unionskanzlerkandidat Armin Laschet will einen nationalen Sicherheitsrat im Kanzleramt einrichten. Ist das vernünftig?

Högl: Ich frage mich, was das in Afghanistan geholfen hätte. Gar nichts. Eine neue Struktur führt nicht immer zu Verbesserungen. Wichtig ist doch, dass die beteiligten Stellen gut zusammenarbeiten, Erkenntnisse ausgetauscht und dann die richtigen Schlussfolgerungen gezogen werden.

Die Bundesregierung streitet seit Jahren über die Bewaffnung von Drohnen. Die SPD-Führung, inklusive Olaf Scholz, hat das in dieser Koalition beerdigt. Nimmt man der Bundeswehr damit ein wichtiges Instrument zum Eigenschutz?

Högl: Bewaffnete Drohnen sind für die Sicherheit der Soldatinnen und Soldaten sehr wichtig. Das zeigen eine ganze Reihe von Einsatzszenarien. Es geht um den Schutz der Truppe und die Möglichkeit, auf Bedrohungen flexibel zu reagieren. Ich hoffe sehr, dass der nächste Bundestag nicht noch mal jahrelang diskutiert. Die Debatte ist geführt, alle Argumente sind ausgetauscht, die Sache ist entscheidungsreif.

Sie können sich eine Rückkehr zur Wehrpflicht vorstellen. Welche Schritte sollte die künftige Bundesregierung unternehmen?

Högl: Eine komplette Rückkehr zur alten Wehrpflicht habe ich nicht gefordert und halte ich auch nicht für sinnvoll. Aber zehn Jahre nach der Aussetzung würde es sich lohnen, eine kritische Bilanz der damaligen politischen Entscheidung zu ziehen. Es geht um einen möglichst attraktiven Dienst bei der Bundeswehr, der zum Beispiel mehr Frauen anspricht. Das sollten wir ergebnisoffen diskutieren.

Interview: Tim Braune

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