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Wehrbeauftragte

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„Was die Soldatinnen und Soldaten hier leisten, das ist herausragend“ – Interview, 08.09.2021

Tageszeitungen

© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Interview mit der Wehrbeauftragten im Verbands-Magazin „Die Bundeswehr“ des DBwV vom September 2021

„Was die Soldatinnen und Soldaten hier leisten, das ist herausragend“

Erst endete die Heimkehr der letzten Einsatzsoldaten aus Afghanistan im Kommunikationsdesaster, jetzt versinkt das ganze Land im Chaos. Hätten Sie sich vorstellen können, dass die Lage am Hindukusch sich so dramatisch verändert?

Wir haben alle nicht mit dieser Dynamik gerechnet. Nicht einmal die Taliban selbst haben erwartet, dass sie Kabul so schnell einnehmen können. Wir konnten uns auch nicht vorstellen, dass die afghanische Armee, die vom Westen aufgebaut wurde, am Ende nicht bereit war zu kämpfen und die eigene Bevölkerung nicht verteidigt hat. Vor allem Frauen und Mädchen in Afghanistan fürchten um ihre Zukunft und um ihr Leben. Die Anwesenheit der Alliierten und der Bundeswehr hat 20 Jahre relativen Frieden aber vor allem Schutz vor der Scharia der selbsternannten Gotteskrieger gewährleistet.

Ist die Bundeswehr zu früh abgezogen?

Für uns war immer klar, dass wir zusammen mit den Amerikanern rein sind und auch zusammen raus gehen. Insofern konnten wir gar keine isolierte Entscheidung über den Zeitpunkt des Abzugs treffen. Der Termin war durch das Agieren von Präsident Trump gesetzt. Es hätte hierzulande im Parlament sicher auch gar keine Zustimmung dafür gegeben, dass die Bundeswehr länger bleibt. Zu einer ehrlichen Bilanz gehört auch, dass international immer der Mut gefehlt hat, den Einsatz früher zu beenden. Viele hatten die Hoffnung, dass man durch einen längeren Einsatz mehr erreicht. Das war leider nicht der Fall.

Hätte die Bundesregierung besser informiert sein müssen?

Es bleibt die bittere Erkenntnis, dass die Stimmung im Land und die Dynamik völlig falsch eingeschätzt wurden. Wir haben uns zusammen mit unserem Partner Amerika in falscher Sicherheit gewogen und gedacht, es bliebe beim Vorrücken der Taliban noch genug Zeit, um die Ortskräfte und die zivilen deutschen Staatsbürger geordnet außer Landes bringen zu können. Der gefährliche Evakuierungseinsatz versucht die Folgen dieser Fehleinschätzung zu heilen. Was die Soldatinnen und Soldaten hier leisten, ist herausragend und eine extreme Belastungssituation. Sie haben unseren ganzen Rückhalt verdient. Es ist sehr wichtig, dass sie nach dieser Mission gut betreut werden, damit mögliche seelische Belastungen und Traumata aufgearbeitet werden können.

Wie bewerten Sie als Wehrbeauftragte die 20 Jahre des Einsatzes der Bundeswehr mit 59 Gefallenen und vielen, auch an der Seele Verwundeten?

Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan war richtig. Das Land ist heute nicht mehr Rückzugsort für Terroristen. Es gibt viele Beispiele wo die Bundeswehr vor Ort ganz konkret Hilfe geleistet hat. Die Menschen in Afghanistan konnten immerhin 20 Jahre in relativem Frieden leben. Das bleibt und die Soldatinnen und Soldaten verdienen für das was sie geleistet haben, unseren größten Respekt. Mit 59 Gefallen und vielen Veteraninnen und Veteranen, die seelisch belastet aus dem Einsatz kamen, hat Deutschland aber einen hohen Preis bezahlt. Mir ist wichtig, dass wir jetzt mit Blick auf die dramatischen Ereignisse diejenigen nicht vergessen, die in den vergangenen 20 Jahren im Einsatz waren. Bei ihnen kommen jetzt viele Erinnerungen wieder hoch, viele machen alles noch einmal durch.

Zu einer schonungslosen Bilanz gehört aber auch das Eingeständnis: Die großen Ziele wurden nicht erreicht. Der Aufbau einer funktionierenden Demokratie ist nicht gelungen. Die Armee bestand offenkundig nur auf dem Papier und die Loyalität der Afghanen dem eigenen Staat gegenüber wurde massiv überschätzt.

Sollte die Lehre aus dem Afghanistan-Desaster sein, dass auch der Einsatz in Mali hinterfragt werden muss?

Das dramatische Ende des Einsatzes in Afghanistan wird nachwirken. Wir müssen uns bei allen Einsätzen fragen, ob wir die richtigen Maßstäbe angelegt haben, ob wir realistische Ziele haben. Auch Mali ist ein gefährlicher Einsatz. Wir sollten nach der Bundestagswahl noch einmal genau analysieren, ob und unter welchen Bedingungen der Einsatz sinnvoll ist.

Es zeigt sich jetzt auch, dass im Parlament die Auslandseinsätze intensiver diskutiert werden müssen. Wenn wir ehrlich sind, wurden gerade die Afghanistan-Mandate in den vergangenen Jahren ohne großen Debatten verabschiedet. Vielleicht hatte sich da ein Gewöhnungseffekt eingestellt, der den Blick auf die Realität verstellt hat. Auch in unserer Gesellschaft müssen wir mehr diskutieren, welche Auslandseinsätze die Bundeswehr ausführen soll.

Braucht die Bundeswehr nach allem, was passiert ist, die Fähigkeit, überall auf der Welt im Einsatz für Aufbau- und Ausbildungsmissionen zu sein, überhaupt noch? Sollte man sich nur noch auf Landes- und Bündnisverteidigung konzentrieren?

Es bleibt weiter wichtig, dass wir uns international sicherheitspolitisch einbringen und Verantwortung übernehmen. Die Bundeswehr ist sehr durch den Afghanistan-Einsatz geprägt worden und hat sich in diesem zeitweise robusten Einsatz auch Kompetenzen erworben, die sie für weitere Einsätze nutzen kann. Wichtig ist nach diesem Debakel vor allem aus den Fehlern zu lernen. Von der Vorstellung, dass wir Demokratie exportieren können, müssen wir uns verabschieden. Wir müssen insbesondere die Rolle der Nato hinterfragen und die europäische Zusammenarbeit insgesamt stärken, denn Afghanistan hat gezeigt, wie stark wir bei unserem Engagement von Amerika abhängig sind.

Wie würden Sie einem Soldaten erklären, woran die Mission in Afghanistan letztlich gescheitert ist?

Die Mission war nicht umsonst, aber es gibt verschiedene Gründe, warum der Einsatz am Ende nicht nachhaltig war. Die ursprünglich gesteckten Ziele sind nicht erreicht worden. Sie waren von Anfang an zu hoch gesetzt – im guten Glauben, dass Afghanistan zu einem modernen Land westlicher Prägung werden kann. Heute müssen wir feststellen, dass wir Land und Leute nicht richtig verstanden haben. Wir wollten, dass Afghanistan ein moderner Staat wird und wollten nicht wahrhaben, dass das Land eher ein Gebilde unterschiedlichster Volksgruppen ist. Wir wollten dem Land unsere Werte bringen und haben gemerkt, dass sie sich nicht so einfach überstülpen lassen. Es bleibt zu hoffen, dass dem Land ein Neuanfang gelingt und es nicht im Bürgerkrieg versinkt.


Interview: Frank Jungbluth

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