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Presse

Tourismus-Vertreter verärgert über Corona-Politik

Tourismus/Ausschuss - 03.03.2021 (hib 287/2021)

Berlin: (hib/WID) In den Verbänden der Reisebranche löst die Corona-Politik von Bund und Ländern zunehmend Verärgerung, Frust und Unverständnis aus. Dies wurde am Mittwoch in einem Fachgespräch des Tourismusausschusses deutlich. Teilnehmer warfen der Politik die Missachtung eines ganzen Wirtschaftszweiges mit Millionen Beschäftigten vor, kritisierten die Beschlussvorlage der jüngsten Ministerpräsidentenrunde mit der Kanzlerin als inakzeptabel und verlangten schnelle und beherzte Öffnungsschritte. Zu befürchten sei aber, dass sich die Schließung von Hotels und Restaurants bis in den Frühsommer oder noch länger hinziehen werde. Für die Betroffenen wäre das fatal, hieß es.

Für die Allianz selbständiger Reiseunternehmen wies deren Vizepräsidentin Anke Budde auf die Feststellung des Robert-Koch-Instituts hin, dass von internationalen organisierten Reisen kein erhöhtes Pandemierisiko ausgehe. Sie nannte es „absolut befremdlich“, dass diese Einschätzung einer wohlgemerkt bundeseigenen Institution in der Politik keinerlei Resonanz finde: „Man muss uns zumindest, wo es vertretbar ist, die Chance geben, unser Geschäft wieder in Bewegung zu bringen.“

Die Kommunen in Deutschland rechneten infolge der Corona-Krise mit Steuerausfällen von 50 Milliarden Euro bis 2024, erklärte Timm Fuchs, Referatsleiter Wirtschaft und Tourismus beim Deutschen Städte- und Gemeindebund. Er forderte weitere Finanzhilfen für kommunale Tourismuseinrichtungen wie etwa Bäder und wies auf die Probleme des Einzelhandels in kleineren Ferienorten mit bis zu 10.000 festen Einwohnern hin. Dort hätten sich die Geschäfte auf eine zusätzliche Nachfrage von 30.000 bis 35.000 Gästen eingerichtet, die jetzt entfalle. Fuchs forderte einen „Innenstadtfonds“, um der Verödung von Ortskernen entgegenzuwirken, und warnte vor verschärftem Fachkräftemangel nach der Krise, weil derzeit viele Beschäftigte in andere Sektoren abwanderten.

Die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, Ingrid Hartges, nannte es inakzeptabel, dass nach dem Stufenplan von Kanzlerin und Ministerpräsidenten die Reisewirtschaft erst im vierten Öffnungsschritt Berücksichtigung finden solle: „Das vorgelegte Papier ist eine Riesenenttäuschung für unsere Branche.“ Die Politik solle dann lieber ehrlich sagen, dass sie zu Ostern keinen Reiseverkehr wünsche. Hartges erinnerte an die vorgesehene Priorität für Kindergärten und Schulen: „Wir befüchten, es wird soviel aufgemacht, dass die Infektionszahlen wieder steigen, und wir im Mai noch nicht an der Reihe sind.“ Inakzeptabel sei auch, dass derzeit zwei Millionen Dosen des Herstellers Astra Zeneca nicht verimpft herumlägen. Die Bundesregierung müsse ihre Hausaufgaben machen.

Die Öffnungsperspektive für die Unternehmen der Reisewirtschaft sei auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben, kritisierte Norbert Kunz, Geschäftsführer des Deutschen Tourismusverbandes. Ein „großes Leidensthema“ seien nicht zuletzt auch Klassenfahrten und Schullandheimaufenthalte, die es in diesem Jahr voraussichtlich wieder nicht geben werde. Das sei nicht nur schlimm für die Jugendlichen, sondern auch ein Problem für Busunternehmen.

„Ihr müsst jetzt endlich aufhören, darüber zu reden, dass man nicht verreisen soll“, appellierte Marija Linnhoff, Vorsitzende des Verbands unabhängiger selbständiger Reisebüros, an die Politik: „Warum schadet ihr einer ganzen Branche?“ Linnhoff berichtete von einer Tagung ihres Verbandes im Oktober in Köln, damals ein Corona-Hotspot. Zwei Tage lang seien 200 Teilnehmer in einem Hotel zusammen gewesen, ohne dass es eine einzige Ansteckung gegeben habe. Die Impfkampagne sei ein Desaster, klagte Linnhof und gab der Politik den Hinweis: „Wenn ihr das nicht hinkriegt mit der Öffnung, dann dürft ihr weiter zahlen, und woher das Geld kommt, ist mir auch egal.“

Der Geschäftsführer des Tourismusverbands Fläming Daniel Sebastian Menzel wies auf die Gefahr hin, dass in der Krise zahlreiche Ferienwohnungen in Miet- oder Eigentumswohnungen umgewandelt werden könnten. Das wäre eine großer Verlust für seine Region, denn dieser Wohnraum stünde dem Tourismus dann definitiv nicht mehr zur Verfügung, meinte Menzel. Er beklagte auch die Abwanderung von Fachkräften, die den Erfolg eines Neustarts im Tourismus nach der Krise in Frage stelle.

Michelle Schwefel, Geschäftsstellenleiterin beim Deutschen Ferienhausverband, zitierte eine Umfrage ihrer Organisation, der zufolge 50 Prozent der Anbieter befürchteten, schließen zu müssen. Keinen Anspruch auf staatliche Hilfe hätten 65 Prozent, weitere 18 Prozent seien sich darüber im Unklaren. Schwefel verlangte eine „verlässliche Öffnungsperspektive“: „Wir brauchen keine Vertröstungen mehr, denn Existenzen stehen auf dem Spiel.“

Der Vorstand des Verbands Internet Reisevertrieb Michael Buller warnte vor der Vorstellung, die Tourismuswirtschaft könne auf einen Zuruf der Politik hin innerhalb von zwei Tage neu starten. Erforderlich sei ein Vorlauf von mindestens sechs Wochen: „Wir müssen uns das vorstellen wie eine Uhr, die wir komplett zerlegt haben.“

Für die Veranstalter von Busreisen geißelten Christiane Leonard, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmer, und der Präsident des Internationalen Bustouristik Verbandes, Benedikt Esser, was sie den föderalen Flickenteppich nannten. Dringend erforderlich seien in der Krise bundeseinheitliche Regelungen, mahnten sie.

Für den Bundesverband der deutschen Luftverkehrswirtschaft wandte sich Matthias von Randow gegen pauschale Quarantänepflichten für Flugreisende im internationalen Verkehr. Die entsprechende Ankündigung der Bundesregierung im Oktober habe einen „sofortigen Buchungsabriss“ zur Folge gehabt.