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Presse

Ausbleibende Testüberweisungen weckten Zweifel

3. Untersuchungsausschuss/Ausschuss - 19.03.2021 (hib 361/2021)

Berlin: (hib/LL) Hätte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) nicht bereits früher, vor dem Jahr 2020, den angeblich auf Treuhandkonten in Asien geparkten 1,9 Milliarden Euro des insolventen Münchner Zahlungsdienstleisters Wirecard nachspüren müssen? Mit dieser Frage konfrontierten die Mitglieder des 3. Untersuchungsausschuss („Wirecard“) in der öffentlichen Sitzung am Freitagvormittag, 19. März 2021, Christian Orth, Professional Practice Director bei EY, dem Unternehmen, das die Jahresabschlüsse der Wirecard AG prüfte.

Sich Bankbelege der Treuhänder vorlegen zu lassen sei eine absolut ungewöhnliche Prüfungshandlung, erläuterte Orth. Dennoch seien die Prüfer seines Hauses diesen Weg gegangen. Nachdem eine renommierte Bank in Singapur 2019 das Treuhandkonto für Wirecard nicht mehr habe führen wollen, und Wirecard sich im September desselben Jahres einem neuen Treuhänder auf den Philippinen anvertraut habe: „Da ging bei uns der Feueralarm an. Das war für mich der Wendepunkt“, so Orth. In einem gemeinsamen Meeting mit Kollegen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die im Auftrag der Wirecard AG eine Sonderprüfung durchführte, habe er davon am 29. Januar 2020 erfahren.

Umgehend habe man die neuen Treuhänderverträge angefordert, am 4. März 2020 sei man nach Manila geflogen, und habe die neuen Banken vor Ort besucht. Mit Testüberweisungen hätten die Wirtschaftsprüfer schließlich Mitte Mai 2020 herausfinden wollen, ob die Wirecard-Milliarden existieren und wie schnell die als liquide Mittel deklarierten Gelder, um kurzfristigen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, tatsächlich zur Verfügung stehen würden. Von vier angeforderten Testüberweisungen von jeweils 410 Millionen Euro sei keine einzige ausgeführt worden. Weil es diese Gelder gar nicht gegeben habe.

Der Zeuge bemühte sich deutlich zu machen, wie sich Verdachtsmomente gegenüber den Geschäftspraktiken und Strukturen von Wirecard erst sehr spät erhärtet hätten. Dann aber habe man, über die gesetzlichen und berufsständischen Vorgaben hinaus, reagiert und nachgefragt. In den 2010er Jahren sei von Wirecard weithin das Bild eines Unternehmens gezeichnet worden, das sich von einem erfolgreichen Start-up zu einem großen und seriösen DAX-Unternehmen hin bewege. Dieses hätten sowohl die eigenen Einblicke seines Hauses als Prüfer, als auch die Analysen von Banken und Ratingagenturen, sowie das Verhalten der Bundesbehörden, und der Staatsanwaltschaft München unterstützt. „Wir haben Wirecard weiter positiv gesehen.“ Man habe die Jahresabschlüsse auch 2018 und 2019 zertifiziert. Und sowohl von den Treuhändern als auch von den Banken sei die Existenz der Treuhandkonten bestätigt worden.

Getrübt worden sei dieses Bild lediglich durch die kritische und investigative Berichterstattung beispielsweise seitens der „Financial Times“ und belastende Materialien von Whistleblowern. Zwei weitere Kleinigkeiten hätten ihn dann stutzig macht, so Orth: In einem der Geschäftsberichte der kontoführenden asiatischen Banken seien die Fremdwährungsrisiken der in Euro lautenden Konten nicht aufgeführt gewesen. Dies und die immer wieder ausbleibenden Testtransaktionen hätten seine Zweifel an der Existenz der Euro-Konten ausgelöst.

Dass man bis dato ungültige Kontoauszüge in Händen gehalten habe, sei schließlich bei einem Gespräch mit den Bankvorständen am 16. Juni 2020 herausgekommen. „Wir haben Konteneinsicht angefordert - und erhielten dann die Bestätigung, dass diese Konten nicht existieren.“ Als weitere Zeugen werden am Nachmittag Hubert Barth, ehemaliger Vorsitzender der Geschäftsführung von EY Deutschland, und Sven Hauke, Leader Banking & Capital Markets der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers International, befragt.