Annette Kelm

(© Annette Kelm)
Die Bücher
Probleme in die Zukunft retten
Annette Kelm hat ein ausgeprägtes Verlangen, mit der Realität in Kontakt zu treten und diese zu deuten. Die Suche nach den Räumen zwischen Geschichte und Kunst, die sie meist abseits der vereinbarten Anschauungen unserer Gesellschaft führt, sind die charakteristischen Beweggründe ihrer künstlerischen Tätigkeit. Die Suche nach Wirklichkeit, das Bedürfnis nach umfassenden Ordnungssystemen wie auch deren Infragestellung kennzeichnen die systematische Arbeitsweise der Künstlerin.
Annette Kelms Arbeit „Die Bücher“ ist weder auf Widerstand noch auf Anpassung ausgerichtet. Ihre Fotografien verstehen sich als eine Untersuchung der Welt, in der wir heute leben. Ihre Arbeitsweise thematisiert unsere gegenwärtige Geschichtswahrnehmung und deren vermeintlich mannigfaltige Interpretationsmöglichkeiten.
Eigens für die Ausstellung Tell me about yesterday tomorrow am NS-Dokumentationszentrum München hat Annette Kelm eine Serie von Fotografien inszeniert, die eine Auswahl von zumeist Erstausgaben bekannter und weniger bekannter Schriftstellerinnen und Schriftsteller zeigen, deren Bücher von den Nationalsozialisten bei der „Aktion wider den undeutschen Geist“ am 10. Mai 1933 verbrannt und verbannt wurden. Generationen von Schriftstellern und deren Werke sollten aus dem kollektiven Bewusstsein einer Nation gestrichen werden. Insgesamt umfasst Kelms Serie inzwischen hundert Bilder, die in diesem Band zusammengefasst sind.
1977 erschien das Buch „Die verbrannten Dichter“ von Jürgen Serke mit Fotografien von Wilfried Bauer. Es ist nicht zuletzt diesem Journalisten und dem Fotografen zu verdanken, dass die von den Nazis geächteten Autoren wieder ins Bewusstsein der deutschen Nachkriegsgenerationen zurück gelangten und so ein enormes Interesse an der „Exilliteratur“ und an vielen vergessenen Autorinnen und Autoren entstand.
Der deutsche Physiker Georg Christoph Lichtenberg (1742 bis 1799) konstatierte, die Metapher sei weit klüger als ihr Verfasser. Annette Kelms Werkserie „Die Bücher“ begann mit einer elementaren Bestandsaufnahme der Wirklichkeit und thematisierte zugleich die Biografien der Autoren, die sich in den Büchern verbergen. Das Gegenwärtige an Kelms Arbeit ist die Differenz zur Politik.
Kelms Blick auf die sorgfältig arrangierten Bücher ist kühl und sachlich. Mit strenger Präzession, hoher Bildschärfe, neutralem Licht und einem „objektiven“ Kamerastandpunkt verhilft sie den Motiven in ihren Aufnahmen zu einer Faszination des Faktischen. Häufig frontal und im Detail abgebildet, betonen ihre Objektwelten die Übersetzung in den zweidimensionalen Raum der Fotografie. Die geordnete, nebeneinander arrangierte Präsentation der Bücher und der damit verbundenen geläufigen, aber auch unbekannten Biografien der Autoren suggerieren Gleichberechtigung.
Sie erinnern an die Vielstimmigkeit der Weimarer Republik, die erste deutsche Erfahrung mit einer offenen Gesellschaft, in der viele Gruppen zum ersten Mal sichtbar und hörbar wurden. Frauenrechtlerinnen meldeten sich ebenso zu Wort wie Sozialdemokraten, Kommunisten, Anarchisten, Sexualwissenschaftler, Pädagogen, Romanciers und Romancières – viele von ihnen jüdischen Glaubens. Diese Vielfalt sollte zerstört und aus Bibliotheken und Büchereien, Museen und Sammlungen und schließlich aus der Gesellschaft selbst entfernt werden. Die Leerstellen reichen weit über das Jahr 1945 hinaus und nehmen bis heute Einfluss auf die Wahrnehmung von Homogenität und Vielfalt. Ein beachtlicher Teil der verbrannten Bücher wurde nach 1945 nicht wieder aufgelegt oder in das öffentliche Bewusstsein zurückgeholt. Kelm ordnet sie neben Titeln an, die in der BRD oder der DDR als Bestseller gelesen wurden. Gleichberechtigt steht hier Vergessenes neben Vertrautem.
Häufig stellt sich angesichts der Nähe, die Annette Kelm in ihren Fotografien erzeugt, ein gewisses Unbehagen ein. Die Bücher gewinnen eine eigene Physiognomie und scheinen aus ihrer jeweiligen Gegenwart heraus auf uns zu schauen. Sie rufen in unserem Bewusstsein einen Resonanzraum hervor, der sich konkret mit der Erinnerung und mit einer literarischen Anerkennung oder deren Verhinderung beschäftigt. In seinem letzten Buch „Lerne lachen ohne zu weinen“ aus dem Jahr 1931 kämpfte Kurt Tucholsky – zu der Zeit ein gefeierter Autor – publizistisch gegen den Untergang der Demokratie. Ein verlorener Kampf, den es nur noch zu kommentieren galt, denn aufzuhalten war er nicht mehr.
Es heißt, das Medium sei die Botschaft. Wenn also das Medium zerstört wird, so die Schlussfolgerung der Initiatoren der Bücherverbrennung, dann war auch die Botschaft zerstört. Die Täter lagen falsch: das Medium wurde zerstört, die Autoren der verbrannten Bücher jedoch sagten damals: „Unsere Stimme aber bleibt unversehrt.“ Die Autoren selbst wurden verfolgt, ins Exil gezwungen, konnten nicht mehr arbeiten oder wurden ermordet.
Geschichte ist ein unabgeschlossener Prozess der Überschreibung, Löschung, Neuinterpretation und Verschiebung von Fragmenten. In den letzten Jahren lässt sich eine besorgniserregende Tendenz feststellen: Zensur hat bedrohlich an Aktualität gewonnen und ist gegenwärtig vielleicht akuter denn je. Fortlaufend werden weltweit Menschen aufgrund ihrer Meinungen und Einstellungen verfolgt, Presse- und Medienfreiheit eingeschränkt, Wissenszugänge blockiert, metaphorisch Bücher verbrannt. Virtuelle Überwachungssysteme werden dazu eingesetzt, Meinungsäußerungen in den Sozialen Medien zu kontrollieren. Von einer allgemeinen Abschaffung der Zensur kann keine Rede sein. Die Liste der Staaten, die die freie Meinungsäußerung unterbinden, Kunst und Literatur zensieren, Menschen wegen ihres geschriebenen oder gesprochenen Wortes verhaften oder ermorden, ist lang. In der Tat ist das Thema auch in offenen, demokratischen Gesellschaften gegenwärtig. Zensur hat heute andere Gesichter und Mechanismen als 1933 und ist schwerer zu erkennen. Ihre Akteuren sind andere geworden, ihre Methoden subtiler, versteckter. Damit stellen sich auch andere Fragen zu freier Rede und Zensur: Gewöhnen wir uns an eine neue Unfreiheit?
Auch aus diesem Grund erachten wir Annette Kelms Werkgruppe „Die Bücher“ als besonders wichtig, eine solche künstlerische Praxis in den gegenwärtigen Diskurstheorien hervorzuheben. Kelm spürt mit ihrem gestalterischen Potenzial des Mediums Fotografie visuelle Lücken auf und porträtiert diese für uns neu. Es sind eben diese Impulse, die von ihren Fotografien ausgehen, und Fragen, die in schonungsloser Offenheit gestellt werden müssen und bis heute relevant und wichtig sind. Somit möchten wir an die Virulenz und die Intentionen dieser Bücher und ihrer Autorinnen und Autoren erneut erinnern: Internationalität, Individualität, Meinungsfreiheit und Toleranz stehen heute mehr denn je auf der Agenda.
Udo Kittelmann, Nicolaus Schafhausen, Mirjam Zadoff
Text in: Annette Kelm, Die Bücher, Köln 2022
(Nachdruck für die Ausstellung mit freundlicher Genehmigung der Autoren und der Künstlerin)