Via Lewandowsky

(© Via Lewandowsky)
La-La-La-Latenz
Hinter Via Lewandowskys Umwandlung des symbolischen und funktionalen Werts von Objekten — seien es zu einem Knoten verdrehte Kupferrohre, eine Uhr mit einem rückwärts drehenden Ziffernblatt oder collagierte, sezierte medizinische Abbildungen — steht eine Untersuchung des kreativen Prozesses selbst. Mit seinen künstlerischen Eingriffen untergräbt er die Funktion der Dinge, eröffnet dafür deren symbolischen Wert. Einer der rudimentärsten schöpferischen Akte überhaupt ist das Markieren, dessen bloßer Anfang das Kritzeln, Kritzeleien oder das Gekrakel ist. Ein irritierender Titel, der nur als Fehlbeschreibung oder fehlgeleitete Absicht betrachtet werden kann, denn der Künstler hat immer wieder gezeigt, dass jedwede Form alles andere als stabil ist. Vor allem das Gekritzel. Es ist eher ein Ereignis als ein Gegenstand — ein abgelenktes, gedankenloses Mittel, um fragile Linien zu ziehen. Dieses Ereignis verweist auf die verdrängte Formlosigkeit, die, um Christian Driesens Formulierung in Theorie der Kritzelei aufzugreifen, jeder Stabilität innewohnt. Letztlich ist keine Form stabil. Jede verweilt nur innerhalb einer formbaren Hierarchie der Dinge.
Die jüngsten „Plastikaturen“ des Künstlers, im Wesentlichen 3D-Ausdrucke von Kritzeleien, sind ein Versuch, den Ursprüngen des symbolischen Wertes oder zumindest seinem persönlichen symbolischen Vokabular auf die Spur zu kommen. Im Gegensatz zu seiner gewöhnlichen Strategie, Alltagsobjekte zu verwenden, die bereits in einem Netzwerk von Bedeutungen existieren, kritzelt Lewandowsky kleine, kompakte Bilder in einem 3D-Programm auf sein Tablet. Er tut dies, um am Ende des Tages oder wenn ihm wiederkehrende Bilder durch den Kopf gehen, abzuschalten — als spielerische Ablenkung oder mentale Reinigung. Dabei schöpft er aus Spuren seiner körperlichen Erinnerungen und Denkgewohnheiten das Rohmaterial für die Formgebung aus.
Es ist daher kein Zufall, dass die Plastikaturen oft wie Graffiti-Tags oder gestrichelte Logos aussehen, durch die einem noch nicht artikulierten Konzept Körper verliehen wird. Bei vielen handelt es sich um gängige Symbole, die jedoch grob zusammengewürfelt wurden — Dinge, die einem verdrehten Friedenszeichen ähneln, einem etwas traurig aussehenden Totenkopf, komischen Sprechblasen in Sprechblasen, die eine Spirale aus leeren Phrasen bilden, einem Tornado und vielem mehr. Aber es gibt noch andere mehrdeutigere Formen — angedeutete Kratzer oder vielleicht ein übergekritzelter Fehler, amorphe Gesichter und klumpige Körper, die mit ihren seltsam amputierten Gliedmaßen entweder erschrocken oder besinnungslos abgestumpft aussehen. Ob Text oder Bild, der Drang, zu markieren oder abzugrenzen, wird ein Zug in die Anerkennung und Artikulation — von der Formlosigkeit zur Form. In den Plastikaturen wird diese Bewegung als ein Endprodukt behandelt, das Lewandowsky durch den Akt der Materialisierung der Kritzeleien in skulpturale Objekte verwandelt.
Die gestische Form ist in Lewandowskys Werk nichts Neues, wird jetzt aber medial neu gefasst. In früheren Serien, wie beispielsweise in The Great Split (2022), wurde seine mittlerweile typische Aneignung medizinischer Illustrationen durch gestische Bewegungen unterbrochen: Farbschmierereien, kalligrafische Striche oder die Wiederholung einer Linie. Dieses Spiel zwischen Form und Formlosigkeit verweist auf eine existenzielle Dimension, ein Thema, das sich seit jeher durch das Werk des Künstlers zieht, wie in seinen früheren sogenannten „reproduktiven Malereien“, Acht Porträts zur Euthanasie (1989), in denen collagierte und vergrößerte medizinische Illustrationen auf einen mit Urin verschmierten Hintergrund gelegt wurden. Die Formlosigkeit bedroht alle seine Objekte und Motive wie ein Abgrund, in den der Mensch blicken muss und von dem er sich ständig abzugrenzen versucht. Die Plastikaturen thematisieren diese abgrenzende Linie selbst als Ding auf spielerische und sogar freche Weise — ähnlich wie Graffiti-Tags oder Toilettenschmierereien, die nur besagen:
„Ich war hier“ — und damit bestätigen und stabilisieren so den Akt der Markierung vorübergehend in einer eigenen Form.
Text: Dagmara Genda
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Künstlers