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Schäuble erinnert an ers­ten Juden-Transport ab Grunewald vor 78 Jahren

Ein Mann im Rollstuhl an einer Bahnsteigkante, flankiert von einer stehenden Frau und einem stehenden älteren Mann.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble am Gleis 17 des Bahnhofs Berlin-Grunewald; links Martina Münch, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenbrug, rechts Professor Andreas Nachama, geschäftsführender Direktor der Stiftung „Topographie des Terrors“

© DBT/Melde

Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble hat am Freitag, 18. Oktober 2019, am Gleis 17 des Bahnhofs Berlin-Grunewald an die systematische Deportation Berliner Juden in die Ghettos und Konzentrations- und Vernichtungslager östlich der alten Reichsgrenze erinnert, die vor genau 78 Jahren begann. In einer Gedenkveranstaltung sagte Schäuble vor zahlreichen Zuhörern: „In der Amtssprache war von ,Evakuierungen‘ die Rede – damals, als der erste Transport Berliner Juden vom Güterbahnhof Grunewald ins Ghetto Litzmannstadt startete. Evakuierung: Was für eine zynische begriffliche Verschleierung dafür, Männer, Frauen, Kinder in Züge der Reichsbahn zu verfrachten und sie in den Tod zu schicken.“

Wenige Tage nach dem ersten Transport am 18. Oktober 1941 habe das nationalsozialistische Regime den Juden per Erlass untersagt, auszuwandern. Sich ins Ausland zu retten, sei damit unmöglich geworden. „Diejenigen, die nicht emigriert waren, saßen in der Falle. Bis Kriegsende wurden mehr als 50.000 Juden aus Berlin deportiert; nur wenige überlebten. Viele nahmen sich selbst das Leben, um diesem Schicksal zu entgehen. Einigen wenigen gelang es, sich zu verstecken und im Untergrund zu überleben“, erinnerte der Bundestagspräsident an das damalige Geschehen.

„Jüdisch und deutsch zu sein war ein Sowohl-als auch“

Schäuble weiter: „Nationalsozialisten und ihre Helfershelfer haben millionenfach jüdische Menschen umgebracht. Ihre physische Existenz ausgelöscht; ihre Erinnerungen, Pläne, Hoffnungen zerstört. Damit erlosch auch jüdisches Leben in einer Vielfalt, von der wir Nachgeborenen uns kaum noch eine Vorstellung machen.“

Anfang der 1930er-Jahre, bevor die Nationalsozialisten die Macht errangen, sei Berlin die größte „jüdische“ Stadt Deutschlands gewesen. „Etwa ein Drittel der deutschen Juden – 160.000 – lebten in der Reichshauptstadt. Sie waren Teil der vielfältigen Stadtgesellschaft. Alteingesessene und aus dem Osten Europas Zugezogene. Orthodoxe und Liberale, zum Christentum Konvertierte und Säkularisierte. Sie prägten Stadtviertel und Straßenzüge, vor allem in Wilmersdorf und im Scheunenviertel. Sie waren Nachbarn, Mitschüler, Arbeitskollegen, Kommilitonen. Einige gehörten zu den bedeutendsten Wissenschaftlern, Unternehmern, Schriftstellern, Verlegern des Landes. Ohne sie wäre Berlin nicht geworden, was es zu Zeiten der Weimarer Republik war: eine progressive, liberale, pulsierende Metropole der Gegensätze. Jüdisch und deutsch zu sein war kein Entweder-oder sondern ein Sowohl-als-auch.“

Das Schicksal des Arztes und Abgeordneten Julius Moses

Zu ihnen habe der Berliner Reichstagsabgeordnete und Arzt Dr. Julius Moses, einer von zuletzt zwei bekennenden jüdischen Abgeordneten im Parlament der Weimarer Republik. Früh habe er vor der Gefahr gewarnt, die vom Antisemitismus für die politische Kultur der jungen deutschen Republik ausging. Nach dem Mord an Außenminister Walter Rathenau, der einer deutsch-jüdischen Familie entstammte, habe Moses 1922 in einer Brandrede den Judenhass, den Teile des politischen Spektrums für ihre Zwecke schürten, gegeißelt. Er habe diejenigen angeklagt, die „die ganze Atmosphäre schaffen, in der der Wille zur Tat, die Bereitschaft zum Mord aufkeimen“. Sie seien „mit demselben Maß zu messen wie die Mörder selbst“, habe der Abgeordnete Moses ins Plenum gerufen.

Schäuble betonte, dass der Antisemitismus keine Erfindung der Nationalsozialisten gewesen sei. Vorurteile und Hass gegen Juden hätten lange vor der nationalsozialistischen Diktatur Konjunktur in der deutschen Gesellschaft gehabt und den Boden genährt, auf dem später die nationalsozialistische Ausgrenzungs- und Vernichtungspraxis gedieh: Terror, Entrechtung, Vertreibung, Völkermord. „Von Nationalsozialisten ersonnen, staatlich angeordnet, von Ministerien und städtischen Verwaltungsbehörden, von Polizei und Justiz, nicht zuletzt auch von der Reichsbahn in planvolles, administratives Handeln umgesetzt. Unter Hinnahme eines großen – viel zu großen! – Teils der Mehrheit der Deutschen.“

„Der Weg ins Verderben war nicht unausweichlich“

Die nationalsozialistischen Rassengesetze hätten Julius Moses veranlasst, sich von seiner nichtjüdischen Lebensgefährtin zu trennen. Ihm sei die Approbation als Arzt entzogen worden, seinen Kindern sei die Emigration gelungen. Julius Moses sei in Berlin, in seiner Heimat, geblieben. „Er war davon überzeugt, dass der Nationalsozialismus vorübergehen würde. 1942 wurde er 74-jährig ins Konzentrationslager Theresienstadt verbracht und starb dort wenige Wochen später“, sagte Schäuble.

Der Bundestagspräsident zitierte den Historiker Fritz Stern, der gesagt habe, der deutsche Weg ins Verderben sei „weder zufällig noch unausweichlich“ gewesen. „Geschichte wiederholt sich nicht. Aber die Vergangenheit zeigt auf, wozu der Mensch fähig ist – in seinem Besten wie in seinem Schlechtesten.“

„Einen Schlussstrich kann und wird es nicht geben“

Schäuble sagte weiter: „Wir gedenken der Toten. Wir hören den Überlebenden zu, die berichten wie heute Ingeburg Geißler, und den Opfern, denen die Schülerinnen und Schüler ihre Stimme leihen werden. Wir empfinden mit ihnen. Nicht zuletzt an authentischen Orten wie diesem stehen wir fassungslos vor den Tatsachen. Und doch dürfen und können wir nicht kapitulieren vor dem scheinbar Unerklärlichen: Wie ist es möglich geworden?“

Einen Schlussstrich könne und werde es nicht geben. Das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte könne nicht abschließend aufgearbeitet, nicht bewältigt sein. „Das Höchste, was man erreichen kann“, zitierte Schäuble Hannah Arendt, sei „zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist.“

„Das Erinnern wandelt sich“

Das Erinnern wandele sich, je ferner die Vergangenheit rücke und je mehr Menschen „bei uns“ keine Familiengeschichte hätten, die sie mit der deutschen Schreckensgeschichte verbinde. „Wir brauchen eine überzeugende Antwort auf die Frage, weshalb und wie sie sich mit dem Holocaust, mit einer ,fremden‘ Geschichte, auseinandersetzen sollen. Das Ob kann aus meiner Sicht nicht in Frage stehen“, betonte Schäuble.

Die Erinnerung werde gebraucht, weil „weil wir dazu neigen, für selbstverständlich zu halten, was nicht selbstverständlich ist: Freiheit, Rechtsstaat, Demokratie, Menschenrechte. Sie muss ins Begreifen münden, und, wo nötig, auch ins Handeln.“

„Wir werden Antisemitismus nicht dulden“

Der Anschlag von Halle habe das Ausmaß von Hass und Gewaltbereitschaft offenbart, zu der Rechtsextreme auch hier in Deutschland fähig sind. Die zufällig in die Schusslinie des Täters Geratenen seien Opfer eines Antisemiten geworden. Nur glückliche Umstände hätten weitere Opfer verhindert: Gläubige, die sich am höchsten jüdischen Feiertag in der Synagoge versammelt haben, „mitten in unserem Land“.

„Wir werden nicht dulden, dass Antisemitismus Teil dieser Gesellschaft ist. Nicht den offenen und nicht den als Israelkritik getarnten. Und auch nicht zugewanderten Judenhass. Es ist unerträglich, wenn die meisten Juden, die heute wieder in diesem Land leben, Antisemitismus persönlich erfahren haben, auf Schulhöfen, auf der Straße und vor allem im Netz, wo sich der Anteil der Beiträge mit antisemitischen Stereotypen in wenigen Jahren vervielfacht hat“, sagte Schäuble.

„Es ist eine Schande, dass Juden ihre Kippa verstecken“

Es sei eine Schande, dass Juden ihre Kippa verstecken oder nicht tragen, dass Rabbiner attackiert werden, dass Synagogen und Friedhöfe geschändet werden. Und es sei beschämend, wenn 44 Prozent darüber nachdenken zu emigrieren, weil sie sich hier nicht sicher fühlen. Deutschland sei damit Spitzenreiter in der Europäischen Union.

„Das geht uns alle an – Bildungsinstitutionen, Social-Media-Betreiber, Strafverfolgungsbehörden, die Justiz, die Politik. Es geht uns als Gesellschaft an. Denn das Aufstehen kann nicht erst beginnen, wenn Täter zur Waffen greifen. Es muss dort beginnen, wo Antisemitismus sich im Wort äußert. Dort, wo Menschen pauschal verächtlich gemacht werden, wo Vorurteile und Ablehnung gegen Gruppen der Bevölkerung geschürt werden. Gegen Juden, gegen Muslime, gegen Flüchtlinge. Gegen Andersdenkende, Andersaussehende, Anderslebende“, so der Bundestagspräsident.

„Die Würde des Menschen schützen“

Wer heute die Grenzen des Sagbaren verschiebe, verschiebe morgen die Grenzen des Denkbaren und übermorgen die des Machbaren. Wer daran mitwirke, sei mitverantwortlich „für die Verrohung der Auseinandersetzung und die Spaltung unserer Gesellschaft“. Er könne sich nicht auf Toleranz und Meinungsfreiheit berufen. Er bewege sich jenseits des Wertekonsenses der freiheitlichen Demokratie: „Und das sollte auch in der strafrechtlichen Ahndung deutlich werden.“

Viele kluge Köpfe hätten bezweifelt, dass die Menschheit aus der Geschichte lernen kann, sagte Schäuble. „Aber wir können – wir müssen – Lehren aus dem Wissen um das Geschehene ziehen. So wie es das Grundgesetz seit 70 Jahren tut: ,Die Würde des Menschen ist unantastbar.‘ So lautet der erste Artikel unserer Verfassung. Gerade weil wir aus der deutschen Geschichte wissen, in welchem Ausmaß die Würde des Menschen antastbar und verletzbar ist, wenn sie nicht geschützt ist. Wenn wir sie nicht schützen. Das ist die Verantwortung, die uns aus der deutschen Geschichte erwächst. Unsere gemeinsame Verantwortung.“ (bs/vom/18.10.2019)

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