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Experten beurteilen Situation des Waldes als kritisch

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Sachverständige beurteilen in einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft die zukünftige Entwicklung des Waldes und die aktuelle Lage in der Forstwirtschaft als kritisch. Ausschussvorsitzender Alois Gerig (CDU/CSU) stellte eingangs fest, dass die Situation des Waldes derzeit in einem besonderen Fokus stehe, unterstreiche auch die Vielzahl von Anträgen, die am Montag, 11. November 2019, von gleich fünf Fraktionen zur Anhörung vorgelegt wurden. Habe der Waldbericht 2017 die deutschen Waldbestände noch in einem guten Zustand gesehen, hätten seitdem Stürme, Schneebruchschäden und lange Trockenphasen dem Wald schwer zugesetzt, fasste Gerig zusammen.

Grundlage der Sitzung bildeten ein Antrag der Fraktionen CDU/CSU und SPD mit dem Titel „Unser Wald braucht Hilfe - Waldumbau vorantreiben“ (19/11093), ein Antrag der FDP-Fraktion mit dem Titel „Wälder erhalten durcheffektiven Waldschutz“ (19/9925), ein Antrag der Fraktion Die Linke mit dem Titel „Naturgemäße Waldbewirtschaftung im Interesse des Waldes und der Forstleute“ (19/11104) und ein Antrag von Bündnis 90/Die Grünen mit dem Titel „Aktionsplan für einen gesunden und artenreichen Wald“ (19/13079).

Beyer: Waldbesitzer nicht weiter einschränken

Der Einzelsachverständige Gregor Beyer beobachtet einen Wechsel von der geregelten Forstwirtschaft hin zu einem ausschließlichen „Reperaturbetrieb“. Das Schadholzvolumen dieses und des letzten Jahres entspreche der durchschnittlichen normalen Nutzungsmenge der vergangenen Jahre. Das bedeute, dass zurzeit oder in naher Zukunft nicht die Waldbesitzer oder die Forstwirtschaft die Handlungsspielräume bestimmen würden, sondern das Wetter.

Beyer kritisierte, dass eine Reihe der zur Anhörung vorgelegten Anträge diesen ohnehin schon eingeschränkten Handlungsrahmen der direkt betroffenen Waldbesitzer durch zu viele Vorschriften und kleinteilige Anleitungen weiter einschränken würde. Stattdessen brauche es Freiheit zum Handeln, die möglichst vielfältige Optionen zulasse.

Von der Goltz: Weniger Krisenmanagement, mehr Vorsorge

Aus Sicht des Sachverständigen Hans von der Goltz erzwingen die rasante Entwicklung der Waldschäden und die Insolvenz unzähliger Waldbesitzer rasche Entscheidungen. Jedoch würden dafür entsprechende Konzepte für die Aufforstung, den Pflanzenbedarf und die Holzentsorgung fehlen. Der Experte schlug vor, unter anderem eine Änderung des Bundesjagdgesetzes vorzunehmen, um die Jägerschaft mit in die Verantwortung zu nehmen. Andernfalls werde es keine Mischwälder geben, warnte er.

Außerdem bedürfe es nicht nur der Erhebung von Schäden, sondern auch eines Monitorings über den „Zukunftswald“. Es werde derzeit zu viel auf Krisenmanagement gesetzt, statt mehr Vorsorge zu betreiben.

Hafner: Mehr Holz als Baumaterial nutzen

Die Klimaschutzwirkung des Waldes als positiver Beitrag im Bereich der Kohlenstoffspeicherung hob Prof. Dr.-Ing. Annette Hafner hervor. Dabei betonte sie das Potenzial der Einspareffekte von Treibhausgas durch die forcierte Holznutzung als Baumaterial mit dem Ziel einer dauerhaften CO2-Bindung.

Die Sachverständige warb dafür, die nachhaltige Nutzung bei der Behandlung von Waldnutzungskonzepten immer im Sinne des nachhaltigen Holzbaus zu berücksichtigen.

Ibisch kritisiert zu simple Lösungsvorschläge

Prof. Dr. Pierre L. Ibisch zog eine etwas pessimistische Bilanz im Hinblick auf die in der Diskussion stehenden Konzepte. Der Sachverständige sah eine veritable Systemkrise, die von vielen Experten unterschätzt werde. Allzu simple Lösungsvorschläge seien zu kritisieren, denn der Klimawandel mache derzeit unter den vorherrschenden Bedingungen und eingetretenen Ereignissen Vorhersagen unmöglich.

Auch die Ausgangslage stelle sich nicht sonderlich gut dar. Strukturell seien die Wälder zerschnittene Flickenteppiche, denen es unter anderem an Humus, intakten Böden und Totholz fehle. Ibisch betrachtete die Funktionstüchtigkeit der Wälder insgesamt als betroffen, der positiv mit der Förderung der Selbstheilungskräfte begegnet werden müsse.

Jacob: Ökosystemleistungen honorieren

Für eine Weiterentwicklung des sogenannten Waldumbaus sprach sich Dr. Jens Jacob in seinem Statement aus. Dieser sei in der Tat notwendig, passiere aber auch seit Langem. Rund 77 Prozent der Fläche könnten heute naturnah eingeordnet werden.

Dieser Weg müsse weiter beschritten werden. Die Unterstützung der Waldbesitzer bleibe deshalb weiterhin notwendig. Jacob schlug vor, darüber nachzudenken, Waldbesitzer für erbrachte Ökosystemleistungen zu honorieren.

Müller: Wild ist bedeutsamster biotischer Schadfaktor

Derzeit sei eine der größten Vermögenswertvernichtungen zu beobachten, befand Prof. Dr. Michael Müller. Der Sachverständige sah aber Besserung am Horizont. Bereits die nächsten Waldgenerationen würden durch schon frühzeitig angepassten Waldumbau Stabilitätseffekte in sich tragen.

Doch zur Schadensbewältigung sei Betreuung an Ort und Stelle in akademischer wie praktischer Hinsicht gefragt. Als bedeutsamsten biotischen Schadfaktor im Wald bezeichnete Müller das Wild, das ohne Regulierung keine naturnahen Waldbestände zulasse.

Neumeyer: Mehr Zwischenlagerplätze schaffen

Der Sachverständige Martin Neumeyer betonte die Notwendigkeit der Einrichtung von geeigneten Zwischenlagerplätzen, um Holz aus dem Markt zu nehmen und den damit einhergehenden wirtschaftlichen Schaden zu minimieren.

Der Umbau zum Klimawald müsse darüber hinaus weiter vorangetrieben werden. Dies solle bewerkstelligt werden, indem mindestens vier Baumarten für einen gemischten und gestuften Wald Voraussetzung sein müssen. Die öffentliche Hand sollte zudem die Nutzung von Energieholz unterstützen, dessen Verfügbarkeit durch heimische Vorkommen gesichert sei.

Spellmann: Schäden sind in Deutschland ungleich verteilt

Eine Anpassung hin zu mehr Misch- und insbesondere Laubwäldern befürwortete auch Prof. Dr. Hermann Spellmann. Die extreme Witterung der vergangenen beiden Jahre sei ein Vorgeschmack auf das, was kommen werde. Der Trockenstress werde vielerorts die Anpassungsfähigkeit der Baumarten herausfordern und den weiteren Waldumbau notwendig machen.

Spellmann warb dafür, dass in den Wäldern angemessene Totholzvorräte belassen werden und eine Anpassung der Wildbestände unverzichtbar sei. Doch dafür seien zuvor entsprechende gesetzliche Hemmnisse aus der Welt zu schaffen. Der Sachverständige wies zudem darauf hin, dass die Schäden in Deutschland nicht gleichmäßig verteilt seien. Insofern sollte auf die Betroffenheit der einzelnen Bundesländer besonders geachtet werden.

Antrag der Koalition

CDU/CSU und SPD wollen, das unter anderem geprüft werden soll , ob die Mittel für die Bund-Länder-Gemeinschaftsaufgabe zur Förderung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes (GAK) erhöht werden können, um die Folgen von Extremwetterereignissen für den Wald zu bewältigen. In der EU solle sich die Regierung dafür einsetzen, dass die Rahmenregelung für forstwirtschaftliche Zusammenschlüsse im Beihilferecht auch für Krisenfälle neu geregelt wird.

Über den Waldklimafonds und die Einbeziehung weiterer klimarelevanter Titel aus allen Einzelplänen des Bundeshaushalts sei der Waldumbau mit dem Ziel zu forcieren, den Wald und seine Ökosystemfunktionen gegenüber dem Klimawandel widerstandsfähiger zu machen und mit klimatoleranten Baumarten gesunde Mischwälder zu schaffen.

Antrag der FDP

Die FDP-Fraktion fordert in ihrer Vorlage, die Wälder durch „effektiven Waldschutz" zu erhalten.

Darin verlangen die Abgeordneten unter anderem, der steuerlichen Belastung der Waldbesitzer vor dem Hintergrund außerplanmäßiger und zufälliger Holznutzungen durch Sturmschäden mit einer Verordnung zu begegnen und ein bundesweites Schadensmonitoring zu installieren.

Antrag der Linksfraktion

Für eine naturgemäße Waldbewirtschaftung im Interesse des Waldes und der Forstleute setzt sich die Fraktion Die Linke in einem ein.

Die Bundesregierung soll demnach den Waldumbau im Hinblick auf eine Vielfalt heimischer Baumarten und durchmischten Altersstrukturen beschleunigen und Rahmenbedingungen schaffen, um die naturgemäße Waldbewirtschaftung umzusetzen.

Antrag der Grünen

Die Grünen fordern einen Aktionsplan und verlangen, „die flächendeckende Waldentwicklung bis hin zu naturnahen klimabeständigeren Laubmischwäldern zu beschleunigen". Dafür soll ein Waldzukunftsfonds von einer Milliarde Euro über nächsten fünf Jahre aufgelegt werden.

Wie die Antragsteller schreiben, soll die Bundesregierung die ökologische Bewirtschaftung der Wälder fördern. Dazu gehöre ein Gebot zur Schaffung strukturreicher Dauerwälder mit Bäumen verschiedener Arten und Altersklassen unter dem "grundsätzlichen Ausschluss von Kahlschlägen", heißt es darin weiter. (eis/11.11.2019)

Liste der geladenen Sachverständigen

Einzelsachverständige:

  • Gregor Beyer
  • Hans von der Goltz
  • Prof. Dr.-Ing. Annette Hafner
  • Prof. Dr. Pierre L. Ibisch
  • Dr. Jens Jacob
  • Prof. Dr. Michael Müller
  • Martin Neumeyer
  • Prof. Dr. Hermann Spellmann

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