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Katharina Landgraf: Nordkorea be­droht nicht nur seine Nachbarstaaten

Katharina Landgraf spricht am Rednerpult im Plenum.

Katharina Landgraf (CDU/CSU) ist Vorsitzende der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe.

© DBT/Achim Melde

Vom prosperierenden Süden, einer der weltweit führenden Industrienationen, bis zum abgeschotteten und geächteten Norden, der vielleicht vor einer neuen Hungersnot steht: Mit beiden Koreas beschäftigt sich die Deutsch-Koreanische Parlamentariergruppe im Bundestag. Im Interview zieht Katharina Landgraf (CDU/CSU), Vorsitzende der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe, Bilanz der Arbeit der vergangenen vier Jahre, erklärt, was Deutschland und Südkorea zu außenpolitischen Partnern macht, und worauf es jetzt in den Beziehungen zu den beiden Staaten auf der koreanischen Halbinsel ankommt. Das Interview im Wortlaut:

Frau Landgraf, was stand auf der Agenda der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe in dieser Wahlperiode?

Kernaufgabe der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe im Deutschen Bundestag ist die Pflege und der Ausbau der bilateralen parlamentarischen Beziehungen zu Südkorea – politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Dazu unterhalten wir als Gruppe, sowie als einzelne Mitglieder, zahlreiche Kontakte nach Korea, auch über die dortige Freundschaftsgruppe hinaus, zu anderen Akteuren in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Zweimal pro Wahlperiode begegnen sich zudem die Abgeordneten aus beiden Ländern persönlich, das heißt pro Wahlperiode, also alle vier Jahre, soll unsererseits eine Reise nach Korea stattfinden, in der wir uns vor Ort einen Eindruck von dem Land verschaffen. Umgekehrt laden wir eine Delegation von dort zum Gegenbesuch nach Deutschland ein. Leider haben die Pandemie, aber vor allem die Politik der nordkoreanischen Führung, unsere Pläne ziemlich durcheinander gewirbelt.

Das müssen Sie erklären.

Wir hätten uns gerne intensiver mit beiden Landesteilen, oder korrekt gesagt: Staaten in Korea, befasst, mit dem Konflikt dort und den andauernden Spannungen zwischen Nord und Süd. Das war das wichtigste Thema in den deutsch-koreanischen Beziehungen auch in dieser Wahlperiode.

Aber dazu kam es nicht?

Ursprünglich hatten wir geplant, Süd- und Nordkorea getrennt zu bereisen. Nordkorea war schon vor der Pandemie schwer zugänglich. Wegen der angespannten sicherheitspolitischen Lage, da es weiterhin keine Fortschritte im internationalen Rahmen bei einer Denuklearisierung Nordkoreas gab, Pjöngjang keine internationalen Beobachter für sein Atomprogramm zugelassen hat, sondern stattdessen 2018 die Welt noch mit Raketentests brüskierte, in deren Folge die Uno ja dann auch ein Embargo ausgesprochen hat, haben wir von einem Besuch dort schließlich Abstand genommen. Die Raketentests von beängstigender Reichweite und die nukleare Aufrüstung Nordkoreas bedrohen nicht nur die Nachbarstaaten. Wir wünschen uns von Nordkorea mehr Austausch und eine zuverlässige Mitarbeit in den UN-Gremien.

Klingt so, als hätten Sie sich die Entscheidung nicht leicht gemacht?

Wir haben uns in jeder unserer Sitzungen vor unserer Korea-Reise gefragt, ob eine Reise in den Norden sinnvoll wäre und welches Echo eine solche Delegationsreise wohl auslösen würde, hier wie dort. Wir haben das immer in den außenpolitischen Gesamtkontext gestellt und, gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt, bewertet, ob das insgesamt zielführend wäre. Denn wir wollten ja keinesfalls ausdrücken: Egal was ihr in Pjöngjang macht, die deutschen Parlamentarier kommen in jedem Fall. Wir haben uns dann lediglich nach Südkorea aufgemacht. Noch weit vor den Beschränkungen der Pandemie, im Frühjahr 2018, konnten wir diese Reise dann durchführen.

Was stand da im Mittelpunkt?

Wir haben eine Reihe von deutsch-koreanischen Kooperationsprojekten besucht, darunter hochmoderne Unternehmen. Außerdem haben wir vor allem unser Verständnis für die Möglichkeiten der Digitalisierung geschärft. Südkorea ist in diesem Bereich ganz vorne mit dabei, ist Deutschland in Forschung und Anwendung weit voraus. Es gehört über den IT-Sektor hinaus zum Erfolgsrezept der koreanischen Wirtschaft, wie schnell dort Forschungsergebnisse in Industrie und Produktion umgesetzt werden. Die Koreaner sind da einfach weit vorangeschritten. Wir haben zudem den riesigen und komplett automatisierten Hafen in Busan besichtigt. Die Koreaner sind uns auch im Bereich der Logistik auf beeindruckende Weise voraus. Hamburg ist nichts dagegen.

Was bedeutet Ihre Visite dort für Ihre Arbeit?

Durch den Austausch vor Ort gewinnen wir unmittelbare Eindrücke aus dem Inneren eines der weltweit führenden Industrieländer, nehmen eine Menge Anregungen und Ideen mit und können unsere auf gegenseitigem Lernen aufbauende Zusammenarbeit weiterentwickeln. Mit Parlamentskolleginnen und -kollegen dort zu sprechen, aber auch Unternehmer, Angestellte sowie Angehörige der Zivilgesellschaft zu treffen, kurz: in das Land hineinzuschauen, ist immer sehr eindrucksvoll und ein Gewinn für die bilateralen Beziehungen. Dadurch haben wir eine ganz andere Sicht, als wenn wir nur die Tagesschau gucken würden. Aktuelles Wissen über das Land bekommen wir außerdem vom Auswärtigen Amt sowie von den politischen Stiftungen. Die Koreaner wiederum schätzen beispielsweise unser duales Ausbildungssystem, welches zahlreiche, vor allem deutsche Firmen dort praktizieren.

Was macht das für die Koreaner so interessant?

Aus- und Weiterbildung, bis hin zur universitären Ebene, spielt in Korea eine Riesenrolle. Die Akademisierung ist sehr stark ausgeprägt. Korea ist ein lernendes Land, eine echte Wissensökonomie, die den schnellen, erfolgreichen Weg zum Industrieland als ihre Geschichte verinnerlicht hat. Diese Geschichte spielt weiterhin eine wichtige Rolle im kollektiven Bewusstsein, ja man könnte sogar sagen: Selbstbewusstsein. Gleichzeitig bewundern die Koreaner den deutschen Weg: kulturell, industriell, die soziale Marktwirtschaft, bis hin zur Wiedervereinigung. Zu den deutschen Errungenschaften gehört, nicht nur aus koreanischer Sicht, die duale Berufsausbildung.

Welche politischen Schwerpunkte hatten Sie neben den Wirtschaftskontakten?

Nordkorea. Auch bei unseren Gesprächen im Süden. Der ungelöste Konflikt bleibt ein Dauerthema und war das wichtigste Thema in unserer Arbeit auch in dieser Wahlperiode. Es gibt, wie gesagt, neue sicherheitspolitische Verwerfungen, die den Frieden in der Region und darüber hinaus gefährden. Außerdem herrscht eine ständige Grundspannung zwischen Nord und Süd, nicht nur auf politischer Ebene oder in den Befehlsstrukturen, sondern auch bei den Bürgern, allein aufgrund der unmittelbaren Nähe beider Länder zueinander. Der Gegensatz zwischen beiden Ländern lässt sich schon an wenigen spektakulären Äußerlichkeiten festmachen: auf der einen Seite der kommunistische Norden mit seiner Mangelwirtschaft bis hin zu Hungersnöten und einem wahnsinnigen, kleinformatigen Diktator – auf der anderen Seite der futuristische Süden, mit der 25-Millionen-Metropole Seoul – keine 200 Kilometer von der Demarkationslinie entfernt. Uns interessiert, ob beide Landesteile einmal wieder zusammenfinden können und wo sich Möglichkeiten für eine Wiederannäherung auftun.

Kann Deutschland dabei helfen?

Wir deutschen Parlamentarier werden einen Aussöhnungs- und Wiedervereinigungsprozess gerne unterstützen. Die deutsche Politik ist dabei mit ihrem eigenen Erfahrungswissen in Korea sehr gefragt. Beide Koreas, Nord und Süd, aber vor allem der Süden, schauen viel nach Deutschland, als Beispiel für eine Wiedervereinigung, als Quelle von gutem Rat. Das mutet dort jetzt – genauso wie es bei uns war – wie ein Fernziel an. Aber man darf es nicht aus dem Blick verlieren. Die Koreaner sollten an dem Gedanken einer künftigen Wiedervereinigung festhalten, das Thema weiter auf der Agenda haben und irgendwie vorbereitet sein. Und man muss den Menschen Mut machen. Dazu können wir vielleicht etwas beitragen. Ich selbst gehörte ja der letzten, frei gewählten Volkskammer der DDR an und habe die Wiedervereinigung Deutschlands mitgestaltet.

Was ist jetzt wichtig?

Dass die Menschen im Norden nicht verhungern. Und dass es zwischen beiden Koreas nicht zu einer militärischen Auseinandersetzung kommt, mit all den möglichen vorstellbaren regionalen Weiterungen im pazifischen Raum bis hin zu einem chinesisch-amerikanischen Konflikt. Wir haben uns natürlich auch vor Ort, im Süden, für die aktuelle Lage in Nordkorea interessiert: Was da jetzt passiert, wie es den Menschen dort geht, wohin diese Regierung das Land wohl steuert? Wir wollten den Menschen im Norden außerdem zeigen, dass die Welt sie nicht vergessen hat. Das ist uns in dieser Wahlperiode leider schlecht gelungen, da sind wir nur wenig vorgedrungen.

Haben Sie einen Draht zum Norden?

Trotz der Abschottung des Nordens ist es mir gelungen, dessen Botschafter in Berlin für ein Gespräch zu gewinnen. Aber viel mehr als vorgefertigte Phrasen kamen dabei leider auf nordkoreanischer Seite nicht heraus. Der Botschafter verneinte in unserem kurzen und wenig fruchtbaren Gespräch sogar die Existenz von Corona. Die Abschottung des Landes ist unvergleichlich, rhetorisch wie real. Sie lassen kaum noch ausländische Kräfte rein und haben fast alle bisher dort Tätigen nach Hause geschickt. Aber wir wissen, dass dort die Dinge aus dem Ruder zu laufen drohen. Wir wissen auch, dass sich durch Missernten erneut eine Hungerkatastrophe anbahnt im Norden. Aber das Regime in Pjöngjang mauert dennoch und lässt sich weder in die Karten blicken noch helfen. Wenn unsere Bemühungen auf so viel Sturheit treffen, könnte man die Lust verlieren. Mindestens ist es ernüchternd. Ein Besuch dort wäre vermutlich zu einer reinen Show-Veranstaltung für das Regime verkommen. Für derartige Aufmerksamkeit lasse ich mich nicht einspannen.

Wie geht es den Südkoreanern in diesem Kontext innerer und äußerer Anspannung?

In allen etwas tiefergehenden Gesprächen mit Koreanern habe ich immer wieder gespürt, wie sehr die Frage einer möglichen Wiedervereinigung die Menschen dort beschäftigt, auch persönlich. Die Koreaner haben ihre eigene Art, damit umzugehen. Sie stecken alle Energie in ihre Arbeit, ihr berufliches Weiterkommen. Wer gerade nicht oder noch nicht arbeitet, bildet sich fort oder aus. Die Menschen in Korea sind sehr ehrgeizig, lernen viel, arbeiten hart – übrigens viel länger als wir es tun, haben deutlich weniger Urlaub, ja sie muten sich viel mehr zu. Sie haben gelernt, mit harter Arbeit in drei, vier Generationen einen beträchtlichen Wohlstand aufzubauen und wollen den unbedingt festigen. Auch gegenüber der kommunistischen Bedrohung aus dem Norden. Dafür geben sie alles, würde man bei uns sagen. Aber sie fürchten, dass sie eines Tages ein bankrottes Nordkorea mit aufbauen müssen und dass sie das sehr viel kosten und vielleicht wirtschaftlich zurückwerfen wird.

Was raten Sie?

Nur ein starkes, sozial ausgewogenes Südkorea könnte so eine Wiedervereinigung gestalten – ähnlich wie es der Bundesrepublik nach der Wende in der DDR gelungen ist. Die Sozial- und Familienpolitik in Südkorea ist ganz auf das Wirtschaftswachstum getrimmt. Eine richtige Jugend haben die Menschen dort eigentlich nicht. Stattdessen werden sie neben der Schule mit Privatunterricht überhäuft. Viele junge, gut ausgebildete Frauen wollen keine Familie mehr, sind nicht bereit zu dem Versuch, Kinder und Karriere miteinander zu vereinen. Korea hat die niedrigste Geburtenrate der Welt. Meine Botschaft an meine Gesprächspartner dort ist immer: Erholung und Familienzeit gehört aber doch zum Wohlstand dazu, hinter dem ihr herjagt. Ihr müsst da jetzt mehr tun sozialpolitisch. Man darf die Familien, ihre Zusammenhänge und traditionellen Funktionen nicht vergessen. Zahlreiche koreanische Romane beschreiben die Probleme, die das Leben für die Karriere und den wirtschaftlichen Erfolg in der eigentlich sehr traditionsbewussten koreanischen Gesellschaft und ihren Familien verursacht. Eine ungeheure Erfolgsgeschichte hat dieses Land geschrieben, aber eben mit Schattenseiten.

Was verbindet Deutschland und Korea?

Korea ist wie Deutschland ein Land mit einer interessanten Geschichte, das diese Geschichte auch pflegt. Wenn auch das Interesse der Koreaner an Deutschland vielleicht etwas größer ist als das der Deutschen an Korea, so lässt sich doch sagen, dass ein wechselseitiges Interesse besteht. Viele Koreaner haben ein erstaunliches Wissen über Deutschland. Sie schätzen unsere Kultur, kennen sich mit deutscher klassischer Musik aus, interessieren sich für traditionellen Instrumentenbau bei uns. Seit einem halben Jahrhundert gibt es außerdem eine gemeinsame Geschichte der Beziehungen zwischen beiden Ländern und des Austauschs. In Westdeutschland entstand nach der Zeit des Weltkriegs und des Koreakriegs eine kleine deutsch-koreanische Community, als koreanische Bergleute und Krankenpfleger im Ruhrgebiet Beschäftigung fanden. Einzelne sind da geblieben. Deutsch-koreanische Familien entstanden. Hier wie dort. Sie bilden eine wichtige Brücke zwischen beiden Ländern.

Was macht Deutschland und Korea auch außenpolitisch zu Partnern?

Uns verbindet einfach viel. Beide Länder haben ihre Staatswesen trotz einem völlig unterschiedlichen kulturellen Kontext auf gemeinsamen Werten aufgebaut, verfügen über einen ähnlichen demokratischen Staatsaufbau. Beide Länder gehören zu den wichtigsten Volkswirtschaften der Welt, stehen vor vergleichbaren wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Da bietet es sich einfach an, voneinander zu lernen. Und auf dieser Basis viele Probleme sowohl bei sich zu Hause als auch weltweit gemeinsam zu lösen. Zumal es zwischen Deutschland und Korea keine nachbarschaftlichen oder sonstigen Interessenkonflikte gibt. Im Gegenteil, die Menschen beider Länder begegnen sich seit jeher mit Respekt für die jeweils andere Kultur. Jedes der beiden Länder muss zudem in seinem geografischen Kontext Antworten finden auf spezifische sicherheitspolitische Herausforderungen. Südkorea ist zudem angewiesen auf uns, auf die Europäische Union, um neben seinem riesigen Nachbarn China bestehen zu können und nicht völlig von diesem einen Markt abhängig zu sein. Kurzum, bei der Gestaltung des pazifischen Raumes und der globalen Ordnung ist Korea ein wichtiger Partner, der dieselben Werte wie wir teilt und für diese international eintritt. (ll/16.08.2021)

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