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Bas und Auer­bacher gedenken am Stolper­stein einer Ermordeten

Eine Rose liegt auf einem bronzenen Stolperstein.

Ein Stolperstein erinnert an Ruth Abraham. Sie war eines von mehr als anderthalb Millionen Kindern, die dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen.

© DBT/Leon Kügeler/photothek

Drei goldglänzende Messingtäfelchen, jedes nicht viel größer als Dr. h. c. Inge Auerbachers Handfläche, blitzen aus dem Grau des Berliner Pflasters. „Hier wohnte Ruth Nelly Abraham“ steht in Versalien eingraviert auf einem der kleinen Quader. Ein kalter Wind fegt durch die Hauptstadt, nur vereinzelt bedecken zarte Wolken den strahlend blauen Himmel.

Es ist der Stolperstein für ihre beste Freundin aus Kindheitstagen, den die 87 Jahre alte Frau mit den großen dunklen Augen an diesem Freitagnachmittag, 28. Januar 2022, gemeinsam mit Parlamentspräsidentin Bärbel Bas besucht. Sichtlich ergriffen betrachtet Auerbacher die Gedenktafel, die hier, in der Wallstraße 84, dem einstigen Wohnort der Familie Abraham, in den Gehweg eingelassen ist. Als Mädchen waren die beiden unzertrennlich, bis die Nationalsozialisten Ruths Leben auslöschten.

Kindheit in Nazi-Deutschland

Inge Auerbacher hat als jüdisches Mädchen die Gräueltaten der Nationalsozialisten erlebt. Geboren an Silvester 1934 wächst sie als Einzelkind in einem kleinen Dorf am Rande des Schwarzwalds auf. Schon wenige Jahre nach ihrer Geburt dringt der Naziterror in ihr junges Leben: Schikanen, Plünderungen, willkürliche Verhaftungen.

Die Nationalsozialisten beginnen, Jüdinnen und Juden gezielt zu verfolgen. Am 22. August 1942 werden die damals Siebenjährige und ihre Eltern nach Theresienstadt deportiert. Hunger und Krankheit nagen an den Frauen, Männern und Kindern, die in dem Lager im heutigen Tschechien gefangen gehalten werden.

Freundschaft im Konzentrationslager

Inmitten dieses unmenschlichen Orts lernt Auerbacher die gleichaltrige Ruth kennen. Das „Dorfmädel“ aus Süddeutschland und die Berlinerin werden beste Freundinnen. Sie versprechen einander, sich gegenseitig zu besuchen, wenn der Albtraum vorbei ist. Doch Ruth überlebt die NS-Gewaltherrschaft nicht, sie und ihre Eltern werden nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Es ist einer der letzten Transporte, bevor die sowjetische Armee am 8. Mai 1945 die Überlebenden von Theresienstadt befreit. Hitler-Deutschland hat kapituliert, der Krieg in Europa ist beendet. Inge Auerbacher und ihre Eltern haben die Hölle überlebt. Am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, sprach sie im Bundestag über ihre Geschichte. „Liebe Ruth“, rief sie während ihrer Gedenkrede, „ich bin hier in Berlin, um dich zu besuchen.“ Sie hat ihr Versprechen wahr gemacht.

Steine wider dem Vergessen

Ruth Abraham ist eines von mehr als anderthalb Millionen Kindern, die dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Anderthalb Millionen Hoffnungen und Lebenspläne, ausgelöscht. Die Schicksale der Ermordeten und Verfolgten lebendig zu halten, ist das Ziel des Projekts von Künstler Gunter Demnig. Mehr als 75.000 Stolpersteine prägen mittlerweile die Fußgängerzonen zahlreicher Städte. Schlicht, beinahe unscheinbar, und doch lassen sie die Augen stolpern.

Sie rücken die Opfer des NS-Regimes in den Blick, ihre Namen und Geschichten. Schicksale wie das von Ruth Abraham. „Jahrgang 1934, Deportiert 1942, Theresienstadt, Ermordet in Auschwitz.“ Lange blicken Inge Auerbacher und Bärbel Bas auf die kleine Gedenktafel und auf das Foto von Ruth, nach dem Auerbacher so lange gesucht hat. Dann legen sie gemeinsam eine weiße Rose auf das Mahnmal. Ruth Abraham wurde vor annähernd acht Jahrzehnten ermordet, aber die Erinnerung an sie lebt. (irs/28.01.2022)

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