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In einer ergreifenden Rede hat die Holocaust-Überlebende Dr. h. c. Inge Auerbacher die schrecklichen Ereignisse ihrer Kindheitsjahre im nationalsozialistischen Deutschland geschildert. Die 87-jährige heutige US-Staatsbürgerin sprach am Donnerstag, 27. Januar 2022, in der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus.

Auerbacher war als Siebenjährige von Stuttgart aus in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden. „Soviel ich weiß, bin ich das einzige Kind, das unter allen Deportierten aus Stuttgart zurückkehrte. 20 Personen von unserer Familie sind von den Nazis ermordet worden.“ Nach der Befreiung des KZs durch die Rote Armee am 8. Mai 1945 folgte im Mai 1946 die Emigration nach New York.

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Seit 1996 gedenkt der Deutschen Bundestag jährlich am oder um den 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus. Anlass ist die Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945. Bundestagspräsidentin Bärbel Bas hieß besonders die Gedenkrednerin Inge Auerbacher sowie Mickey Levy, den Präsidenten des israelischen Parlaments, der Knesset, willkommen.

Für die Verfassungsorgane der Bundesrepublik nahmen an der Gedenkstunde neben der gastgebenden Bundestagspräsidentin Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier, Bundesratspräsident Bodo Ramelow, Bundeskanzler Olaf Scholz und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Dr. Stephan Harbarth, teil.

„Ein jüdisches Mädel aus Kippenheim“

Inge Auerbacher, ein „jüdisches Mädel aus dem badischen Dorf Kippenheim und dem schwäbischen Jebenhausen-Göppingen“, wurde am Silvestertag 1934 geboren. Sie war nach eigenen Worten das „letzte jüdische Kind“, das in dem heute zum Ortenaukreis gehörenden Kippenheim auf die Welt kam. „Juden und Christen wohnten friedlich zusammen“, erinnert sie sich.

Vater Berthold Auerbacher, ein Textilhändler, war im Ersten Weltkrieg schwer verwundet und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Zwei Brüder der Großmutter fielen im Ersten Weltkrieg. Ihre Oma allerdings „wurde von den Nazis ermordet und liegt in einem Massengrab in Biķernieki, einem Wald in der Nähe von Riga in Lettland“.

„Grauenhafte Zeit des Schreckens und Menschenhasses“

Seit 75 Jahren lebt Inge Auerbacher in New York, nach dem Studium arbeitete sie dort 38 Jahre lang als Chemikerin in medizinischer Forschung und klinischer Arbeit. Die „grauenhafte Zeit des Schreckens und Menschenhasses“ ist ihr indes „gut im Gedächtnis“ geblieben: „Leider ist dieser Krebs wieder erwacht und Judenhass ist in vielen Ländern der Welt, auch in Deutschland, wieder alltäglich“, sagte sie. „Diese Krankheit muss so schnell wie möglich geheilt werden.“

Beim Pogrom am 10. November 1938 in Kippenheim schmissen die „Nazi-Rowdies“ Backsteine durch die Fenster. Ein Stein habe sie, damals noch nicht vier Jahre alt, beinahe getroffen. Opa und Papa seien in das KZ Dachau transportiert und nach einigen Wochen wieder entlassen worden: „Sie erzählten von den furchtbaren Torturen und Misshandlungen, die sie erleiden mussten.“ Das Haus in Kippenheim wurde 1939 verkauft, die Familie zog zu den Großeltern nach Jebenhausen mit dem Ziel, Deutschland bald zu verlassen: „Aber die Türen zum Auswandern wurden bald geschlossen.“

Mit dem Davidstern in die jüdische Schule

Trotz antisemitischer Bestimmungen und Gesetze gegen Juden hätten viele Jebenhausener „an ihrer Freundschaft mit uns“ festgehalten: „Einige Bauern versorgten uns manchmal mit Lebensmitteln. Die meisten Kinder spielten auch weiter mit mir.“

Als Inge Auerbacher sechs Jahre alt war, durfte sie nicht in die staatliche Schule: „Ich musste zu Fuß drei Kilometer nach Göppingen gehen und dann eine Stunde mit dem Zug nach Stuttgart zur jüdischen Schule fahren“, mit Sonderausweis. Ab dem 1. September 1941 mussten alle über sechsjährigen Juden den gelben Davidstern tragen: „Manche christliche Kinder verhöhnten und piesackten mich.“ Aber auch das gab es: „Eines Tages ließ eine Frau eine Tüte mit Brötchen neben meinem Sitz liegen. Sie muss meinen gelben Davidstern erblickt haben und hatte Mitleid mit dem kleinen Mädchen, das so ganz allein im Zug fuhr.“

Deportation nach Theresienstadt

Ende 1941 begannen die Deportationen nach dem Osten, die jüdische Schule in Stuttgart wurde noch vor Ende ihres ersten Schuljahres geschlossen. Die Familie ohne die nach Riga deportierte Oma wurde in einem „Judenhaus“ in Göppingen einquartiert.

Am 22. August 1942 wurde die Familie vom Stuttgarter Sammellager Killesberg aus mit anderen württembergischen Juden nach Theresienstadt (heute Terezín in Tschechien) deportiert. Inge war die Jüngste von etwa 1.100 Personen, „von denen meine Eltern und ich und ganz wenig andere überlebt haben“. Am 10. Oktober 1941 hatten die Nazis Theresienstadt zum Durchgangslager für Juden vor ihrer Vernichtung bestimmt. „Sie tarnten das Lager für Propagandazwecke als Musterghetto und machten eine verlogene Show für das Internationale Rote Kreuz 1944“, sagte die Gedenkrednerin.

Erinnerung an Ruth Nelly Abraham

Brot, Kartoffel und Suppe waren die wichtigsten Wörter, erinnert sie sich: „Das ganze Leben drehte sich ums Essen.“ Typhus war eine große Gefahr: „Wir waren sehr von Ratten, Mäusen, Flöhen, Läusen und Wanzen geplagt.“ Und: „Immer wieder wurden Leute abtransportiert – meistens nach Auschwitz.“ Inge Auerbacher berichtete von einer Familie Abraham aus Berlin, deren Tochter Ruth Nelly gleich alt war wie sie: „Ruth und ihre Eltern wurden ermordet in einer der Gaskammern in Auschwitz. Sie erlebte noch nicht einmal ihren zehnten Geburtstag.“ Sie zeigte auf den Schmetterling an ihrem Revers, den sie als Symbol der Erinnerung an die ermordeten jüdischen Kinder trage.

Nach Befreiung und Emigration hinterließen die drei Jahre im KZ ihre Spuren, Inge Auerbacher erkrankte schwer und musste vier Jahre im Bett zubringen. Gegen Tuberkulose halfen ihr Spritzen mit dem Antibiotikum Streptomycin. „Mein innigster Wunsch ist die Versöhnung aller Menschen“, sagte sie und schloss mit den Worten: „Die Vergangenheit darf nie vergessen werden. Zusammen wollen wir beten für Einigkeit auf Erden. Lasst uns gemeinsam einen neuen Morgen sehen. Dieser Traum soll nie verlorengehen.“ Abgeordnete und Gäste erhoben und dankten ihr mit lang anhaltendem Applaus.

„Scham für das, was frühere Generationen getan haben“

Bundestagspräsidentin Bas wies eingangs darauf hin, dass die wiederhergerichtete Synagoge in Auerbachers Geburtsort Kippenheim heute eine Gedenk-, Lern- und Begegnungsstätte ist. Das großelterliche Haus in Jebenhausen sei dank eines engagierten Vereins heute Teil eines Erinnerungsweges an das einstige jüdische Leben in Göppingen. Bas begrüßte stellvertretend für das vielfältige lokale Engagement den Göppinger Oberbürgermeister Alex Maier.

Bärbel Bas erinnerte daran, dass „immer mehr Menschen bei uns“ keine deutschen Vorfahren hätten und die deutsche Schreckensgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht ihre sei: „Das macht die Arbeit von Schulen, Gedenkstätten und Museen umso wichtiger.“ Die Bundestagspräsidentin sprach von einem „Tag der Scham für das, was frühere Generationen Deutscher getan haben“.

„Antisemitismus hat in unserer Gesellschaft keinen Platz“

Viel zu wenige Täter hätten sich vor Gericht verantworten müssen, viel zu viele seien mit Strafen davongekommen, „die einer Verhöhnung der Opfer“ gleichkam. Dies gelte auch für Teilnehmer der Wannseekonferenz, die vor 80 Jahren, am 20. Januar 1942, die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ mit dem Ziel beschloss, elf Millionen Jüdinnen und Juden zu ermorden. Etwa anderthalb Millionen jüdische Kinder seien im Holocaust umgekommen. Inge Auerbacher habe in den vergangenen Jahrzehnten unzähligen Menschen ihre Geschichte erzählt, damit „diese nicht vergessen wird“.

Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit und Rassismus „haben in unserer Gesellschaft keinen Platz – weder in der Gegenwart noch in der Zukunft“, stellte Bas unter Beifall klar. Antisemitismus sei nicht hinnehmbar, egal wo er sich äußere und wo er herkomme. Der Völkermord an den Juden Europas sei ein deutsches Verbrechen, aber zugleich eine Vergangenheit, die alle, nicht nur Deutsche und Juden, angeht.

„Die Mehrheit lässt sich nicht zum Hass verführen“

Das Wissen um die Geschichte habe aber nicht verhindert, dass ein Drittel der deutschen Bevölkerung meine, die Juden hätten vielleicht doch zu großen Einfluss. Der Antisemitismus sei da und finde sich nicht nur am äußersten Rand. Er sei ein Problem der ganzen Gesellschaft: „Der Antisemitismus ist mitten unter uns.“ Die Bundestagspräsidentin fügte von Beifall begleitet hinzu, dass sich als „Freund des Judentums“ unglaubwürdig mache, wer gegen Muslime und deren Glauben hetze.

Die Mehrheit im Land habe, so Bas weiter, nichts für jene übrig, die Demokratie beschwören, aber nur ihre eigene Freiheit meinen, Toleranz für sich einfordern, den Pluralismus aber verachten. Die Mehrheit lasse sich nicht zum Hass verführen, sie wähle und streite demokratisch.

Bas: Allerhöchste Zeit zu handeln

Den anderen gegenüber forderte sie mehr „Mut zur Intoleranz“ ein, den entschlossenen Einsatz aller Mittel, die die wehrhafte Demokratie kennt. „Wenn Rechtsextremisten, Geschichtsrevisionisten und Völkisch-Nationale Wahlerfolge feiern, dann ist das kein Alarmzeichen. Dann ist es allerhöchste Zeit, zu handeln“, sagte sie unter Beifall. Die Demokratie trage kein Ewigkeitssiegel, sondern sei angewiesen auf Bürgerinnen und Bürger, die sie schätzen und mit Leben erfüllen.

Die Aussöhnung zwischen Deutschland und Israel erscheine im Rückblick wie ein Wunder, sagte Bas. „Uns einen nicht zuletzt gemeinsame Werte“, was besonders für den Kampf gegen Antisemitismus gelte. Knesset-Präsident Mickey Levy hob hervor, dass es beiden Nationen gelungen sei, sich aus dem historischen nationalen Trauma zu erheben und „mit Mut und Entschlossenheit etwas Neues zu schaffen“. Deutschland habe die Verantwortung für die Sicherheit Israels zu einem der Grundpfeiler seiner Außenpolitik gemacht.

Levy: Israel verlässt sich auf Olaf Scholz

Levy dankte Angela Merkel, die Deutschlands Stärke gefestigt und sich „unermüdlich für die Beziehungen zwischen unseren Ländern eingesetzt“ habe. Der Staat Israel verlasse sich auf Merkels Nachfolger Olaf Scholz und wisse, dass er diese langjährige Tradition fortsetzen werde. Es gelte, auf die Erinnerung zurückzugreifen, „um deren Weiterbestehen zum Wohl der menschlichen Ewigkeit zu garantieren“.

Der Knesset-Präsident dankte auch Inge Auerbacher dafür, dass sie es geschafft habe, „das Unfassbare zu greifbarer Erinnerung zu machen“. 80 Jahre und sieben Tage seit der Wannseekonferenz seien „Nichts aus historischer Sicht“, reichten nicht, um alle Wunden zu heilen. Viele trügen noch Wunden, die nicht verheilt sind und für die es keine Heilung gibt.

„Eine Zukunft auf der Basis gemeinsamer Werte schaffen“

Das Angedenken an den Holocaust wachzuhalten, seine eine Aufgabe, die auf den Schultern jeder Generation liege: die Vermittlung der „abscheulichen Ereignisse der Vergangenheit an kommende Generationen“. Die ewig schlimme Warnung des Holocausts der europäischen Juden laute „Nie wieder“, betonte Levy unter Beifall.

Aus der Erinnerung müsse aber auch eine Vision geschaffen werden auf eine Zukunft, die sich „auf gemeinsame Werte und Träume stützt“, eine Zukunft, die „auf den Werten der Demokratie, der Freiheit und Toleranz basiert, Werte, die Israel und Deutschland teilen“. Levy schloss mit einem Ausschnitt aus dem Kaddisch-Gebet für Israel, zu dem sich alle Anwesenden von den Plätzen erhoben.

Musikalische Begleitung

Die Gedenkstunde wurde durch besondere musikalische Werke begleitet: Zwei Stücke von Komponisten, die in Theresienstadt interniert waren – Hans Krása (1899-1944), der in Auschwitz ermordet wurde, und Lena Stein-Schneider (geboren als Helene Meyerstein, 1874-1958) – sowie zwei Lieder des jüdischen Widerstandes gegen die nationalsozialistische Besatzungsherrschaft, „Friling“ (1948) von Shmerke Kaczerginski (1908-1954) und „Sog nit keyn mol“ (1943) von Hirsh Glik (1922-1944).

Die Lieder wurden vorgetragen vom Kantor der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, dem Tenor Yoed Sorek, den Prof. Dr. Jascha Nemtsov am Flügel und Susan Evans auf der Klarinette begleiteten. 

Die Instrumentalstücke, der 2. Satz „Fuge“ aus „Passacaglia und Fuge“ für Streichertrio von Hans Krása wurden von Radovan Šandera (Violine), Stanislav Svoboda (Viola) und Štěpánka Kutmanová (Violoncello) gespielt, „Avinu Melkénu“ von Lena Stein-Schneider mit Šárka Csolle Knížetová am Klavier anstatt Stanislav Svoboda (Viola). Der Auftritt der Musikerinnen und Musiker der Prager Staatsoper ist Teil des Kulturprojekts „Musica non grata“ der Oper des Prager Nationaltheaters, der Staatsoper Prag und des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland. (vom/27.01.2022)

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