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Artikel

15. Januar 2019

Rede von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble beim Neujahrsempfang der Stiftung Garnisonkirche Potsdam

[Es gilt das gesprochene Wort]

Wir neigen dazu, schnell etwas ‚historisch‘ zu nennen. Heute ist vielleicht so ein historischer Tag. Künftige Generationen werden sich jedenfalls an die Entscheidung erinnern, die das britische Parlament [in diesen Stunden] über die Prozedere des Brexits getroffen hat [trifft]. Die Folgen eines britischen Austritts aus der Europäischen Union wären weitreichend, für beide Seiten. Aber ich bin überzeugt: Auch künftig wird das Verbindende das politisch Trennende überwiegen – nicht zuletzt die gemeinsame Geschichte. Daran lohnt gerade hier zu erinnern, bei Ihrer Stiftung zum Wiederaufbau der Garnisonkirche, die wie die Profilgemeinde Mitglied der Nagelkreuzbewegung von Coventry ist. Dazu mahnend, den Frieden zu wahren und Gegensätze einvernehmlich zu überwinden.

Heute ist also womöglich ein historischer Tag – ganz sicher ist es ein Tag mit Geschichte: Vor 100 Jahren wurden in Berlin Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. Ein politisches Verbrechen in den revolutionären Unruhen nach dem Ersten Weltkrieg, begangen von Angehörigen einer Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Die noch junge Republik stand damals kurz vor den Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung, und sie sah sich einem Zangengriff ausgesetzt: Von Aufständischen, die eine radikalere Revolution forderten, und von reaktionären Kräften mit ihren Freikorps. Deren Gewaltexzesse gegenüber der radikalen Linken nahm sie teils billigend in Kauf.

Die Menschen machten die Erfahrung: Nach dem Krieg herrschte noch immer kein Friede, im Gegenteil. In einer gespalteten Gesellschaft entlud sich die Gewalt in bürgerkriegsähnlichen Straßenkämpfen. Zerstörerisch für das Vertrauen der Bevölkerung in das neue politische System. Und folgenschwer für die Stabilität der Republik, die nie aus dem Schatten der unverarbeiteten Kriegsniederlage treten konnte. In der Gewalt das gesellschaftliche Leben weiter prägte und in der die politischen Extreme die Demokratie fortwährend angriffen.

Was für ein Kontrast zu den Anfängen der westdeutschen Republik vor 70 Jahren. Als nach der totalen Niederlage, dem moralischen Bankrott und Jahren der Not in einem zerstörten und geteilten Land der staatliche Neuanfang gesucht wurde, unter Aufsicht der Besatzungsmächte. Als die Mütter und Väter des Grundgesetzes in der Präambel postulierten, der neue Staat sei „davon beseelt, dem Frieden in der Welt zu dienen“.

Rosa Luxemburg hatte ihr Eintreten gegen den Militarismus bereits während des Krieges mit Haft bezahlt. Aus dem Gefängnis schrieb sie 1916 einer Freundin bewegende Worte: „Dann sieh, daß Du Mensch bleibst: Mensch sein ist vor allem die Hauptsache.“ Aber wie ist der Mensch? Während Ideologen immer wieder versuchten, einen „neuen Menschen“ zu schaffen, wissen Christen: Überall, wo Menschen am Werk sind, kommt die menschliche Natur in ihrer Widersprüchlichkeit zum Ausdruck. Der Mensch ist unvollkommen und fehlbar, stark und schwach, ebenso zum Guten fähig wie zum Bösen.

Die Geschichte, unsere Geschichte zeigt es. Und nicht zuletzt der Ort, an dem derzeit der Turm der Garnisonkirche wiederaufgebaut wird. An dem sich – wie es so treffend heißt – Geschichten und Geschichte über Jahrhunderte hinweg stapelten. Den in der Weimarer Republik die Kräfte eines fortlebenden Militarismus für ihre antidemokratischen Inszenierungen nutzten.

Aber dieser Ort zeigt eben auch das: Dass der Mensch fähig ist, seine Fehler zu erkennen. Sich zu korrigieren. Nicht verdrängend, geschichtsvergessen, im Gegenteil: Gerade im Bewusstsein seiner Vergangenheit mit all ihren Abwegen und Irrwegen. Der Mensch ist fähig, aus seinen Erfahrungen zu lernen. Wir sind fähig, historische Schlüsse zu ziehen, für unser Selbstverständnis – und um Verantwortung zu übernehmen. Mit dem Wiederaufbau der Garnisonkirche verbindet sich deshalb die Erwartung, einen Ort zu schaffen, an dem wir im Wissen um unsere Geschichte darüber nachdenken, wie wir die Zukunft gestalten wollen. Das ist die Botschaft seit dem „Ruf aus Potsdam“ vor 15 Jahren. Das sollte der Anspruch dieses Projekts sein. Und das wird die künftige Inschrift auf dem Sockel des wiedererrichteten Turms eindrücklich vermitteln. Wo der Krieg einst geheiligt und über Generationen hinweg Soldaten unter Insignien des preußischen Militärs den Segen erhielten, um in den Krieg zu marschieren, wird stehen:

„Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“

Dieser Appell aus dem Lukas-Evangelium wird in Englisch, Französisch, Polnisch und Russisch zu lesen sein. In Sprachen vor allem der Länder, die mit der wechselvollen Geschichte Preußens eng verbunden sind. Eines Staates, der heute nicht mehr existiert, der aber unsere Geschichte nachhaltig geprägt hat. Der mythenumwoben ist – und bis heute mit seinem kulturellen und geistigen Reichtum ebenso fasziniert wie das Preußentum mit seiner militaristischen Tradition viele abstößt. Die Debatten um die Garnisonkirche belegen es.

Die preußische Geschichte zeigt, wie eng wir in Europa miteinander verknüpft sind. Im Guten wie im Bösen. Verknüpft lange Zeit über die Dynastien, ihre Heiratspolitik, ihre Bündnisse, ihre Kriege – verheerende Kriege, denen auch Völker in unserer Nachbarschaft zum Opfer fielen, vor allem die Polen. Selbst noch bei Friedensschlüssen.

Der Glaube macht an Grenzen nicht halt – Kirchen wirken verbindend. Die europäische Nachkriegsgeschichte ist voller Beispiele für ihre Versöhnungsleistung. „Wir vergeben und wir bitten um Vergebung“: das etwa schrieben 1965 die polnischen Bischöfe ihren deutschen Amtsbrüdern. Große Worte der Versöhnung. Der Versöhnungsgedanke ist ein christlicher und die Kirchen hatten deshalb erheblichen Anteil an den Versöhnungsbemühungen. Auch daran, dass wir Deutschen und unsere östlichen Nachbarn zueinanderfanden. Wir kennen unsere Geschichte und wie erkennen die Herausforderungen der Zukunft: In der veränderten Welt von heute geht es für uns in Europa nur gemeinsam – über alles Trennende in der Vergangenheit und auch gegenwärtig hinweg. Dieser Gedanke kann und sollte am künftigen Lernort Garnisonkirche gepflegt werden.

Vor 100 Jahren war Europa davon weit entfernt. Nachhaltigen Frieden: Ihn suchten Idealisten wie US-Präsident Wilson. Aber die Erfahrung des Ersten Weltkriegs erwies sich als übermächtig, das Verlangen nach Strafe und Genugtuung für das erlittene Leid als zu groß, auch nach Rache. Die Friedenskonferenz in Paris begann auf den Tag genau 48 Jahre nach der Proklamation des Kaiserreichs im Spiegelsaal von Versailles. Welche Macht der Erinnerung – was für eine Geschichtspolitik! Das Datum jährt sich Ende der Woche.

Max Weber ahnte bereits, der Versailler Vertrag diskreditiere nicht den Krieg, sondern den Frieden. Die Verhandlungen schufen vielfach „neue Nahrung für den Hass“, wie der Historiker Eckart Conze in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ schreibt. Und sie bedeuteten vielerorts „die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, die Verlängerung des Krieges in den Frieden hinein“. Das sagt Conzes Historiker-Kollege Jörn Leonhard, der von einem „überforderten Frieden“ spricht. Und der auf 1.300 Seiten den Nachweis liefert, dass die Aufgabe für die vom Krieg ausgelaugten Völker eigentlich nicht zu stemmen war: Sie hatten eine neue Friedensordnung zu finden – neu allein schon deshalb, weil es nicht mehr eine Friedensarchitektur für den europäischen Kontinent sein konnte, sondern eine globale sein musste.

Der Krieg hatte den Untergang seit langem labiler Imperien beschleunigt, hatte zu nationaler Unabhängigkeit und neuen Nationalstaaten geführt. Das Demokratieversprechen weckte Hoffnungen, doch der nationalistische Überschuss verführte gleichzeitig dazu, noch während der Verhandlungen gewaltsam territoriale Fakten zu schaffen, löste ethnische Konflikte und Massenvertreibungen aus.

Das postulierte Selbstbestimmungsrecht der Völker entfaltete eine eigene Dynamik – und produzierte gerade dort immense Enttäuschungen, wo die Menschen fern der Heimat gekämpft hatten, wo die alten Kolonialmächte aber nur danach trachteten, ihre koloniale Herrschaft zu stabilisieren. Ihre Einflusszonen in einer Welt zu sichern, die noch dazu die Konfrontation neuer Ideologien sah. Die Verträge 1919 konnten so keinen statischen Frieden begründen. Erst Recht keine Versöhnung. Aus der überfordernden Gemengelage wuchs auf unterschiedlichstem Interessensgrund die Einsicht, dass Frieden nur prozesshaft zu erreichen sei. Ein kluger Gedanke, der sich in der Gründung des Völkerbunds niederschlug – und damals scheiterte. Der aber im Instrument der Vereinten Nationen bis heute fortlebt.

Mit jedem gefallenen Soldaten war während des Krieges der Waffenstillstand immer weiter erschwert worden. In der Logik des Krieges hatte diesem Opfer nur der Sieg noch Sinn verleihen können. Unmöglich, dem am Ende auf allen Seiten millionenfach gebrachten Opfer in einem Friedensschluss gerecht zu werden. Zur besonderen Belastung für den versöhnenden Frieden wurde deshalb das Erinnern: an das Leid, das der Krieg in so viele Familien getragen hatte. An die Zerstörungen der Städte und Landschaften, an die Demütigungen, die Nationen empfanden – in Deutschland noch verschärft durch die einseitige Schuldzuweisung mit den damit verbundenen Reparationsforderungen.

Im Umgang mit der Vergangenheit wurden und werden Verletzungen sichtbar. Nicht alle Wunden verheilen. Das gilt für die Erinnerungen der Völker und es gilt für das Gedächtnis in den Familien. Und auch die Urteile der Nachgeborenen sind emotional, wenn sie sich heute der Geschichte stellen.

Der Erste Weltkrieg hatte eben nicht nur ein seit dem Westfälischen Frieden und über den Wiener Kongress fortgeschriebenes europäisches Mächtegleichgewicht pulverisiert. Diese Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts hinterließ auch nachhaltige Spuren in der Art, wie wir uns erinnern. Die emotional hoch aufgeladene Frage nach der Kriegsschuld im Versailler Friedensvertrag ist Ausdruck davon. Oblivisci iniuriae – das Unrecht vergessen: So lautete die Empfehlung Senecas seit der Antike. Noch in den Konfessionskriegen der Frühen Neuzeit galten Amnestie und Amnesie als Voraussetzung gesellschaftlicher Befriedung, zur Überbrückung aller Spaltungen. Der Westfälische Frieden proklamiert nach den traumatischen Kriegserfahrungen, es sollten „alle Beleidigungen, Gewalttätigkeiten, Schäden und Unkosten derart gänzlich abgetan sein, daß alles in ewiger Vergessenheit begraben sei.“ Der Unterschied zum Kriegsschuldparagraphen im Versailler Vertrag könnte nicht größer sein.

Der Historiker Christian Meier hat verdeutlicht, wie im 20. Jahrhundert mit seinen beispiellosen Verbrechen der Drang nach Gerechtigkeit das einstige Gebot des Vergessens ins Gegenteil verkehrte: Vergangenheit zu bewältigen, erscheint seitdem allein im ständigen Wachhalten der Erinnerung möglich. Weil es keinen wirklichen Frieden geben könne, solange nicht den Opfern, ihren Angehörigen und Nachkommen Gerechtigkeit widerfährt. In der Anerkennung ihres Leids. Dass darin Sprengkraft liegt, zählt mit zu den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Es fordert ein Selbstverständnis der Nation nicht allein als Gefühls- sondern gerade auch als historische Verantwortungsgemeinschaft. Ein sensibles, ein anspruchsvolles Selbstverständnis. Unser Selbstverständnis.

Geschichte vergeht nicht, heißt es. Und tatsächlich: Mit der Vergangenheit „abschließen“ zu wollen: Dieser Wunsch ist illusorisch. Die Vergangenheit lässt sich nicht begraben oder beenden. Auch nicht – das zeigt die Garnisonkirche – planieren. Wie wir uns in der Zeit verorten, ist dabei nicht statisch. Darauf verweist der in Cambridge lehrende australische Historiker Sir Christopher Clark, der dem Wiederaufbau der Garnisonkirche eng verbunden ist. Als Gastredner der Fördergesellschaft und als Spender einer Ziegel. Clark hat dem spannungsvollen Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gerade ein überaus anregendes Buch gewidmet. Hoch anspruchsvoll – und doch auf den Bestseller-Listen vertreten, was unsere Sensibilität und die besondere Aufmerksamkeit für die eigenen Zeitvorstellungen belegt.

Gleich zwei seiner vier Fallbeispiele, die Clark in seiner tour d‘horizon heranzieht, entstammen Epochen, die mit der Garnisonkirche eng verknüpft sind: dem Geschichtsverständnis Friedrichs des Großen. Er war lange in der Gruft der Kirche beigesetzt – bekanntlich gegen seinen Willen. Und den Zeitvorstellungen der Nationalsozialisten. Sie hatten vor dieser Kulisse einen eigenen Mythos begründet: indem sie am sogenannten „Tag von Potsdam“ den sakral aufgewerteten Schulterschluss des Alten mit dem Neuen suchten.

„Wie die Schwerkraft das Licht, so beugt die Macht die Zeit“, lautet der Schlüsselsatz in Clarks Buch. Der Historiker zeigt, wie in beiden Epochen mit gänzlich verschiedener Intention Zeitvorstellungen geprägt wurden. Er beschreibt die quasi überzeitliche direkte Verbindung, die Friedrich zur Antike suchte. Und er analysiert die Verankerung der nationalsozialistischen Ideologie in einem völlig ahistorischen, ewig-völkischen Dasein. Beide Zeitvorstellungen unterscheiden sich fundamental von unserem linearen Geschichtsverständnis.

„Wie die Schwerkraft das Licht, so beugt die Macht die Zeit“: Die Garnisonkirche zeigt, dass manchmal auch Geschichte gebrochen werden soll. Ausgelöscht, ausradiert. In der DDR passte die Kirche nicht ins ideologische Bild von einer sozialistischen Stadt, so wie auch die Stadtschlösser der Hohenzollern es störten: Es folgten Abriss und Tilgung sichtbarer Spuren der preußischen Traditionen – die ausgerechnet in der Volksarmee weiterlebten. Und die Anfang der 1980er Jahre vom SED-Regime selbst mit Verve erneuert wurden, am symbolträchtigsten in Berlin: mit dem reitenden Friedrich Unter den Linden. Was für eine Volte der Geschichtsaneignung!

Gerade die Potsdamer Garnisonkirche zeigt, dass Erinnerungen der Menschen stärker sein können als der ideologisch-politische Wille, Geschichte umzuschreiben. Die Garnisonkirche blieb im Gedächtnis vieler Menschen – seiner architektonischen Schönheit wegen, als Teil der Stadtsilhouette, als Element der Sichtachsen, als bedeutendes Monument norddeutscher Barockarchitektur. So lebte sie in den Köpfen all derer fort, die sich seit langem für den Wiederaufbau engagieren.

Der Wunsch danach, sich seiner Wurzeln zu vergewissern, hat doch eher zugenommen unter den Bedingungen des gesellschaftlichen Wandels in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung. Als Reflex, wie der Architekturkritiker Dankwart Guratzsch sagt, auf die Herausforderungen eines forcierten Schematismus, von wachsender Gleichmacherei und Ortlosigkeit. Der Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche ist auch Ausdruck dieser Sehnsucht.

Aber heute führt, anders als beim Alten Fritz, keine Hochautobahn über die Geschichte hinweg ins preußische Arkadien. Die Brüche bleiben sichtbar. Denn die Garnisonkirche ist nicht allein architektonisch von Rang. Sie ist ein zentraler Erinnerungsort.

Geschichte ist immer die Konstruktion von Vergangenheit, ein Kampfplatz der Deutungen, herangezogen auch zu Legitimationszwecken. Darum wissen wir. Unser lineares Geschichtsverständnis ist eines, das Kausalitäten offenlegt, den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Das Verantwortlichkeiten benennt, auch Schuld. Denn nur so kann ein historisches Verantwortungsgefühl wachsen.

Unser Blick in die Geschichte dient deshalb eben nicht dazu, nur einen nostalgischen Rückzugsraum vor den Widrigkeiten unserer Zeit zu begründen. Sondern um die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen in größere historische Linien einzuordnen und sie dadurch besser zu verstehen. Um in den gegenwärtigen Konflikten das Ineinander- und Gegeneinanderwirken verschiedener „Zeitenschichten“ aufzuspüren, wie Dan Diner das nennt: Das krisenhafte Aufeinandertreffen von Strukturen, Vorstellungen, Werten und Erinnerungen, die in ganz verschiedene Epochen datieren. Und um unser Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Alles Ursachen und Wirkungen hat. Dass wir Verantwortung dafür tragen, wie wir unsere Handlungsspielräume nutzen. Mit unseren Entscheidungen in die eine oder in die andere Richtung. Wenn wir in die Geschichte blicken, denken wir deshalb zwingend die Zukunft mit.

Wir sind uns dabei der Spannung zwischen Erinnerungen und Deutungen bewusst. Das Geschichtsverständnis einer pluralen Demokratie zeichnet sich gerade dadurch aus, die Vielfalt sich teils widerstreitender Erinnerungen herauszuarbeiten – und auch auszuhalten. Wir sollten deshalb übrigens auch im Umgang mit den baulichen Resten der DDR sensibel bleiben. Sie ist wie die deutsche Teilung Teil unserer Geschichte.

Mit dem Neubau ihres Turms wird die Garnisonkirche nun künftig ihre eigene wechselvolle Vergangenheit im Stadtraum sichtbar machen, mit all ihren Brüchen. Als ein Ort, der in die Zukunft weist. Für Frieden und Versöhnung.

Mit der künftigen Deutung des Ortes wird Geschichte gerade nicht negiert, sondern wir eignen sie uns an. Nicht geschichtsvergessen, sondern im Bewusstsein der schwierigen Vergangenheit. Sage keiner, das sei unmöglich. Der Blick ins nahe Berlin, zum Brandenburger Tor, zeigt es: Was einst als triumphales Sieges- und Friedenstor erbaut und später zum Symbol der deutschen Teilung wurde, steht heute für die Einheit nicht nur der Stadt und unseres Landes, sondern für die friedliche Überwindung des Eisernen Vorhangs, der den Kontinent geteilt hatte.

„Der böse Geist der Vergangenheit hängt nicht an Mauern. Verantwortlich für diesen Geist waren Menschen“: So wurden Sie, Herr Huber, im vergangenen Jahr zitiert. Verantwortlich für eine Fortführung dieses Geistes würden auch heute Menschen sein. Und nicht Mauern. Das leuchtet mir sofort ein. Und das beschreibt zugleich den Auftrag, der sich nicht zuletzt an das künftige geschichtsdidaktischen Programm richtet. Auch die neue Garnisonkirche müssen Menschen mit Leben füllen. Hier müssen die historischen Brüche sichtbar werden – übrigens auch architektonisch, denn die Symbolkraft des Bauwerks selbst bleibt natürlich. Für den künftigen Lernort ist ein wissenschaftlicher Beirat berufen worden. Die hochkarätige Besetzung unter Vorsitz von Paul Nolte unterstreicht den Willen dazu, diesen geschichtsträchtigen Ort in seiner Ambivalenz sichtbar zu machen. Den Willen, am historischen Lernort Raum zu geben für die Debatte.

Die Garnisonkirche ist ein wichtiger Schauplatz deutscher Geschichte, das verneinen auch die Gegner des Bauvorhabens nicht. Die Entscheidung für den Wiederaufbau war eine demokratische, das Initial dazu kam aus der Gesellschaft. Diese ist aufgerufen, die Debatte zu führen. Damit die Garnisonkirche wird, was wir uns von ihr versprechen: ein – im Wortsinne – geschichtsträchtiger Ort, der der Vielfalt an Erinnerungen in der Gegenwart Raum gibt – und wo gleichzeitig eine klare Haltung bezogen wird. Ein Ort der Versöhnung. An dem wir lernen, unsere Füße auf den Weg des Friedens zu richten.

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