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Artikel

31. Januar 2019

Rede von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble bei der Eröffnung der Ausstellung „Some Were Neighbors / Einige waren Nachbarn“ vom United States Holocaust Memorial Museum anlässlich des Tages des „Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ im Deutschen Bundestag

[Es gilt das gesprochene Wort]

Saul Friedländer hat heute am Schluss seiner bewegenden Rede an Hans von Dohnanyi erinnert. An den – Zitat – „zwangsläufigen Gang eines anständigen Menschen“, der in den Widerstand geführt habe. Hans von Dohnanyi wurde einen Monat vor Kriegsende von einem Standgericht verurteilt und hingerichtet, unweit von Berlin im KZ Sachsenhausen. 

Ein anständiger Mensch. 

Die allermeisten Deutschen hätten sich wohl, wären sie 1945 gefragt worden, als anständig bezeichnet. Ein Bewusstsein für das eigene Zutun gab es kaum – und noch weniger gab es Zeugnisse der Reue. Lange hielt sich stattdessen die Überzeugung, selbst Opfer zu sein. Verführt von Hitler und seiner Propaganda. Zum Mitmachen gezwungen durch Repressionen, Bedrohung und Gewalt. Es war für viele Deutsche damals entlastend, den nationalsozialistischen Machthabern die alleinige Schuld an Krieg und Völkermord, am totalen politischen, wirtschaftlichen und moralischen Zusammenbruch ihres Landes zuzuweisen.

Aber Anstand ist mehr als die Abwesenheit juristischer Schuld oder politischer Verantwortung. Anstand ist auch mehr als eine Gesinnung. Anstand bedeutet, sich nach einem als selbstverständlich empfundenen Maßstab von gut und richtig zu verhalten. Es ist ein Charakteristikum von Gewaltregimen, dass sie es schaffen, diese Maßstäbe zu verrücken.

Wir haben heute eine recht genaue Vorstellung vom Ausmaß der Unterstützung für die nationalsozialistische Diktatur – und auch vom zivilen Widerstand. Und doch – das hat eine Studie untermauert – ist die Überzeugung, Helfer in der eigenen Familiengeschichte zu haben, genauso verbreitet wie das Eingeständnis, dass unter den eigenen Verwandten Täter waren. 

Täter, Mitläufer, Profiteure. Es ist der anscheinend vollständige Mangel an Empathie, der bei der Konfrontation mit der Täterschaft und dem Mitläufertum „normaler“ Menschen schockiert. Es erscheint uns unfassbar: Menschen, die Nachbarn, Bekannte, Kollegen denunzieren, die sich an Boykotten und Plünderungen beteiligen, sich bereichern. Menschen, die mithelfen bei Verfolgung, Deportation, Tötung.

Was immer die unterschiedlichen Motive dafür im Einzelnen waren, ob es sich um Deutsche handelte oder um Helfershelfer in den besetzten Gebieten und in verbündeten Staaten – die Ursache war dieselbe: der von Deutschland ausgegangene Angriffs- und Vernichtungskrieg. Der hier ersonnene und von hier in die Tat umgesetzte systematische, rassenideologisch motivierte Massenmord an den Juden Europas. An all den anderen Minderheiten und Völkern, die den Nationalsozialisten als „lebensunwert“ erschienen.

Zugleich gab es jene, die Verfolgten geholfen haben. Sie haben Juden und ihre Familien versteckt, ihnen die Flucht ermöglicht, sich schützend vor sie gestellt. Die „Stillen Helden“. Einige zehntausend sollen es nach Schätzungen im Deutschen Reich gewesen sein. Viele – und doch viel zu wenige. Sie waren keine moralisch Unfehlbaren und nicht alle hatten nur lautere Motive. Sie waren Menschen, die ihren inneren Kompass bewahrt haben. Vermutlich haben die wenigsten von ihnen in Kategorien des politischen Widerstandes gedacht. Und doch boten sie mit ihrem Handeln der Willkür des nationalsozialistischen Regimes die Stirn. Sie sind heute als Vorbilder so wichtig, weil sie uns zeigen, wozu der Mensch im Guten fähig ist – selbst unter der Bedrohung des Bösen. Sie erinnern uns daran, dass es immer Handlungsspielräume gibt. Dass anständig zu handeln manchmal schwierig und dass es unter den Bedingungen einer Diktaturen sogar gefährlich ist: Aber es bleibt möglich. 

Sehr geehrte Frau Bloomfield, ich danke Ihnen und dem Holocaust Memorial Museum und ebenso bedanke ich mich bei allen, die am Zustandekommen dieser Ausstellung mitgewirkt haben. 
Sie ist ab heute erstmals in Deutschland zu sehen. Zuvor wurde sie  vielfach und mit Erfolg in den USA gezeigt. Die Ausstellung ist insofern durch eine Perspektive von außen auf die deutsche und europäische Geschichte geprägt. Das mag sie an einigen Stellen von unserer spezifisch deutschen Sichtweise unterscheiden. Ihre Botschaft ist gleichwohl unmissverständlich. Sie lässt sich mit einem Satz Elie Wiesels zusammenfassen. Der Holocaust-Überlebende und Mitbegründer des Holocaust Memorial Museums hob bei der Entgegennahme des Friedensnobelpreises hervor: „One person of integrity can make a difference.“ – Ein anständiger Mensch kann einen Unterschied machen. Den einen, entscheidenden Unterschied. Die Verantwortung dafür liegt bei jedem Einzelnen von uns. 

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