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Artikel

21. November 2019

Rede von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble zur Verleihung der Goldenen Sportpyramide 2019 und Neuaufnahmen in die „Hall of Fame des deutschen Sports“

[Es gilt das gesprochene Wort]

„Ich lese immer die Sportseite einer Zeitung zuerst. Die Sportseite berichtet über das, was die Menschen erreicht haben; die Titelseite der Zeitung hingegen verzeichnet nur die Fehlschläge des Menschen.“ Das hat ein Oberster Bundesrechter aus den USA einmal bemerkt – nachweislich kein Leistungssportler oder Sportfunktionär, aber jemand mit gesundem Menschenverstand. Nicht wenige hier im Publikum werden ähnliche Gewohnheiten haben – so sie noch regelmäßig Zeitung lesen.

Kaum etwas begeistert Menschen so sehr wie der Sport – und verlorene Spiele sind immer noch unterhaltsamer als verlorene Wahlen. Soweit wir in der Menschheitsgeschichte zurückblicken können, sehen wir: Der sportliche Wettstreit, das spielerisches Kräftemessen gehört offenbar zur menschlichen Natur.

Für die Politik hat der Sport eine besondere Bedeutung. Nicht nur, weil die beiden Sphären manches gemeinsam haben: Für Erfolge braucht es Kampfgeist, Disziplin, Kondition. Ein gewisses Maß an persönlichem Ehrgeiz gehört auch dazu. Vor allem braucht es Anstand und Fairplay – das Einhalten von Regeln: Der Gegner soll besiegt werden, aber als Rivale, nicht als Feind. Nur wenn er fair errungen wurde, ist ein Sieg wirklich etwas wert. Für die Politik hat der Sport auch deshalb eine besondere Bedeutung, weil er wichtige Funktionen in unserer Gesellschaft erfüllt. Sport stärkt unser Gerechtigkeitsempfinden, fördert Verantwortungs­bereitschaft und Toleranz und ist damit ganz elementar für das Miteinander in der Gesellschaft, das auf Regeln basiert.  

Im Sport wie in der Politik können oder müssen wir im Übrigen lernen, auch mit Rückschlägen umzugehen, wieder aufzustehen und erneut anzutreten. In beiden Sphären, aber besonders im Sport machen wir die Erfahrung, dass es möglich ist, über die eigenen Grenzen hinauszugehen. Davon erzählen eindrücklich die Erfolgsgeschichten der Athleten in der Hall of Fame des deutschen Sports. Und die Biographien der heute zu Ehrenden.

Sport motiviert zu Leistung und Wettbewerb. Wettkämpfe zeigen eindrücklich: Leistung macht glücklich! Das vermittelt sich sogar dem Zuschauer. Und es gilt für den Spitzensport wie im Breitensport. Wer antritt, will gewinnen! Der Wettbewerb spornt die Menschen – gleich welchen Alters – an, die eigenen Fähigkeiten und Chancen zu verbessern, und zeigt, dass jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten erfolgreich sein kann. Das ist ein unschätzbar hohes Gut und eine entscheidende Antriebsfeder in unserer Gesellschaft, die – wie es scheint – stark auf Konsum und Besitzstandswahrung fixiert ist und in der sich viele angewöhnt haben, zuerst auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein.

Jede Sportlerin, jeder Sportler testet die eigenen – ganz individuellen – körperlichen Grenzen und merkt, dass sie sich im Training verschieben lassen. Jeder, der mal längere Zeit Sport getrieben hat, weiß, wie gut sich diese Leistungsfortschritte anfühlen. Egal auf welchem sportlichen Niveau sie erreicht werden. Zudem bietet der Vereinssport ein Gegengewicht zur Vereinzelung und der Medienfixierung gerade junger Menschen in der realen Welt. Beim Sport lernen sie nicht nur die Mit- oder ihre Gegenspieler, sondern auch sich selbst ein wenig besser kennen. Die Freude über sich selbst, etwas mehr Selbstvertrauen, fast schon Stolz – das kann einem der Sport geben. Und er stellt sich auch dann ein, wenn man nicht auf dem Podest steht oder Pokale gewinnt.

Insbesondere bei den Wettkämpfen von Menschen mit Behinderung kann man erkennen, wie wichtig es ist, dass wir uns in allen gesellschaftlichen Bereichen zum Leistungsprinzip bekennen. Für jeden einzelnen Menschen – ob mit oder ohne Behinderung – ist von größter Bedeutung, dass er die eigenen Grenzen findet, Leistungen steigert und durchhält. Dabei kommt es gar nicht so sehr auf immer neue Rekorde an, sondern ganz wesentlich auf persönliche Erfüllung. Erfolgreiche Behindertensportler sind nicht nur Vorbilder für andere Menschen mit Behinderung, sondern sie sind Vorbilder für die ganze Gesellschaft.

Solche Vorbilder braucht es gerade zur Wertevermittlung. Selbstdisziplin, Ehrlichkeit, Fairness: Ein funktionierendes Gemeinwesen bedarf solcher Tugenden. Gemeinsinn ist das Fundament einer wertegetragenen Gesellschaft – erst recht in einer gründlich veränderten Welt, in der sich nicht zuletzt durch die rasante Entwicklung digitaler Kommunikations­mittel Bindungen zunehmend auflösen. Dass sich im Sport Menschen finden, deren Erfolgsorientierung ansteckend wirkt, ist ein Allgemeinplatz. Aber eben doch richtig. Der Sport fördert den Zusammenhalt, er kann dazu beitragen, unsere Werte im Zusammenleben zu stabilisieren.

Dabei ist jeder gefragt, nicht zuletzt die Spitzensportler mit ihrer herausge­hobenen Position in der Öffentlichkeit. Es braucht Persönlichkeiten, die ihre Verantwortung erkennen und danach handeln. Gerade weil wir heute fast überall eine wachsende Distanz zwischen Eliten und einem Teil der Bevölkerung sehen – und das nicht ohne Grund. Die Bereitschaft und Fähigkeit zu verantwortlichem Handeln hat vielfach nicht Schritt gehalten mit den Möglichkeiten, die sich im 21. Jahrhundert beim Enhancement bieten. Auch im Sport. Immer wieder erliegen Leistungssportler den Versuchungen, die die Freiheit eben auch bereithält. Dem Doping und der Manipulation zu entsagen und sich permanenten Kontrollen auszusetzen, die erforderlich sind, weil andere eben gerade nicht standhaft bleiben: Das fordert den Charakter, von Sportlerinnen und Sportler und den Menschen in ihrem Umfeld.

Gerade der Spitzensport schafft Identifikation – mit Athleten, die anderswo geboren sind, ebenso wie mit erfolgreichen deutschen Mannschaften. Und im Breiten- und Vereinssport können alle Menschen erleben, dass sie willkommen sind, gebraucht werden, einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten können. Das schafft Zugehörigkeit und fördert Integration, im Großen und im Kleinen, bei Massenveranstaltungen und mehr noch im sportlichen Vereinsleben. Hier können Menschen eine Heimat finden, unabhängig von Alter, Nationalität oder sozialer Herkunft. Wer miteinander Sport treibt, lernt andere Menschen und andere Kulturen besser kennen. Sportvereine erfüllen dieser Tage bei der Integration von Zuwanderern eine wichtige Aufgabe. Das Gemeinschaftsgefühl schweißt zusammen, stiftet Zusammenhalt. Im Sieg und in der Niederlage. Auch das zählt zu den Werten des Sports: Respekt, auch vor dem Unterlegenen. Erst diese Haltung verleiht dem Sieger sportliche Größe. Eine Haltung, die uns auch im politischen Wettstreit gut tut.

Haltung zeigen, kämpferisch sein, sich einsetzen, um es besser zu machen. Worum es geht, hat Dirk Nowitzki, der seine Karriere in den USA in diesem Jahr beendet hat, gut auf den Punkt gebracht: „Wenn Du alles gibst, kannst Du Dir nichts vorwerfen.“ Heute zeichnen wir Menschen aus, die in der Gesellschaft und im Sport für diesen Sportsgeist stehen. Wir nehmen sie als neue Mitglieder in die „Hall of Fame“ auf:

Es ist mir eine Freude, Ihnen, Frau Niemann-Stirnemann und Ihnen, Herr Braxenthaler, die Urkunden zu überreichen. Herzlichen Glückwunsch zu Ihren sportlichen Leistungen und zur heutigen Ehrung!

Herr Tröger, im Jahr Ihres 90. Geburtstages haben Sie viele Glückwünsche erhalten. Als Mr. Olympia tragen Sie einen besonderen, wenngleich inoffiziellen Ehrentitel – Ihr Lebensweg zeigt: Ausdauer zeichnet eben nicht nur Sportler, sondern auch erfolgreiche Sportfunktionäre wie Sie aus!

Zur Goldenen Sportpyramide gratuliere ich – last not least – Franziska van Almsick sehr herzlich!

Sie alle haben Großartiges vollbracht, Sie haben uns wunderbare Sport-Momente verschafft – und sind damit zu Vorbildern für die ganze Gesellschaft geworden.

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