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Artikel

9. Dezember 2019

Rede von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble zur Verleihung des Studienpreises 2019 der Körber-Stiftung

[Es gilt das gesprochene Wort]

„Schau hinauf zu den Sternen und nicht hinunter auf deine Füße.“

So hat Stephen Hawking wissenschaftliches Arbeiten definiert. Der im vergangenen Jahr verstorbene Astrophysiker war der Prototyp des offenen, im besten Sinne neugierigen Forschers, der keine These von vornherein ausschloss.

Sein wissenschaftliches Vorbild war Karl Popper, dessen Erkenntnistheorie er sich verpflichtet fühlte. Beide hielten viel vom Prinzip Trial and Error, und sie glaubten fest an die Möglichkeit ständiger Verbesserungen. Sie schöpften aus Irrtümern Kraft für Fortschritte, seien sie anfangs auch noch so klein. Wissenschaftler waren für sie Langstreckenläufer, keine Sprinter. Daraus zogen sie Geduld und Zuversicht. Beides war für sie essentiell.

Das ist es noch immer – die heutigen Preisträger werden es sicher bestätigen. Wissenschaft lebt von der Überzeugung, durch beharrliches Forschen Lösungen für unsere aktuellen Probleme finden zu können. In unserem Land hat sie die dazu nötige Kraft. Junge Forscherinnen und Forscher wie Sie befinden sich in der pole position im globalen Wettbewerb um die besten Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit.

Das zeigt allein die thematische Bandbreite der Arbeiten, die von der Körber Stiftung in diesem Jahr als preiswürdig bewertet wurden. Sie beschäftigen sich mit hochkomplexen neuen High-Tech-Verfahren der Glasherstellung, geben Ratschläge zur Vermeidung von Bankenkrisen und analysieren die Motive junger Europäer, sich terroristischen Netzwerken anzuschließen – und das sind nur die Themen der drei Erstplatzierten.

Allen Arbeiten gemeinsam ist die übersichtliche Darstellung und gute Lesbarkeit. Das ist heute wichtiger denn je! Wissenschaftliche Erkenntnis verständlich aufzubereiten und zu vermitteln – nicht allein abstrakt, sondern anschaulich und lebendig: das verlangt Kunstfertigkeit, mitunter auch Witz. Stephen Hawking kann auch hier als Vorbild dienen. Ihm gelang es, schwere Kost verdaulich aufzubereiten: die Urknalltheorie, Schwarze Löcher oder mögliche Zeitreisen. Seine sich an ein breites Publikum richtenden Bücher wurden so zu Beststellern. Von seinem Erstling „Eine kurze Geschichte der Zeit“ verkaufte er so viele Exemplare, dass er die damalige Spitzenreiterin von Platz 1 verdrängte. Es war Madonna! Für Hawking war es ein Beweis für den Bildungshunger des Publikums, der stärker war als das Verlangen nach Unterhaltung. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir dieses Streben nach Wissen unterschätzen. Wir sollten es stattdessen fördern, indem wir den Menschen etwas zutrauen, indem wir uns trauen, sie zu fordern – aufzufordern: „Schau hinauf zu den Sternen und nicht hinunter auf deine Füße.“

Neben der Lesbarkeit wissenschaftlicher Studien war Hawking übrigens noch etwas anderes wichtig: die Anwendung von Forschungsergebnissen. Auch das ist Bestandteil des Förderkonzeptes der Körber-Stiftung und eine der Stärken der Forschungspolitik westlicher Länder. In der Wissenschaft braucht es die Möglichkeit praktischer Verwertbarkeit. Nicht immer und auch nicht unbedingt sofort. Aber in absehbaren Zeiträumen. Zum Beweis erzählte Hawking gerne die Geschichte seines Landsmanns Michael Faraday, der seine bahnbrechenden Experimente mit der Elektrizität im 19. Jahrhundert gegen skeptische Politiker verteidigen musste. Auf die Frage von Premierminister Gladstones, wofür Strom denn eigentlich gut sei, antwortete Faraday: „Noch weiß ich es nicht, aber eines Tages wird die Regierung ihn besteuern können.“

Heute fallen uns wichtigere Nutzanwendungen für Strom ein. In Zeiten des notwendigen Ausbaus der E-Mobilität sogar mehr denn je. Aber fiskalische Vorteile sind noch immer ein Argument, für das sich die Politik empfänglich zeigt. Was kein Fehler ist. Im Gegenteil. „Alle wichtigen Forschungsfragen sind hoch politisch, denn sie betreffen zentrale Lebensbereiche des Menschen, die politisch gestaltet werden.“ Das sagt Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. In der Schicksalsfrage von heute – Ökologie und Wohlstand in eine gute Balance zu bringen – zeigt sich unmittelbar, dass wissenschaftlich-technologischer Fortschritt im Umweltschutz nicht ohne Rücksicht auf Etatspielräume möglich ist. Die „Grüne Null“ sollten wir nicht leichtfertig gegen die „Schwarze Null“ ausspielen. Sie sind doch gar kein Gegensatz, sondern beide Ziele bedingen einander und können gemeinsam erreicht werden. Nachhaltigkeit gibt es am Ende nur ökologisch und wirtschaftlich – oder gar nicht. Das gilt erst recht unter globalisierten Bedingungen.

Auch deshalb kommt wissenschaftlicher Forschung große Bedeutung zu. Grenzübergreifend. Politik braucht Beratung. Und Beratung muss wissenschaftlich fundiert sein, wenn sie Erfolg haben will. Ob es um die Energieversorgung oder um Europa geht, um den Umweltschutz oder den Verkehr: Wir leben mehr denn je vom internationalen Transfer zwischen Wissenschaft, ökonomischer und ökologischer Praxis und Politik. Ein rational agierender Staat braucht methodisch abgesichertes Wissen, um Probleme korrekt wahrzunehmen und realisierbare Lösungsalternativen zu entwickeln. Dabei ist der Blick über den nationalen Tellerrand unverzichtbar. Wissenschaft lebt als wichtiger Verbündeter bei der Lösung globaler Probleme vom Austausch über geografische, kulturelle und disziplinäre Grenzen hinweg. Internationale Zusammenarbeit beflügelt Forschung und Innovation; sie bringt Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen zusammen; sie vernetzt und stärkt Regionen. Ich bin überzeugt: Wenn uns gelingt, mit Hilfe der Forschung die in uns steckende Energie zu mobilisieren und das Vertrauen in uns zu stärken, Großes leisten zu können, statt uns an das Bestehende zu klammern, weil wir fürchten, Veränderungen nicht gewachsen zu sein, dann können wir den Wandel im 21. Jahrhundert weiter als Akteure mitgestalten, statt nur Zaungäste der künftigen Entwicklungen zu werden.

In diesem Sinne gratuliere ich als Schirmherr des Deutschen Studienpreises den diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträgern. Behalten Sie Ihre Internationalität bei, Ihre Freude am Experiment und Ihre Neugier auf Unbekanntes. Widerstehen Sie den Tendenzen, die wir auch in akademischen Kreisen beobachten, auf moralisierende und rechthaberische Weise bestimmen zu wollen, womit sich Wissenschaft befassen darf. Und bewahren Sie sich gleichzeitig bei ihren Forschungen den Sinn für ethische Grenzen und rechtliche Regeln. Kurz: Bleiben Sie aufgeklärte Forscher und lassen Sie uns auch in Zukunft teilhaben an dem, was Sie bewegt. Kommunizieren Sie mit uns. Denn, um ein letztes Mal Hawking zu zitieren: „Die größten menschlichen Errungenschaften sind durch Kommunikation zustande gekommen – die schlimmsten Fehler, weil nicht miteinander geredet wurde.“

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