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Artikel

29. Januar 2020

Begrüßungsansprache von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble zur Eröffnung der Ausstellung „David Olère. Überlebender des Krematoriums III“

[Es gilt das gesprochene Wort]

[Anrede]

Was wäre die Erinnerung, was wäre unser Gedenken, wenn wir nichts von den Opfern wüssten?

Geplant war die doppelte Vernichtung – die vollständige Vernichtung der europäischen Juden und die Vernichtung der Erinnerung: der Zeugen und der Zeugnisse dieses Menschheitsverbrechen.

Einen Tag bevor die Rote Armee Auschwitz erreichte, hatte die SS das letzte der ehemals vier Krematorien des Vernichtungslagers gesprengt. Die Öfen waren abmontiert, die Gebäude abgetragen, die Gaskammern zerstört worden. Die Spuren des industriellen Massenmords an etwa einer Million jüdischen Menschen in Auschwitz und seinen Nebenlagern sollten beseitigt werden.

Das ist dem nationalsozialistischen Verbrecherregime nicht gelungen.

Selbst über die Vorgänge in den Todesfabriken haben wir detaillierte Kenntnis: über die Täuschung der zum sofortigen Tode Selektierten, die Vergasung mit Zyklon B, die Plünderung, Schändung und Verbrennung der Leichname und über die Entsorgung ihrer Asche.

Dieses Wissen verdanken wir einigen wenigen Überlebenden, die die SS zu unmittelbaren Zeugen ihres Mordens machte. Zu ihnen zählte David Olère. Seine nach Kriegsende angefertigten Zeichnungen – zu denen auch detaillierte Pläne der Vernichtungsanlagen zählen – dokumentieren die Wirklichkeit von Auschwitz: die alltägliche Erniedrigung, die Bestialität, die Abläufe der Vernichtung.

Olère gehörte dem Sonderkommando an. Dieser zynische Euphemismus bezeichnete jene Gruppe von Häftlingen, die für die SS in den Krematorien arbeiten mussten. Es handelte sich fast ausschließlich um jüdische Lagerinsassen. Juden wurden gezwungen, sich an der systematischen, rassenideologisch motivierten Ermordung von Juden zu beteiligen. Das „dämonischste Verbrechen des Nationalsozialismus“ hat der Auschwitz-Überlebende Primo Levi die Sonderkommandos deshalb genannt. Weil es deren Mitgliedern zu allem auch noch das „Bewusstsein ihrer Unschuld“ geraubt habe.

Wer zum Sonderkommando gehörte, wusste, dass ihm der eigene Tod sicher war. Diejenigen, die mit Glück überlebten, haben später von Gefühlen der Scham berichtet, sahen sich mit Argwohn und Vorwürfen der Mittäterschaft konfrontiert. Die meisten haben Jahrzehnte über ihre Zeit im Lager geschwiegen – auch deshalb, weil ihnen lange niemand wirklich zuhören wollte. Weil das Geschehene für jeden, der es nicht selbst erfahren musste, unvorstellbar bleibt.

David Olères Werke konfrontieren uns damit, fast bis zur Unerträglichkeit. Seine in späteren Jahren ausgeführten Gemälde zeigen Auschwitz in grellen Farben – jedes Bild ein Schrei.

Olère zeichnete und malte, um Zeugnis abzulegen und zu mahnen. Andere Häftlinge des Sonderkommandos schrieben nieder, was sie erlebten. Wie der polnische Jude Salmen Gradowski. Seine Aufzeichnungen vergrub er, bevor er im Herbst 1944 wegen seiner Teilnahme am Aufstand des Sonderkommandos zusammen mit etwa 450 weiteren Gefangenen ermordet wurde. Es sind authentische Berichte des Ringens um Würde und um Auflehnung, darum – wie er schreibt – „die tote Starrheit der Seele zu überwinden“. Es sind Dokumente der Anklage.

Salmen Gradowski hat seinen Notizen eine Aufforderung in vier Sprachen vorangestellt: „Interessiert Euch!“ Als habe er geahnt, wie schwer es werden würde, das Unvorstellbare als das wirklich Gewesene zu vermitteln. Als ahnte er den Wunsch nach Verdrängung. Er kämpfte – wie David Olère und viele andere – gegen das Vergessen an, gegen die Verharmlosung, gegen die Lüge.

Zeitzeugen werden bald nicht mehr unter uns sein, weder Opfer noch Täter. Aber die Wahrheit bleibt – und sie bleibt eine Zumutung. Eine Zumutung, der sich jede Generation aufs Neue zu stellen hat, um aus dem Wissen um die Geschichte Lehren für das Heute und Morgen zu ziehen.  

Das ist beileibe keine Floskel! Sondern es ist und bleibt eine konkrete Notwendigkeit – angesichts von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und von Hass erfüllter Gewalt, wie wir sie zuletzt besonders erschreckend beim Anschlag von Halle erlebt haben. Was gegen jüdische Bürger mitten unter uns gerichtet war, bedroht uns alle: Es bedroht die Fundamente unserer freien Gesellschaft.

Sie, lieber Igor Levit, haben aus eigener Betroffenheit über die Gefährdungen berichtet, die Juden in Deutschland alltäglich erleben. Ich danke Ihnen für Ihre spontane Bereitschaft, die Eröffnung dieser wichtigen Ausstellung musikalisch zu bereichern. Und ich danke allen, die diese Ausstellung ermöglicht haben. Zuallererst denjenigen, die das Vermächtnis David Olères gesichert und zugänglich gemacht haben: seinem Enkel Marc Olère und dem Ehepaar Klarsfeld. Sie haben sich damit große Verdienste erworben. Ich danke unserem Kooperationspartner, dem Zentrum für verfolgte Künste Solingen mit seinem Direktor Jürgen Kaumkötter sowie dem Rundfunk Berlin-Brandenburg mit seiner Intendantin Patricia Schlesinger. Der RBB wird diese Ausstellung mit dem multimedialen Projekt „Auschwitz und ich“ begleiten und unterstützen.

Und ganz besonders danke ich Ihnen, Herr Dr. Cywinski, und dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau, das David Olères Werke erstmals in ganzer Breite gezeigt hat.

Sie haben das Wort.

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