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Artikel

9. September 2020

Gastbeitrag von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble zum 450. Jubiläum der Staatskapelle Berlin

erschienen am 9. September 2020 im Tagesspiegel

In Berlin lässt sich die Geschäftigkeit des Alltags nur selten drosseln. Doch im Konzert, bei klassischer Musik, kann ich nach ein paar Takten die Welt um mich vergessen. Bei großer Musik wird es still in mir. „Der Weg ins Ohr ist der gangbarste und nächste zu unserem Herzen“, wusste schon Friedrich Schiller. Deshalb kann Musik nicht nur Stimmungen, sondern auch Ideen, Gedanken, Vorstellungen – ja, auch politische Visionen – zum Ausdruck bringen oder befeuern. Zeit-Zeichen setzen.

Nach mutigen Redebeiträgen erklang der erste Satz der Eroica

Allmächtig, wie in der „Zauberflöte“, ist Musik sicher nicht. Mächtig ist sie gewiss. Diese Wirkmacht der Musik zeigt sich gerade in Umbruchzeiten. In der Geschichte der Staatskapelle Berlin gibt es viele Beispiele dafür. Ich denke dabei vor allem an die bewegte Zeit der Friedlichen Revolution, als die Staatskapelle in der aufgeladenen Atmosphäre Anfang Oktober 1989 in einem offenen Brief Meinungsfreiheit einforderte. Keine Kleinigkeit in einer Diktatur. Zwei Monate später, am 5. November 1989, spielte sie ein „Konzert gegen Gewalt“ in der überfüllten Gethsemanekirche – mit Bach und Beethoven. Begleitet war das Konzert von einem Aufruf an die Demonstranten, sich nicht provozieren zu lassen. Erst am Tag zuvor hatte am Alexanderplatz die größte Kundgebung der DDR-Geschichte stattgefunden. Als nach mutigen Redebeiträgen über die Freiheit der erste Satz der Eroica erklang – ein zeitlos revolutionäres Stück – war das Publikum elektrisiert. Alle, die dabei waren, Stasi-Spitzel eingeschlossen, werden dieses Erlebnis wohl nie vergessen. Nur vier Tage später fiel die Mauer, und fünf Monate später wurde Lothar de Maizière, der als junger Mann in der Staatskapelle gespielt hatte, erster und zugleich letzter demokratisch gewählter Ministerpräsident der DDR. Wie am denkwürdigen 9. Oktober Kurt Masur mit dem Gewandhausorchester in Leipzig setzten die Musiker der Staatskapelle damals in Berlin ein Zeit-Zeichen.

Ein kulturelles Kraftzentrum von Internationalem Rang

Seit der Wiedervereinigung hat die Staatskapelle unter Daniel Barenboim eine beeindruckende Entwicklung erfahren. In der einzigartigen Orchesterlandschaft Berlins - der „Musikhauptstadt der Welt“ (Barenboim) – nimmt die Staatskapelle eine besondere Stellung ein. Sie ist das älteste und traditionsreichste Orchester der Stadt, ein kulturelles Kraftzentrum vom internationalen Rang, mit einem kreativen Ensemble, das nicht nur künstlerisch herausragt, sondern mit dem „Orchester des Wandels“ auch gesellschaftlich Verantwortung übernimmt.
Ich verdanke der Staatskapelle mit ihrem berühmten, besonderen Klang viele außergewöhnliche Erlebnisse. Die Corona-Pandemie hat mir noch deutlicher gezeigt, wie kostbar das unmittelbare musikalische Erlebnis ist, wie einmalig jedes Konzert ´– und wie wenig selbstverständlich. Vielleicht werden wir uns künftig mit noch mehr Ehrfurcht und Dankbarkeit dem bewegenden Geheimnis der Musik nähern, das sich für mich am besten in den Versen von Friedrich Hölderlin zum Ausdruck bringen lässt: „Schweigen müssen wir oft; es fehlen heilige Namen./ Herzen schlagen und doch bleibet die Rede zurück?/ Aber ein Saitenspiel leiht jeder Stunde die Töne./ Und erfreut vielleicht Himmlische, welche sich nahn.“
Ich freue mich auf viele weitere Begegnungen mit den „Himmlischen“ bei Klängen der Staatskapelle und gratuliere herzlich zum stolzen Jubiläum.

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