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Artikel

23. November 2020

Videobeitrag von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble zum Jubiläum der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, der späteren DFG

Buchstäblich aus der Not geboren – das ist die Vorgängerorganisation der Deutschen Forschungsgemeinschaft: Vor 100 Jahren erlebten Wissenschaft und Forschung in der jungen, politisch labilen Weimarer Republik einen dramatischen Niedergang. Die Restriktionen, denen das Land nach dem Ersten Weltkrieg ausgesetzt war, trafen die einst weltweit renommierte deutsche Wissenschaft hart. Gerade die Natur-, Technik- und Ingenieurwissenschaften waren im Kaiserreich eng mit der prosperierenden Industrie und der staatlichen Kriegswirtschaft verbunden – nach dem Krieg blieb die Förderung aus. Die deutsche Wissenschaft war international geächtet und isoliert, sie litt unter den Folgen von Inflation und Wirtschafts­krise. Führende deutsche Gelehrte fürchteten die daraus „erwachsende Gefahr (des) völligen Zusammenbruchs“ der deutschen Wissenschaft. Um diesen mit politischer Hilfe abzuwenden, schlossen sie sich zur Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft zusammen. Sie wussten um das große politische Gewicht und um die hohe gesellschaftliche Bedeutung der Wissenschaft gerade in der krisenhaften Umbruchsituation: Sie beschrieben ihre eigene Position in der Weimarer Republik als „Aktivposten“, dem eine herausgehobene Stellung und finanzielle Sicherheit gebühre.   

100 Jahre sind seitdem vergangen. Unser Land und die Wissenschaft haben sich nach einem Zweiten Weltkrieg, in der Zeit der deutschen Teilung und nach der Wiedervereinigung grundlegend gewandelt, Globalisierung und Digitalisierung verstärken den Veränderungsprozess. Ein „Aktivposten“ ist die deutsche Wissenschaft auch heute.

Angesichts der Pandemie merken wir, wie dringend notwendig akademische Expertise ist. Die Politik braucht fundierte Beratung und den offenen Dialog mit unterschiedlichen Fachdisziplinen – insbesondere mit den Lebenswissenschaften. Als Parlamentarier handeln wir nicht im luftleeren Raum – gerade bei schwierigen ethischen und moralischen Fragen, bei komplexen Entscheidungen, sind wir auf die Erkenntnisse und den Rat der Wissenschaft angewiesen.

Dabei ist die Forschung in Deutschland in ihrer Themensetzung frei. Die von Max Weber drei Jahre vor Gründung der Notgemeinschaft beschriebene Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft, letztlich die Trennung der politischen von der wissenschaftlichen Sphäre, ist grundgesetzlich geschützt. Zugleich sichert der Staat die Finanzierung von Grundlagenforschung, akademischer Nachwuchsförderung, wissenschaftlichen Einrichtungen und anwendungsorientierten Forschungsvorhaben.

Als spätere Nachfolgerin der Notgemeinschaft muss die Deutsche Forschungsgemeinschaft längst nicht mehr als Bittstellerin auftreten – sie ist selbstbewusste Botschafterin einer hochspezialisierten, zukunftsorientierten Wissenschaft, die Antworten auf die drängenden Fragen unserer Gegenwart geben kann. In aller Freiheit. Und ohne Not.  

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