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Rede von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus anlässlich der Gedenkstunde am 27. Januar 2021

[Es gilt das gesprochene Wort]

Herr Bundespräsident!
Frau Bundeskanzlerin!
Herr Bundesratspräsident!
Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichts!
Exzellenzen!
Sehr geehrte Frau Knobloch!
Sehr geehrte Frau Weisband!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Verehrte Gäste!

Einblendung auf Medienwand: Urkunde Kaiser Konstantins

Juden lebten am Rhein, lange bevor es Deutschland gab.

Ihre Geschichte ist Teil der deutschen Geschichte – aller ihrer Kapitel.

Der hellen wie der dunkelsten.

Das erste Zeugnis jüdischen Lebens nördlich der Alpen entstand vor 1.700 Jahren. Es ist eine Urkunde des römischen Kaisers Konstantin aus dem Jahr 321, der Juden zur Mitarbeit im Kölner Stadtrat berechtigte – und verpflichtete.

In diesem Jubiläumsjahr machen wir uns bewusst, wie vielfältig 1.700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland sind. Hier forschten und dichteten sie, arbeiteten im Handel und im Handwerk, Kunst und Musik, als Anwälte oder Ärzte. Für Deutschland kämpften sie im Krieg. Juden wirkten an Fürstenhöfen und sie mussten in Gettos wohnen. Sie lebten ihren Glauben orthodox oder liberal, für alle sichtbar oder versteckt. Im 19. Jahrhundert bekannten sich einige deutsche Juden zum Zionismus. Weitaus mehr identifizierten sich mit Deutschland.

Die deutsch-jüdische Geschichte ist eine Geschichte der Widersprüche.

Sie erzählt vom alltäglichen Miteinander und von Spannungen mit der nicht-jüdischen Umgebung. Sie kennt Phasen der Toleranz und Zeiten der Ausgrenzung, Wellen der Verfolgung genauso wie Erfolge in Kunst und Kultur, in Wissenschaft und Wirtschaft.

Und sie kennt ein Menschheitsverbrechen:

Den Versuch, die jüdische Geschichte nicht nur aus der deutschen, sondern aus der Weltgeschichte zu tilgen.

Die Nationalsozialisten steigerten, von vielen anderen Deutschen unterstützt oder geduldet, den Antisemitismus in nie Dagewesenes: Sie sprachen den Juden das Mensch-Sein ab. Und begründeten so ihre rassenideologische, staatlich organisierte Vernichtung jüdischen Lebens. In Deutschland selbst und in den Ländern Europas, die Deutschland im Krieg besetzte.

Allein eine Million Juden wurden in den Lagern von Auschwitz-Birkenau ermordet. Heute vor 76 Jahren befreite die Rote Armee Auschwitz –

das Konzentrations- und Vernichtungslager ist zum Sinnbild für den nationalsozialistischen Terror geworden, dem viele Millionen Menschen zum Opfer fielen. Menschen, die entrechtet, ihrer Würde, ihres Besitzes und schließlich ihres Lebens beraubt wurden.

Wir gedenken alljährlich am 27. Januar aller dieser Opfer des Nationalsozialismus – in diesem Jahr unter den Bedingungen der Corona-Pandemie. Viele Gäste, die wir gern bei uns gehabt hätten, – unter ihnen Überlebende der Konzentrationslager –, können die Gedenkstunde leider nur aus der Ferne verfolgen. Sie alle sollen wissen: Wir sind in Gedanken auch bei Ihnen, gerade an diesem besonderen Tag.

Wir gedenken der europäischen Juden, der Sinti und Roma, der slawischen Völker, der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der Kriegsgefangenen und aller dem Hungertod Ausgelieferten. Wir erinnern an die aus politischen Gründen oder religiösen Motiven Verfolgten und Ermordeten. An diejenigen, die sich mutig dem NS-Regime widersetzten, die ihre Menschlichkeit bewahrten und das mit dem Leben bezahlten. Wir erinnern an das Leid von Homosexuellen, an die Menschen mit Behinderungen und an das Schicksal der als „Asoziale“ Ausgestoßenen.

Wir verneigen uns vor jedem Einzelnen.

Wir denken auch an die Nachkommen der Ermordeten und Überlebenden, die bis heute mit den Traumata der Vergangenheit konfrontiert sind.

Nach der Schoah erschien jüdisches Leben in Deutschland unmöglich, sogar als Verrat. Wer in Deutschland überlebt hatte, dem war die alte Heimat fremd und unerträglich geworden. Wen die Nachkriegswirren nach Deutschland zwangen, den zog es meist so schnell wie möglich weiter: in die Vereinigten Staaten oder nach Palästina, später Israel.

Charlotte Knobloch hat in Deutschland überlebt, und sie ist geblieben. Nach vielen, teils mühevollen Jahrzehnten hat sie ihre alte Heimat wiedergefunden. Als Vertreterin der Jüdischen Gemeinden hat sie mitgeholfen, ein neues deutsch-jüdisches Selbstbewusstsein aufzubauen. Dem Deutschen Bundestag ist es eine große Ehre, dass Sie, sehr geehrte Frau Knobloch, im Rahmen dieser Gedenkstunde zu uns sprechen.

Heute gibt es wieder ein vielfältiges deutsch-jüdisches Leben. Ein unglaubliches Glück für unser Land, das wir uns immer wieder neu verdienen müssen. Wir verdanken es auch den vielen jüdischen Zuwanderern, die sich bewusst für Deutschland entschieden haben. Ausgerechnet für Deutschland! Die meisten Zuwanderer kamen in den 1990er-Jahren aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Auch aus Israel oder aus den Vereinigten Staaten kamen Juden, mal für kürzere, mal für längere Zeit. Die Zuwanderer haben neue Familiengeschichten mitgebracht. Und neue Erwartungen an unser Land.

Marina Weisbands Familie stammt aus der Ukraine. Sie selbst kam als Kind nach Deutschland. Wir haben sie als eine Vertreterin der vielstimmigen Generation junger deutscher Juden eingeladen. Ich freue mich, dass Frau Weisband der Einladung des Deutschen Bundestags gefolgt ist und im Anschluss an Frau Knobloch über ihre Erfahrungen sprechen wird.

Ihnen beiden gilt der Dank des ganzen Hauses.

Sie stehen für unterschiedliche Generationen. Während die eine unter der verdrängten deutschen Schuld gelitten hat, verwahrt sich die jüngere Generation deutscher Juden dagegen, ausschließlich in eine Opferrolle gedrängt zu werden. Junge Juden wollen als selbstverständlicher Teil einer vielfältigen deutschen Gegenwart leben – und wahrgenommen werden. Dennoch ringen viele von ihnen mit der Unmöglichkeit, aus dem Schatten der Vergangenheit zu treten. Das Leid ihrer Eltern und Großeltern hat auch ihr Leben geprägt – und prägt es noch immer.

Die Geschichte ist gegenwärtig. Für die Nachfahren der Überlebenden. Und für alle anderen Deutschen. Sie geht uns alle an!

An Gedenktagen wird stets Verantwortung angemahnt.

Aber werden wir ihr eigentlich gerecht?

Auch bei uns zeigen sich Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wieder offen, hemmungslos – und gewaltbereit. Jüdische Einrichtungen müssen von der Polizei geschützt werden. Juden verstecken ihre Kippa und verschweigen ihre Identität. In Halle entkam die jüdische Gemeinde nur durch einen Zufall einem mörderischen Anschlag. Nach Jahrzehnten der Zuwanderung denken deutsche Juden über Auswanderung nach.

Das beschämt uns!

Es ist niederschmetternd, eingestehen zu müssen: Unsere Erinnerungskultur schützt nicht vor einer dreisten Umdeutung oder sogar Leugnung der Geschichte. Sie schützt auch nicht vor neuen Formen des Rassismus und des Antisemitismus, wie sie sich auf Schulhöfen, in Internetforen oder Verschwörungstheorien verbreiten.

Als Roman Herzog vor 25 Jahren den 27. Januar zum Gedenktag erklärte, verband er damit „die Hoffnung, (…) Formen des Erinnerns (zu) finden, die zuverlässig in die Zukunft wirken.“ Was für Herzog eine Hoffnung war, ist heute dringende Notwendigkeit. Wir müssen die Formen des Erinnerns erneuern. Unsere kollektive Verantwortung bleibt. Sie schließt auch nachfolgende Generationen ein. Und Deutsche, deren Familien erst nach dem Nationalsozialismus nach Deutschland gekommen sind. Machen wir uns bewusst: Das Selbstverständnis unseres Landes steht auf dem Spiel!

Einblendung Sulzbacher Torarolle

Wir erneuern heute unsere Verpflichtung gegenüber dem deutschen Judentum in einer besonderen Zeremonie. Die Repräsentanten unseres Staates werden zum Abschluss der heutigen Gedenkstunde die Patenschaft für die restaurierte Torarolle der einstigen jüdischen Gemeinde von Sulzbach übernehmen. Ein jüdischer Schreiber wird die letzten Buchstaben der Tora im Andachtsraum des Deutschen Bundestags vollenden.

Zum zweiten Mal. Die Torarolle entstand im Jahr 1793. In ihrer über 200-jährigen Geschichte hat sie immer wieder Gefahren überstanden: erst einen Stadtbrand und schließlich sogar den Vernichtungswillen der Nationalsozialisten. Die Juden wurden zwar bereits 1934 aus Sulzbach vertrieben und die Torarolle in die benachbarte Amberger Gemeinde gebracht. Der Gemeindevorsteher aber wurde 1938 vor dem bevorstehenden Pogrom gewarnt. Er wandte sich an den Leiter des Heimatmuseums, der die Torarolle dort versteckte und vor der Schändung bewahrte.

Nach dem Krieg wurde sie der Amberger Gemeinde zurückgegeben, geriet aber in Vergessenheit. Bis Rabbiner Elias Dray sie vor wenigen Jahren in der dortigen Synagoge wiederfand. Nach ihrer heutigen Vollendung wird er im Gottesdienst wieder aus ihr lesen. Sie ist die Verbindung der Amberger Gemeinde zur langen Geschichte der Juden in der Region.

Die Sulzbacher Torarolle steht dafür, dass 1.700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland nicht zu Ende sind.

Um die Gleichberechtigung des Judentums auszudrücken, ist es seit dem 19. Jahrhundert üblich, dass unter den Paten einer Torarolle auch nicht-jüdische Amtsträger sind, von Bürgermeistern bis zu Staatsoberhäuptern. In diese Tradition reihen sich heute die Repräsentanten unseres Staats ein.

Wir verpflichten uns damit, jüdisches Leben in Deutschland vor Angriffen zu schützen; die Erinnerung an den Zivilisationsbruch der Schoah an die folgenden Generationen weiterzugeben – und die Erinnerung an das reiche deutsch-jüdische Leben, das damals zerstört wurde. Zugleich bekennen wir uns zu einer Zukunft, in der Juden in Deutschland ihr Jüdisch-Sein offen, sicher und sichtbar in unserer Mitte leben.

Als selbstverständlicher Teil unseres gemeinsamen vielfältigen Landes.

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