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Artikel

10. Juni 2021

Rede von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble anlässlich des Festaktes zum 450. Jahrestag der Emder Synode

[Es gilt das gesprochene Wort]

Martin Luther kennen alle. Kaum bekannt ist dagegen, wer 74 Jahre nach dem Wittenberger Thesenanschlag verfolgte reformierte Glaubensbrüder nach Emden einlud – und warum. Der Reichstag zu Worms, die Berufung auf die Bibel und das Gewissen, die Auseinandersetzung zwischen weltlicher Macht und reformatorischem Geist, sie fehlen in keinem Geschichtsbuch zur frühen Neuzeit. Die Emder Synode ist dagegen etwas für Experten der europäischen Kirchengeschichte geblieben.

Zu Unrecht, wie ihre Beschlüsse zeigen! Deshalb freue ich mich, dass die Stadt Emden und die Union Evangelischer Kirchen in der EKD an dieses Ereignis vor 450 Jahren erinnern. Ich wünsche Ihnen viel Freude und hoffe, dass sich Ihnen viele Menschen anschließen und mit Ihnen ein Fest feiern – trotz der Einschränkungen, zu denen die Pandemie uns alle immer noch zwingt.

Die Anliegen der verfolgten Reformierten von damals sind heute noch hoch aktuell: Sie wollten Zusammenhalt stiften, die Unabhängigkeit der Gemeinden stärken und eine Kirchenordnung aufbauen, die gegen äußere Anfeindungen schützt. Ihre im 16. Jahrhundert formulierten Leitgedanken scheinen an einer entscheidenden Stelle der Zeitgeschichte auf: Im wichtigsten Bekenntnisschreiben evangelischer Christen des 20. Jahrhunderts: in der Barmer Theologischen Erklärung, mit der sich die Bekennende Kirche 1934 gegen die Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus wehrte. Die Barmer Erklärung stellt die gleichen Grundsätze heraus wie einst die Synodalen von Emden: Christen handeln allein im Sinne Jesu Christi, die Kirche ist nur Gott verpflichtet.

Bedrängnis, Flucht und Vertreibung sind zu allen Zeiten fürchterlich. Die Reformierten der Emder Synode kamen im Oktober 1571 unter schwierigen Umständen in Ostfriesland zusammen. Ihre Gemeinden waren klein und versprengt, in den Untergrund oder ins Exil getrieben. Die niederländischen Gläubigen waren entrechtet, von Verfolgung und Repression bedroht, Flamen und Wallonen standen oft auch in den Orten, an denen sie Zuflucht fanden, unter Druck. Der Herzog von Alba kannte keine Gnade, im Auftrag des mächtigen spanischen Herrschers schlug er eisern nieder, wer sich Krone und Katholischer Kirche widersetzte.

Die Stadt Emden bot Flüchtlingen Schutz. Hier hatte sich damals eine große reformierte Gemeinde zusammengefunden, hier waren die von weither unter großen Mühen angereisten 29 Synodalen sicher. Sie trafen sich, um in Ruhe darüber zu beraten, wie das Gemeindeleben zu stärken und grenzüberschreitend zu organisieren war.

Die Abgesandten der Flüchtlingsgemeinden beschrieben Gesetzmäßigkeiten der Gemeindeorganisation, die uns noch heute plausibel erscheinen. Die wir verstehen, selbst wenn wir sie aus dem historischen und kirchlichen Zusammenhang lösen. Flache Hierarchien und klar zugeordnete Mitwirkungsrechte stärken das Verantwortungsbewusstsein aller und fördern die Identifikation mit der jeweiligen Organisation  – im Verein wie in einer Gemeinde, in Unternehmen wie in staatlichen Einrichtungen.

Die Synode formulierte das Subsidiaritätsprinzip: Entschieden wird so viel wie möglich auf unterster Ebene, so wenig wie möglich wird auf die übergeordnete Ebene gehoben. Nur das Nötigste.

Diesem Prinzip folgt heute die Europäische Union, sie nennt es Grundsatz der begrenzten Einzelermächtigung. Auch der Föderalismus in Deutschland, den unser Grundgesetz in Artikel 20 formuliert, soll den Bundesländern lokale Selbständigkeit und passgenaue Entscheidungen ermöglichen. Anders als im Zentralstaat wird kulturellen Prägungen, regionalen Traditionen und Besonderheiten Raum gegeben. Wir haben in der Pandemiebekämpfung gesehen, wie schwierig es ist, Einzelinteressen auszutarieren und eine Balance zwischen bundeseinheitlichen und länderspezifischen Maßnahmen zu finden.

Im Idealfall gilt: Je mehr vor Ort entschieden werden kann, umso leichter fällt es, Kompetenzen an eine übergeordnete Autorität abzugeben. Das jedenfalls war die Idee der Synodalen von Emden. Sie mussten Vorsorge treffen, dass die Gemeinden als kleine Einheiten lebensfähig waren. Zugleich mussten sie dafür sorgen, dass der Kontakt zwischen den Gemeinden untereinander, die Verbindung zu anderen Reformierten nicht abriss. Sie garantierten Unabhängigkeit – um der Gemeinsamkeit willen. Ein hochmoderner Gedanke.

Längst sind wir in unserer Religionsausübung geschützt, wir können uns frei zu welcher Konfession oder Religion auch immer bekennen – oder uns entscheiden, ganz ohne kirchliche Bindung zu leben. In unserer säkularen Welt sind Christsein und Kirchenleben längst nicht mehr selbstverständlich. Das stellt die Kirchen vor eine Suche nach dem, was sie ausmacht, worauf sie sich konzentrieren will. Denn Akzeptanz erfährt die Kirche auch heute nur, wenn sie den Menschen dient – ein Grundsatz, der letztlich auch für demokratische Ordnungen gilt!

Die Synode empfahl schlanke, aber feste Binnenstrukturen, damit die Gemeinden in ihren jeweiligen Umgebungen bestehen können. Wir würden sagen: als Minderheitenkirchen. Angesichts der äußeren Umstände ist – damals wie heute – Flexibilität und Pragmatismus nötig. Die Anerkennung von Vielfalt, um in den regional unterschiedlichen Zusammenhängen bestehen zu können. Die Synodalen haben sich vertieft Gedanken darüber gemacht, wie zugleich nach innen Verbindlichkeit gesichert werden kann. Sie brauchten die Gemeinde als existentiellen Schutzraum. Sie formulierten schließlich eine theologische, biblisch begründete Erklärung für die kirchliche Selbstorganisation im gegenseitigen Einvernehmen. Herrschaft ist begrenzt. Und sie zeichnet sich durch eine dienende Funktion aus. Wie es im Matthäus-Evangelium heißt: „Wer unter Euch groß sein will, der sei euer Diener.“ Auch das ist ein Grundverständnis von Verantwortung, dass sich im kirchlichen wie politischen Kontext lesen lässt und an Aktualität kaum eingebüßt hat.

Die Pandemie hat uns vor Augen geführt, wie stark die westlichen Gesellschaften heute unter Druck stehen, wie sehr unsere demokratische Ordnung in Konkurrenz zu anderen, zu autoritären Systemen. Wir müssen zeigen, dass unsere freiheitlichen Werte und demokratischen Prinzipien den Anforderungen des 21. Jahrhundert gewachsen sind. Der Rückblick auf die Geschichte, auf einschneidende Ereignisse oder Schriften aus vergangenen Jahrhunderten, kann uns helfen, die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu gestalten.   

Deshalb ist es angemessen, die Emder Synode gerade jetzt herausgehoben zu würdigen. Ihre zeitlosen Prinzipien und Ordnungsparameter, die sich die Verfolgten in schwieriger Zeit gaben. Wir sollten sie freilegen und von Gebrauchsspuren reinigen. Wir merken, wir haben keine besseren. Denn ihr Ziel ist die Eigenverantwortung. Die Verantwortung für andere, für die Gemeinschaft. In der Verantwortung vor Gott.

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