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Artikel

25. Juni 2021

Rede von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble anlässlich der Verleihung des Förderpreises der Deutschen Nationalstiftung an das Europäische Jugendparlament

[Es gilt das gesprochene Wort.]

Auf Englisch Resolutionen einbringen, Änderungsanträge aushandeln und in der Kulisse des Europäischen Parlaments Freunde aus ganz Europa finden: Das klingt nach der Fernsehserie „Das Parlament“, dieser europäischen Ko-Produktion über die Abenteuer junger Abgeordnetenmitarbeiter im Europäischen Parlament.

Parlamentarische Spannung gibt es aber eben nicht nur in der Mediathek. Mehr als 30.000 junge Europäer erleben sie jedes Jahr – beim Europäischen Jugendparlament. Die Initiatoren dieser großartigen Aktion bringen Teilnehmern aus 40 Ländern den Straßburger Parlamentsalltag nahe und tragen seit 30 Jahren dazu bei, Europa zusammenzuführen. Den deutschen Organisatoren dieses Programms verleihen wir heute den Förderpreis der Deutschen Nationalstiftung.

Wer am Europäischen Jugendparlament teilnimmt, erarbeitet in Gruppen Resolutionsentwürfe, die von Arbeitsmarktpolitik bis hin zum Umgang mit China reichen. Anschließend müssen die Parlamentarier auf Probe ein europäisches Plenum von ihren Vorschlägen überzeugen. So lernen sie, wie komplex viele Themen und wie vielfältig die Perspektiven darauf sind. Vor allem erfahren sie, was für eine Herausforderung es bedeutet, in Europa Mehrheiten zu finden.

Wenn nicht gerade eine Pandemie herrscht, dann ist das Europäische Jugendparlament auch ein Austauschprogramm, das manchmal sogar als eine pan-europäische Partnervermittlung funktioniert. Behaupten zumindest die Organisatoren. Nachhaltiger lässt sich Europas Zusammenhalt nun wirklich nicht fördern.

Seit ihren Anfängen wurde die europäische Einigung von der jungen Generation angetrieben. In den fünfziger Jahren riefen Jugendbewegungen in Westeuropa dazu auf, Grenzen zu stürmen. Wer dagegen heute am Europäischen Jugendparlament teilnimmt, kennt zwischen Atlantik und Baltikum keine Grenzen mehr. Studieren im Ausland galt als normal – bis die Pandemie diese Normalität abrupt unterbrach. Das grenzenlose Europa war plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Diese Erfahrung sollte unseren Sinn dafür schärfen, was es in Europa zu bewahren gilt.

Großbritannien ist übrigens immer noch Teil des Europäischen Jugendparlaments. Gerade viele jungen Briten fühlen sich dem Kontinent weiterhin zugehörig. Denn auch nach dem Brexit verbindet uns mehr als uns trennt. So wie die Bewältigung der Pandemie uns alle vor große Herausforderungen stellt. Der jungen Generation fehlen ja nicht nur Partys und Auslandsaufenthalte. Laut einer Umfrage des Europaparlaments leiden Europäer zwischen 16 und 34 Jahren besonders unter den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie – und sie haben mehr als alle anderen die langfristigen Folgen zu tragen. In dieser Zukunftsaufgabe liegt aber auch eine Chance dazu, Europas Zusammenhalt zu fördern. In gemeinsam bewältigten Aufgaben wächst Identität.

Schon heute fühlen sich immer mehr junge Menschen genauso selbstverständlich als Europäer wie als Franzosen, Spanier oder Polen. Das bedeutet auch, dass sie von der europäischen Politik erwarten, ihren Forderungen Gehör zu schenken – etwa wenn es um ihre berufliche Chancen oder den Klimawandel geht. Die Politik braucht dafür junge Menschen, die ihr Engagement nicht nur auf den Straßen und in Internetforen ausleben, sondern sich auch in die Institutionen der repräsentativen Demokratie einbringen. Dazu leisten die heutigen Preisträger ihren Beitrag.

Liebe Organisatoren des Europäischen Jugendparlaments, ich gratuliere Ihnen herzlich zu Ihrer Auszeichnung.

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