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Artikel

7. Dezember 2021

Rede von Bundestagspräsidentin Bärbel Bas zur Würdigung der deutschen Nobelpreisträger Klaus Hasselmann und Benjamin List

[Es gilt das gesprochene Wort.]

Exzellenz,
sehr geehrter Herr Professor Stratmann,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
vor allem aber: sehr geehrter Herr Professor List und 
sehr geehrter Herr Professor Hasselmann!

„Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt“, so hat es Albert Einstein einmal formuliert. 
Aber die Vorstellung, einmal einen Nobelpreis zu erhalten, dürfte die Phantasie der meisten Menschen schon ziemlich strapazieren. 

Für Sie – Herr Professor Hasselmann, Herr Professor List – ist dieser Traum Realität geworden. Ich darf Ihnen dazu herzlich gratulieren: Die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften hat sich entschieden, Ihre Arbeit mit einem Nobelpreis zu krönen. Und wie Albert Einstein – vor einhundert Jahren – sind Sie nicht in Stockholm, um die Auszeichnung entgegenzunehmen. Einstein wurde der Nobelpreis für Physik mit einem Jahr Verzögerung zugesprochen. Er war damals auf Weltreise in Japan. 
Leider sind Reisen und große Zusammenkünfte in Zeiten der Corona-Pandemie nur sehr eingeschränkt möglich. Das Virus verhindert – mittlerweile im zweiten Jahr in Folge –, dass die Preisverleihung im traditionellen Rahmen stattfinden kann. Aber als Wissenschaftler sind Sie Experten darin, das Bekannte hinter sich zu lassen und sich Neuem zu stellen. Gerade dann, wenn es um die großen Herausforderungen unserer Gegenwart geht.

Eine Veranstaltung in den Räumlichkeiten der Max-Planck-Gesellschaft ist für Sie als Forscher ein Heimspiel. Ich selbst bin keine Forscherin, schon gar keine Naturwissenschaftlerin. 
Insofern sehen Sie es mir nach, wenn ich beim Lob auf Ihre fachlichen Verdienste nicht in die Tiefe gehe. Immerhin: Als Präsidentin des Deutschen Bundestages habe ich viel mit hochkomplexen Systemen zu tun – auch mit solchen, die von außen betrachtet manchmal chaotisch scheinen.

Im Jahr 2000 wurde Stephen Hawking um einen Ausblick auf das kommende Jahrhundert gebeten. Seine Vorhersage: Es wird das Jahrhundert der Komplexität. Vieles spricht dafür, dass er Recht behalten wird. Das macht unsere Aufgaben nicht leichter. 
Weder für Sie, die Sie als Forschende und Lehrende die Welt verstehen und erklären wollen. Noch für uns, die wir in Parlamenten und Regierungen darum ringen, unsere Zukunft politisch zu gestalten. 

Ob in der Künstlichen Intelligenz, bei der Verbreitung von Viren oder natürlich beim Wandel des Weltklimas – überall sind wir mit Komplexität konfrontiert. Nicht zuletzt in der Politik. Sie unterscheidet sich in vielem von der Wissenschaft – zu Recht. Aber eine Herausforderung stellt sich sowohl Politikern wie Wissenschaftlern: Wir sind gefordert, zu prognostizieren und zu systematisieren, zu trennen zwischen dem, was wichtig und was unwichtig ist. In anderen Worten: mit Komplexität umzugehen. 
Denn das Unsichere und das Ungewisse sind nicht nur das Gegenteil von Erkenntnis, sie sind auch eine schlechte Grundlage für politische Debatten und Entscheidungen. Je komplexer ein Sachverhalt, umso leichter kommt es zu Missverständnissen und Irrtümern. 

Komplex war die Welt schon immer. Systemische Vernetzung, Wechselwirkungen, Kipppunkte – diese Zusammenhänge blieben für uns lange unsichtbar. Bis die Wissenschaft unseren Blick geschärft hat. Mittlerweile können wir Ordnung im Chaos erkennen. Mathematisch-naturwissenschaftliche Modelle versetzen uns in die Lage, in der Unordnung der Welt Muster zu finden.  
Indem wir lernen, richtig hinzuhören, Signale herauszufiltern und so – im Sinne Klaus Hasselmanns – das „Rauschen“ der Welt in den Griff zu bekommen.

Lieber Herr Hasselmann, lieber Herr List,
so unterschiedlich Ihre Disziplinen, Methoden und Forschungsergebnisse auch sind: Sie beide haben dazu beigetragen, Komplexität zu entschlüsseln, naturwissenschaftliche Zusammenhänge auf das Wesentliche zu reduzieren. In globalen Zusammenhängen, wenn es um die Modellierung des Weltklimas geht. Auf molekularer Ebene bei der Optimierung von Katalysatoren.

Sie beide haben damit neues Wissen für die Menschheit geschaffen. Wissen, das wir dringend benötigen. Denn die Zeit drängt. Sie haben uns Werkzeuge an die Hand gegeben, um die Gefahren des menschengemachten Klimawandels besser einschätzen und drohende Entwicklungen besser vorhersagen zu können. Sie liefern die wissenschaftlichen Grundlagen, um chemische Herstellungsverfahren effizienter und umweltverträglicher zu machen. Darin liegt ein wichtiger Beitrag, um die ökologischen Systeme unseres Planeten vor weiterem Schaden zu bewahren. 

Aber: Die weitsichtigsten Modelle und innovativsten Methoden helfen nicht, wenn daraus nicht die richtigen Konsequenzen gezogen werden.
Lieber Herr Hasselmann,
dass wissenschaftliche Erkenntnisse oft Zeit brauchen, bis sie sich in politischen Entscheidungen niederschlagen, wissen Sie nur zu gut. Ihre wegweisenden Arbeiten zum Klimawandel stammen aus den siebziger Jahren. Schon damals haben Sie auf den problematischen Beitrag hingewiesen, den der Mensch dazu beisteuert. Kurz zuvor hatte der Club of Rome die Menschheit davor gewarnt, die „Grenzen des Wachstums“ zu überschreiten. Passiert ist seither zu wenig, die Fieberkurve der Erde wird weiter nach oben zeigen. Dennoch haben Sie nie den Optimismus verloren, dass es uns gelingen wird, die Probleme zu lösen, vor denen wir stehen. 
Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, dass Sie diesen Optimismus auch aus Ihrer persönlichen Geschichte schöpfen. Geprägt von der Flucht ihrer Familie vor den Nationalsozialisten. Und den Erfahrungen mit dem demokratischen Wiederaufbau Deutschlands nach Ihrer Rückkehr 1949. Das hat mich sehr beeindruckt. Genau wie Ihr Vertrauen in die positive Kraft des technischen Fortschritts.  
Lieber Herr List,
mit Ihren Beiträgen zur „asymmetrischen Organokatalyse“ haben Sie diesem Fortschritt Beine gemacht. Für naturwissenschaftliche Laien sind die Potentiale dieser Gruppe von Katalysatoren atemberaubend: Ihre Forschung hat es ermöglicht, bestimmte Synthetisierungsverfahren um ein Vieltausendfaches effizienter zu machen. Mit Ihrer Arbeit haben Sie bahnbrechende Neuerungen angestoßen, die unzähligen Menschen helfen. Zum Beispiel in der Arzneimittelforschung zur Bekämpfung vieler lebensbedrohlicher Krankheiten. Das alles klingt für mich wirklich, als sei es nur „ein Molekül entfernt von Magie“, wie Sie es einmal ausgedrückt haben.

In der Vorbereitung auf diese Rede bin ich auf einen Artikel gestoßen, in dem es heißt: Katalysatoren sind „Substanzen, die eigentlich reaktionsunwillige Zutaten dazu bringen, eben doch eine Verbindung einzugehen.“ Ich musste gleich daran denken, wie Koalitionsverträge zustandekommen. Aber da spricht vermutlich die Begeisterung für den eigenen Beruf aus mir. 

Lieber Herr List,
bei Ihnen, so heißt es, hat diese Begeisterung als Kind begonnen – als Sie in einem alten Chemiebuch vom Flohmarkt geblättert haben. Jetzt sind Sie der zweite Nobelpreisträger in Ihrer Familie. Vor 26 Jahren wurde Ihre Tante in der Kategorie Medizin ausgezeichnet. 
Sehr geehrte Frau Professorin Nüsslein-Volhard,
ich freue mich sehr, dass auch Sie heute Abend bei uns sind. Es gibt mir die Gelegenheit, auf etwas hinzuweisen, das mir wichtig ist: Frauen zeigen auch in der Wissenschaft großartige Leistungen. Zu wenig davon wird öffentlich sichtbar. Umso wichtiger sind Vorbilder wie Sie, die den Forscherinnen von heute und morgen Mut machen.

Wissenschaftliches Talent gibt es nicht nur in Ihrer Familie reichlich. Auch in Mülheim ist es offenbar zuhause. Sie, lieber Herr List, sind dort seit über 15 Jahren als Direktor des Max-Planck-Instituts tätig. Und – nach Karl Ziegler – der zweite Spitzenforscher, der mit einem Nobelpreis für Chemie geehrt wird. 
Als Kind der Region bin ich stolz, so viel wissenschaftliche Exzellenz vor der eigenen Haustür zu haben. 

Im Namen des MPI für Kohlenforschung, an dem Sie tätig sind, klingt Regionalgeschichte mit. Eine Geschichte, die gezeigt hat, dass erfolgreicher Strukturwandel möglich ist – nicht zuletzt auf Grundlage wissenschaftlicher Unterstützung. Früher stand der „Ruhrpott“ für Kohle und Stahl – heute ist er über seine industrielle Vergangenheit hinausgewachsen. Als Ideenschmiede für Zukunftstechnologie. Ihr Institut hat maßgeblichen Anteil daran. Sie sind mit Ihrer Abteilung in den 9. Stock gezogen, nicht zuletzt der Aussicht wegen. 
Ich hoffe, gerade der Blick auf meine Heimatstadt Duisburg inspiriert Sie auch weiterhin. 

Inspiration, Weitblick und die Offenheit für neue Perspektiven brauchen wir auch in der Politik, mir ist das sehr sympathisch. Und ich erkenne da einen weiteren Punkt, der Sie und Herrn Hasselmann verbindet. Sie beide haben immer wieder unterstrichen, wie wichtig Kreativität und Freiheit für die Forschung sind. 
Vielleicht schwingen bei Ihnen die Eindrücke mit, die Sie aus Ihren USA-Aufenthalten mitgebracht haben. Sie waren ja beide in La Jolla [Lach-oia], San Diego – zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Instituten. Etwas mehr kalifornische Einstellung zu Kreativität und Freiheit tut uns sicher gut. Nicht nur in der Wissenschaft. 

Aus Ihnen spricht Enthusiasmus für einen Beruf, der Ihnen zugleich Berufung ist. Ich sehe in Ihren Erfolgen eine wichtige Ermutigung für junge Menschen, eigene Wege zu verfolgen, nicht zuletzt als Forscherinnen und Forscher. 
Dieser Ansporn ist wichtig, gerade wenn es darum geht, innere und äußere Widerstände und Selbstzweifel zu überwinden. Wir sollten darauf hinarbeiten, dass es Menschen leicht gemacht wird, ihre Talente zu erkennen, sich auszuprobieren und ihre Fähigkeiten zu entfalten. Wir müssen ihnen helfen, ihre Phantasie zu entfesseln und die Grenzen ihres Wissens zu erweitern. Ganz im Sinne Albert Einsteins.

Die Politik kann dafür die Rahmenbedingungen setzen. Indem sie in Bildung und Ausbildung, in Forschung, Lehre und internationale Wissenschaftskooperation investiert. Indem sie Inklusion fördert und gesellschaftliche Barrieren einreißt. 
Indem sie dazu beiträgt, junge Menschen für Wissenschaft und Technik zu begeistern. Indem sie sicherstellt, dass unsere Schulen und Hochschulen offene und attraktive Orte des Lehrens und Lernens sind.

Und nicht zuletzt, indem sie die Freiheit der Wissenschaft schützt, wie es unser Grundgesetz vorsieht. 2017 warnte der Vorsitzende der Deutschen Forschungsgemeinschaft Professor Peter Strohschneider: „Wahn und Lüge, vulgärer Zynismus, nacktes Machtkalkül und unverantwortliche Simplifizierung beweisen erneut ihre Geschichtsmächtigkeit – auch gegenüber der Freiheit der Wissenschaft.“

Schon damals trieb ihn um, wie weit sich der Kampf um die öffentliche Meinung von Rationalität und wissenschaftlichem Denken zu entfernen drohte. Der Konflikt hat in der Corona-Pandemie nicht an Schärfe verloren – eher im Gegenteil.

Teile der Öffentlichkeit misstrauen Wissenschaft, Politik und Medien gleichermaßen. Unsicherheit, Überforderung 
– auch angeheizte Wut – treiben viele Menschen in eine Scheinwelt aus Fake-News und gefühlten Wahrheiten. Youtube-Videos mögen leichter konsumierbar sein als Fachstudien. Die Wissenschaft als Quelle methodisch abgesicherten Wissens können sie aber nicht ersetzen. 
Wir dürfen die Errungenschaften der Aufklärung nicht preisgeben! Gerade weil wir in einem Jahrhundert der Komplexität leben, müssen wir den Stellenwert der Vernunft und das Streben nach objektiver Erkenntnis mit aller Kraft verteidigen! Die Verantwortung dafür trägt die Politik. 

Parteien, Parlamente, Regierungen und Verwaltungen müssen sich dieser Verantwortung bewusst sein. Und eine Sprache finden, die Komplexität unserer Welt nachvollziehbar zu vermitteln. Gerade, was die Vielschichtigkeit der Entscheidungen betrifft, die wir treffen müssen. 
Wir brauchen als Grundlage unserer Debatten wissenschaftliche Expertise und Erkenntnis. Aber wir dürfen uns nicht hinter Fachtermini verstecken. 
Und müssen unseren Teil beitragen, die Wissenschaftskommunikation zu stärken, damit der Austausch zwischen Fachwelt und Allgemeinheit besser wird. 

Ich hatte Albert Einstein angesprochen. Er soll einmal gesagt haben: „Alles sollte so einfach wie möglich sein – aber nicht einfacher.“ Darin liegt auch eine Warnung an die Politik: Wir dürfen dem Drang, zu vereinfachen, nicht leichtfertig nachgeben. Sonst spielen wir den Feinden der Demokratie in die Karten. 
Dazu braucht es Wahrhaftigkeit. Auch den Mut, inhaltliche Gegensätze noch deutlicher herauszuarbeiten. Politische Fragen sind oft mehrdeutig und widersprüchlich. 
Im Gegensatz zur Wissenschaft sind exakte Lösungswege mit einem einzigen, richtigen Ergebnis die Ausnahme. Kompromisse sind die Regel. Umso wichtiger ist es, das Beschlossene immer wieder zu erklären. Selbst wenn es unbequem und mühsam ist.

Was Wissenschaft und Demokratie gemeinsam haben: Beide sind ihrem Wesen nach anspruchsvoll und fordernd. Beide leben von ihrer inneren Vielfalt, von der Qualität der geführten Diskussionen, auch von Streit. Und beide brauchen klare Regeln. 
Diese Regeln müssen wir vermitteln, wir müssen erklären, wie und nach welchen Kriterien Wissenschaft und Politik arbeiten. Nur so können wir Verständnis und Zustimmung für ihre Ergebnisse sichern. 

Lieber Herr Hasselmann, lieber Herr List,
als Forscher haben Sie wegweisende Arbeit geleistet und ausgezeichnete, innovative Antworten auf große Fragen unserer Zeit gefunden. Für die global vernetzte Wissenschaft haben Sie Herausragendes geleistet. Ohne die Erkenntnisse der Wissenschaft werden wir keine der globalen Aufgaben meistern, vor denen wir stehen. Wir brauchen sie!
Auch darum freut es mich, dass Sie diese besondere Auszeichnung erhalten. Herzlichen Glückwunsch!

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