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20.04.2023 | Parlament

Worte von Bundestagspräsidentin Bärbel Bas vor Eintritt in die Tagesordnung zum Aufstand im Warschauer Ghetto

[Stenografischer Dienst]

Präsidentin Bärbel Bas:

Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich wünsche Ihnen einen schönen guten Morgen. Die Sitzung ist eröffnet.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, vor 80 Jahren, am 19. April 1943, begann der Aufstand im Warschauer Ghetto. Etwa 700 junge jüdische Frauen und Männer erhoben sich gegen die deutschen Besatzer. Sie verfügten weder über militärisches Training noch Erfahrung. Und sie hatten nur wenige Waffen: Pistolen, ein paar Gewehre, Handgranaten, selbstgebaute Molotowcocktails.

Zu Beginn des Aufstandes lebten zudem noch etwa 50 000 Zivilisten im Ghetto, viele in unterirdischen Bunkern und Schutzräumen. Auch diese Zivilisten leisteten Widerstand. Sie versteckten sich, erschienen nicht an den Sammelpunkten zur Deportation und unterstützten die Kämpfenden.

Die Kampagne zur Erinnerung an den Ghettoaufstand widmet sich in diesem Jahr besonders diesen Zivilisten und ihrem Widerstand. Bundespräsident Steinmeier hat gestern auf Einladung des polnischen Präsidenten Duda mit dem israelischen Präsidenten Herzog und Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, am offiziellen Gedenken teilgenommen.

Bereits am 22. Juli 1942 hatte die von den Nationalsozialisten so genannte „Große Aktion“ begonnen. Etwa 300 000 Frauen, Kinder und Männer wurden in knapp zwei Monaten nach Treblinka deportiert oder noch im Ghetto ermordet. Diese Deportation hatte, wie Marcel Reich-Ranicki am 27. Januar 2012 in seiner Rede vor diesem Haus sagte, „nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod“.

Die verbliebenen Menschen im Ghetto wussten, dass sie umgebracht werden sollten, und sie bereiteten sich vor. Sie wollten kämpfend sterben. Ein erster Akt des Widerstandes im Januar 1943 überraschte die SS. Sie brach die Deportation ab.

Als die SS das Ghetto am 19. April, dem Vorabend des Pessachfestes, endgültig räumen wollte, begann der Aufstand. Wenige Tage nach Beginn der Kämpfe fing die SS an, das Ghetto systematisch zu zerstören. Sie leitete Giftgas in Verstecke und Bunker ein, brannte Haus für Haus mit Flammenwerfern ab. Das Feuer konnte man noch viele Kilometer außerhalb von Warschau sehen.

Am Abend des 16. Mai sprengten die Deutschen die Große Synagoge - als Symbol ihres Sieges. SS-General Jürgen Stroop übertitelte seinen täglichen Bericht an Heinrich Himmler: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!“ Dieser Bericht diente später als Beweis in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen.

Mindestens 7 000 Jüdinnen und Juden starben während des Aufstands. 7 000 Menschen wurden am Ende der Kämpfe gefangen genommen und in Treblinka ermordet. Die etwa 42 000 Überlebenden wurden in die Arbeitslager Poniatowa und Trawniki sowie das Konzentrationslager Lublin-Majdanek gebracht. Die meisten von ihnen wurden im November 1943 ermordet.

Einige Jüdinnen und Juden versteckten sich in den Ruinen des Ghettos. Anderen gelang es, durch die Kanalisation zu fliehen. Viele schlossen sich im August 1944 dem Warschauer Aufstand an.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, der Aufstand im Warschauer Ghetto war die größte jüdische Erhebung und der erste städtische Volksaufstand im nationalsozialistisch besetzten Europa. Er ermutigte andere Aufständische - wie in Bialystok oder Minsk.

Die jüdischen Kämpferinnen und Kämpfer hatten keine Hoffnung auf einen Sieg, keine Hoffnung auf ein Entkommen, keine Hoffnung für die Zukunft ihres Volkes in ihrer Heimat. Sie sahen es aber als ihre Pflicht, öffentlich im Kampf zu sterben, um der Welt ihre Lage vor Augen zu führen, wie sich Marek Edelman, einer ihrer Kommandanten, erinnerte. Es war ein aussichtsloser Kampf, in dem Würde und Mut gegen tiefste Menschenverachtung und Grausamkeit antraten.

Wir verneigen uns heute vor diesen jüdischen Aufständischen und vor allen Opfern des Warschauer Ghettos. Wir verneigen uns vor den ermordeten, verschleppten, gefolterten, entrechteten, gedemütigten und beraubten Jüdinnen und Juden Europas.

Ich würde Sie jetzt bitten, sich für einen kurzen Moment von Ihren Plätzen zu erheben.

(Die Anwesenden erheben sich)

Vielen Dank. Nehmen Sie wieder Platz.

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