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12.05.2023 | Parlament

Rede von Bundestagspräsidentin Bärbel Bas „70 Jahre Kinderschutzbund“

Sehr geehrte Frau Ministerin, 
lieber Heinz Hilgers, 
sehr geehrter Herr Schneider,
Und ich freue mich auch besonders, 
Sie, liebe Frau Süssmuth, begrüßen zu können. 

Sehr geehrte Damen und Herren,
70 Jahre Kinderschutzbund, 
70 Jahre Einsatz für die Rechte der Kinder und eine kindgerechte Gesellschaft.  

Vielen Dank für die Einladung. 
Ich freue mich, hier mit Ihnen zu feiern. 
Und danke sagen zu können – für alles, was Sie in sieben Jahrzehnten erreicht haben.
Versetzen wir uns einen Moment zurück 
in das Jahr 1953, dem Gründungsjahr des Kinderschutzbundes. 

Kinder waren dem autoritären Denken der Nachkriegszeit besonders ausgesetzt.
Eltern erzogen noch mit Schlägen. 
Lehrkräfte straften mit dem Rohrstock. 

Und hatten die Rechtsprechung auf ihrer Seite: 
1957 attestierte ihnen der Bundesgerichtshof ein – ich zitiere – „generelles Gewohnheitsrecht“ zum Prügeln. 

Es dauert Jahrzehnte, bis ein Umdenken einsetzte. Heute völlig unfassbar. 

Ende der 70er Jahre wurde der Schriftstellerin Astrid Lindgren der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. 
Aus diesem Anlass hielt sie eine Rede über gewaltfreie Erziehung. 

Lindgren erzählte darin die Geschichte einer Mutter, die ihren kleinen Sohn bestrafen will. Sie schickt ihn in den Garten: 
Er soll einen Stock holen. 

Zurück kommt er mit einem Stein. 

Vor Schreck bricht die Mutter in Tränen aus. 
Sie nimmt den Sohn in ihre Arme. 
Beide weinen. 
Dann legen sie den Stein in das Küchenregal – als Versprechen, niemals Gewalt anzuwenden.
Was uns heute unvorstellbar erscheint: Lindgrens Rede löste eine heftige Kontroverse aus. 
Die Veranstalter versuchten sogar im Vorfeld, den Text abzuschwächen.

Das verdeutlicht die Widerstände, 
gegen die Kinderschützerinnen und Kinderschützer kämpfen mussten. 

Sehr geehrte Damen und Herren, 
der Kinderschutzbund scheute diese Kämpfe nie. 
Er forderte: „Kinder brauchen Liebe, keine Hiebe.“ 

Und setzte sich schließlich durch. 
Im Jahr 2000 wurde das Recht auf gewaltfreie Erziehung im Gesetz verankert. Endlich. 

Allerdings muss ich als Abgeordnete auch selbstkritisch betonen: ERST im Jahr 2000.

Es war trotzdem ein Meilenstein, 
der Wirkung gezeigt hat: 
Es gibt noch immer zu viel Gewalt gegen Kinder.
Aber als pseudo-pädagogisches Mittel sind körperliche Strafen weitgehend Tabu. 
Zum Glück.

Dafür sage ich hier gern und deutlich: 
Das ist auch das große Verdienst des Kinderschutzbundes. Danke! 
Ich freue mich, dass Christine Bergmann heute auch hier ist. 

Liebe Frau Bergmann, 
Sie haben als zuständige Ministerin die notwendige Gesetzesänderung vorangetrieben. 

Auch Sie mussten Widerstände überwinden, auch an Sie ganz herzlichen Dank. 

Unsere Gesellschaft hat viel erreicht. 

Das heißt nicht, dass es nichts mehr zu tun gäbe. 

„Gewalt ist viel mehr ist, als man denkt“
– so lautet der Titel der aktuellen Kampagne des Kinderschutzbundes. 

Diese Kampagne schafft Bewusstsein für versteckte Gewalt: ausschimpfen, auslachen, Sätze wie „Aus Dir wird nie was“. 

Solche Demütigungen fressen sich in Kinderseelen ein – auch wenn keine körperliche Gewalt im Spiel ist. 

Es darf auch dafür keine Akzeptanz mehr geben!

Das sage ich auch als Bundestagspräsidentin, 
die sich für die demokratische Kultur in unserem Land verantwortlich fühlt: 
Demokratie beginnt in der Familie. 
Dort lernen wir miteinander umzugehen und Konflikte respektvoll auszutragen. 
In der Familie erfahren Kinder meist zuerst, 
dass ihre Meinung zählt. 
Dass es sich lohnt, sich einzumischen. 

Kinder müssen mit dem gleichen Respekt behandelt werden wie Erwachsene. 
Darum ist so wichtig, auch gegen emotionale Gewalt vorzugehen. 

Ich wünsche Ihnen auch für Ihre Kampagne viel Erfolg! 

Sehr geehrte Damen und Herren, 
bei der Vorbereitung auf Ihre Festveranstaltung musste ich auch an meine Kindheit denken. 
Wie anders Kinder und Jugendliche heute aufwachsen! 

Anfang der 80er Jahre waren Computer noch eine Seltenheit. 
Etwas für Büros. 

Heute tragen Grundschulkinder einen Computer in der Hosentasche herum.

Ich bin dagegen, Smartphones in Kinderhänden grundsätzlich für Teufelszeug zu halten. 
Im richtigen Maß und im richtigen Alter 
bieten sie Kindern die Möglichkeit, 
sich von Erwachsenen abzugrenzen. 

Sich zu mehr Selbstständigkeit zu entwickeln, 
zum Beispiel den Schulweg allein zu schaffen. 
Sich untereinander auszutauschen. 

Und sich über die Welt zu informieren. 

Dafür gibt es gute kindgerechte Angebote. 
Sie gestatten mir den kurzen Werbeblock: 
Zum Beispiel die Mitmischen oder die Kuppelkucker-Websites des Deutschen Bundestags. 

Mein Eindruck ist: Wir suchen noch die richtigen Antworten auf eine immer stärker digitalisierte Kindheit. 

Das gilt für Eltern, das gilt für Lehrkräfte. 
Das gilt sicherlich auch für die Gesetzgebung.
Klar ist: Wir brauchen einen entschlossenen Kinderschutz im Netz. 
Dort tun sich Abgründe auf, von denen viele Erwachsene gar nichts ahnen. 
Online-Sucht, Cybermobbing oder Pornographie. 

Gerade die Fälle von Kinderpornographie sind zuletzt massiv gestiegen. 
Das ist schockierend.

Wir müssen Provider, Spielehersteller und Plattformbetreiber mehr in die Pflicht nehmen. 

Es ist auch wichtig, noch mehr Bewusstsein zu schaffen für digitale Gefährdungen. 
Bei Kindern selbst – und bei den Eltern. 
Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, fand vor einigen Monaten deutliche und kluge Worte. 
Sie finde es – ich zitiere – „unverantwortlich, Kinder und Jugendliche dieser digitalen Welt … unbegleitet auszuliefern. Das würden wir in der analogen Welt nie tun.“ Zitatende. 

Der Kinderschutzbund erinnert die Politik auch bei diesem Thema an ihre Verantwortung: Kinderrechte gelten auch im digitalen Raum – und müssen auch dort durchgesetzt werden. 

Kinder haben ein Recht darauf, 
auch im Internet sicher zu sein. 
Meine Damen und Herren, 
Sie machen Druck auf die Politik. 
Auch bei der sozialen Lage von Kindern. 

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Ausgerechnet junge Menschen tragen das höchste Armutsrisiko aller Altersgruppen. 
Jedes 5. Kind in Deutschland ist von Armut bedroht. 

Aus meiner eigenen Jugend weiß ich um die Diskriminierung auf dem Schulhof. 
Die begann schon bei den Schuhen. 
Wer nur 2 statt 3 Streifen auf den Turnschuhen hatte, gehörte nicht dazu. 
Armut heißt, nicht ins Kino zu gehen, 
keine Fußball-Sammelkarten vom Taschengeld im Späti oder an der Bude kaufen zu können,
keinen Familienurlaub zu machen. 

Nicht einmal zur Klassenfahrt zu können. 
Weil die Eltern mit Anträgen überfordert sind. 
Oder weil ihnen ihre eigene Armut vor den Lehrkräften oder dem Förderverein der Schule unangenehm ist. 
Wenn es denn einen Förderverein gibt. 

Armut bedeutet: kein Sportverein, kein Tanzkurs, keine Nachhilfe. 

Und noch schlimmer: 
Kinder in Armut erleben häufiger Gewalt.

Was mich besonders wütend macht: 
Den Kindern wird der Weg in eine bessere Zukunft verbaut. 
Berufliche Perspektiven werden mehr denn je durch Herkunft entschieden. 

Das ifo-Institut hat dazu vor wenigen Wochen konkrete Befunde vorgelegt: 
Demnach schwanken die Chancen eines Kindes aufs Gymnasium zwischen einem Fünftel und vier Fünfteln. 
Je nachdem aus welchem Elternhaus es kommt.

Das ist ein Armutszeugnis
 – für unsere Gesellschaft. 
Und ein klarer Handlungsauftrag an die Politik. 

Wir müssen gerade diese Kinder gezielt fördern. 
Mir ist bewusst, dass sich dabei schwierige Fragen stellen:  
Auf welchem Weg erreichen wir diese Kinder? 
Wie helfen wir Familien unkompliziert?
Und wie schaffen wir im föderalen Deutschland bessere Bildung für alle Kinder?  

Solche Fragen lohnen den demokratischen Streit. 
Eine gute, geschützte und chancenreiche Kindheit muss in unserem Land aber  selbstverständlich sein. 

Das gilt auch für die Gesundheitschancen: „Kinder- und Jugendgesundheit: Ungleichheiten beseitigen – Versorgungslücken schließen“ hieß der erste Antrag, den ich als Berichterstatterin in meiner ersten Wahlperiode initiieren durfte. 
Alle Kinder haben das gleiche Recht auf faire Bildungs- und Teilhabechancen
Sie alle sollen ihre Talente entfalten und ihren Weg gehen können.
Und alle Kinder haben den gleichen Anspruch auf eine Grundsicherung. 

Umfragen sagen uns, dass eine breite Mehrheit in der Bevölkerung das genauso sieht. 
Renate Köcher, die Leiterin des Allensbach-Instituts, hat vor kurzem gesagt: 
„Auch Angehörige höherer sozialer Schichten sagen, es schade der Gesellschaft insgesamt, wenn Menschen einer sozialen Schicht zurückbleiben.“ Zitatende. 
Das sollte uns zu denken geben, uns allen … 
Und noch ein Punkt, dessen Tragweite wir heute noch gar nicht absehen können: 
In der Pandemie haben ausgerechnet die Kinder einen Großteil der Lasten getragen.
Wir schulden den Kindern etwas. 

Die Pandemie hat uns auch im Deutschen Bundestag unvorbereitet getroffen. 
Wir hatten keine Blaupausen in der Schublade.
Leider auch nicht für den bestmöglichen Schutz der Kinder. 
Natürlich wollte niemand in der Politik, dass die Kinder besonders leiden.  
So kam es dann aber leider. 

Die Kinder sind aus ihrem Alltag gerissen worden. 
Sie konnten Freundinnen und Freunde nicht mehr treffen. 
Mussten mit Mütze und Schal im kalten Klassenzimmer sitzen. 
Wenn sie überhaupt zur Schule gehen konnten.

Sie sind um einen Teil ihrer Chancen gebracht worden.

Wir müssen jetzt alles daransetzen, 
diese Entwicklungs- und Bildungslücken so gut wie möglich zu schließen. 

Die Auswirkungen auf die Kinder bekommen Kitas und Schulen gerade erst mit ihrer ganzen Wucht zu spüren. 

Und wir dürfen nicht zulassen, dass Kinder in der nächsten Krise wieder die Leidtragenden sind. 

Hier bin ich aber hoffnungsvoll, denn eine der vielen Stärken unserer parlamentarischen Demokratie ist: Wir sind lernfähig. 

Die Erfahrung der Pandemie hat auch gezeigt: 
Die Interessen von Kindern müssen Vorrang haben. Und zwar verbindlich. 
Wir müssen ihre Teilhabe und Mitsprache sichern. 

Darum bin ich aus voller Überzeugung Schirmfrau des Netzwerks Kinderrechte. 

Die Demokratie lebt von einem einfachen Grundgedanken: 
Alle sollen mitentscheiden, die es betrifft.  

Kinder sind von den meisten Entscheidungen der Politik betroffen. 
Die Politik gestaltet heute die Welt, 
in der sie morgen leben. 
Aber wählen dürfen sie nicht.

Ich persönlich finde: Das Wahlrecht ab 16 Jahren würde dieses Problem etwas kleiner machen. 

Bei vielen Landtagswahlen dürfen Jugendliche bereits ab 16 wählen. 
Auch bei den Europawahlen. 
Ich sehe keinen Grund, warum das auf Bundesebene nicht auch funktionieren sollte.
Das Wahlalter lässt sich nicht beliebig senken. 
Gerade deswegen ist es aber so wichtig, 
Kinder immer zu berücksichtigen. 
Sie haben berechtigte Interessen, oft auch Meinungen und Vorschläge. 

Und Kinder haben Rechte. 
Andere Rechte als Erwachsene. 

Das Recht auf besondere Förderung. 
Das Recht auf besonderen Schutz. 
Oder das Recht, gehört zu werden. 

Die Stärke einer Demokratie zeigt sich auch daran, wie sie die Rechte von Kinder sicherstellt.

Sehr geehrte Damen und Herren, 
15.000 Menschen engagieren sich ehrenamtlich in den Strukturen des Kinderschutzbundes. 

Sie beraten Eltern. 
Sie lesen Kindern vor, trainieren mit ihnen, 
betreuen sie in der Freizeit. 
Oder haben ein offenes Ohr für die kleinen und großen Sorgen im Leben von Kindern und Familien. 

Die „Nummer für Kummer“ etwa ist ein sehr erfolgreiches Projekt des Kinderschutzbundes. 
So erfolgreich, dass die „Nummer für Kummer“ heute in eigenen Strukturen betrieben wird. 
Und zum Vorbild für andere Länder wurde. 

Getragen durch das Ehrenamt.
Für viele Menschen in Deutschland sind Kinder eine Herzenssache. 
Diesen Menschen möchte ich heute danke sagen. 

Mit ihrer Arbeit, ihrer Zeit und ihrer Liebe tragen sie dazu bei, dass Kinder in unserem Land geschützt aufwachsen. 

Wer Hilfe auf so professionellem Niveau anbietet, braucht natürlich auch starke hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 

Auch ihnen möchte ich herzlich danken. 

Sehr geehrte Damen und Herren, 
zum Schluss noch ein besonderer Dank: 
70 Jahre Kinderschutzbund. 
30 Jahre mit Heinz Hilgers an der Spitze. 

Lieber Heinz, 
wir kennen uns schon lange. 
Du hast Dich auch kommunal- und landespolitisch eingebracht: als Bürgermeister von Dormagen und als Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen. 

Ulrich Schneider wird gleich eine ausführliche Würdigung vortragen. 
Auch ich möchte Dir Danke sagen für alles, was Du für Kinder in Deutschland getan hast. 
Heute morgen habe ich in Deinem DPA-Interview gelesen, dass Du Dir vor allem mehr Chancengerechtigkeit wünschst. 
Auch bei diesem Thema sind wir uns einig.   

Für die Politik warst Du in all den Jahren ein wichtiger und - zum Glück - auch unbequemer Ansprechpartner. Danke! 

Allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, allen Mitgliedern und Engagierten gratuliere ich zu 70 Jahren Kinderschutzbund! 

Mit Ihrer Arbeit machen Sie Deutschland jeden Tag aufs Neue zu einem besseren Land, 
in dem Kinder eine starke Stimme haben. 

Herzlichen Dank! Und herzlichen Glückwunsch!

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