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Wehrbeauftragter

Artikel

„Europa und der Muskelaufbau“ – Interview, 16.11.2019

Tageszeitungen

© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Interview mit dem Wehrbeauftragten in der „Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung“ vom 16. November 2019

„Europa und der Muskelaufbau“

Der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels bringt ein neues Buch zur Verteidigungspolitik heraus - ein Plädoyer für ein stärkeres Europa

Herr Bartels, warum haben Sie das Buch geschrieben?

Es ist ein Beitrag zur lebhafter werdenden Debatte über deutsche Sicherheitspolitik. Ich sage in meinem Buch, dass wir durchaus selbstbewusst auftreten sollten. Um uns herum erleben wir eskalierende Konflikte, autoritären Populismus, Wettrüsten und neue Bedrohungen. Deutschland hat einen guten Ruf. Viele Nationen in Europa wollen mit uns zusammenarbeiten. Gewiss ist es nicht immer leicht, sich europäisch zu einigen. Aber das sind gewissermaßen „gute“ Probleme - schlecht wäre, wenn es keine Freunde und Partner mehr gäbe, mit denen man einig werden will.

Was ist die zentrale Aussage?

Eigentlich hat die Gründung der Europäischen Armee längst begonnen. Vielen ist bewusst, wie uneffektiv unsere sicherheitspolitische Kleinstaaterei ist. Wir können die große Aufgabe der militärischen Integration vergleichen mit der Einführung des Euro. In den 70er-Jahren hat man erste Beschlüsse gefasst, die Währungen aufeinander zuzubewegen. Das neue Geld kam 2002. So was berührt elementar das Souveränitätsverständnis der Staaten, und dann dauert es eben eine Generation. Aber jetzt ist unsere Gemeinschaftswährung etwas ganz Selbstverständliches - so wie es vielleicht 2050 die Armee der Europäer sein wird.

Wie sieht Ihr Blick in die Zukunft aus?

Wir müssen nicht heute schon den Einigungsvertrag über die Gründung einer europäischen Armee aushandeln, sondern wir sollten so viel europäische Praxis wie möglich etablieren. Wir brauchen Inseln funktionierender Kooperation. Diese Inseln werden nach und nach größer, sie wachsen zusammen und bilden irgendwann Festland. Dann wird der Zeitpunkt kommen, an dem man sich über einen Vertrag und einheitliche Regeln für Europas Militär unterhalten muss. Im Moment sollten wir das noch nicht tun. Die Zusammenarbeit muss wachsen.

Wie ist der Stand der Dinge?

Die Zusammenarbeit wächst tatsächlich rasant: Das deutsche und das niederländische Heer sind quasi dabei zu fusionieren, das Europäische Lufttransportkommando in Eindhoven koordiniert heute schon jeden Tag Luftwaffenverbände aus sieben Nationen, Holland und Belgien unterhalten ein gemeinsames Marinehauptquartier, immer mehr Ausbildungseinrichtungen werden multinational - vom Gebirgsjägertraining über die U-Boot-Waffe bis zur Hubschrauberausbildung. Der militärische Megatrend heißt Europäisierung.

Herr Bartels, Ihnen ist schon klar, dass Sie Ihren Leser ziemlich fordern?

Klar. Aber dafür bekommt er eine kompakte Gesamtschau. Die Selbstbehauptung Europas ist ein großes Thema unserer politischen Öffentlichkeit in vielen Staaten. Mein kleines Buch versucht, in aufregenden Zeiten Orientierung zu geben – aus einer deutschen Perspektive. Ein Franzose würde es anders schreiben, aber ich bin sicher, ähnlich fair.

Interview: Stefan Beuke

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