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Wehrbeauftragter

Artikel

„Nur Befehle befolgt“

ein Mann mit angegrauten Haaren und schwarzer Brille

Wehrbeauftragter Dr. Bartels

© DBT/Thomas Trutschel / photothek.net

75 Jahre nach Kriegsende kommt dieses Buch nicht zu früh: „Die Wehrmacht – Krieg und Verbrechen“ von Professor Michael Epkenhans, dem Wissenschaftlichen Direktor des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), und dem Historiker Oberstleutnant John Zimmermann ist ein notwendiges Geschichtsbuch. Gerade unsere Soldatinnen und Soldaten von heute müssen die Geschichte kennen, damit sie wissen, warum die Bundeswehr anderen Prinzipien folgt als damals die Wehrmacht: Der Befehlsgehorsam, sozusagen die „äußere Führung“, darf nie absolut gelten! Niemand darf sich darauf herausreden, er habe „nur Befehle befolgt“! Jeder mündige Staatsbürger in Uniform muss seine Mitverantwortung für sein militärisches Tun oder Unterlassen erkennen! Jede Soldatin und jeder Soldat muss in sich einen eigenen Maßstab tragen für Gut und Böse, für Richtig und Falsch, für Recht und Unrecht! Wir nennen das „Innere Führung“.

Der deutsche Widerstand hat gezeigt, dass man das Verbrecherische des Nationalsozialismus, das Verbrecherische des Angriffs- und Vernichtungskrieges der Wehrmacht, während es geschah, erkennen konnte. Wer nicht die Augen verschloss, konnte es sehen, wissen, spüren. Was Epkenhans und Zimmermann zusammentragen, ist Stand der Forschung. Schon die berühmte Hamburger Ausstellung von 1995 war nicht die erste Thematisierung der Verbrechen der Wehrmacht: der Morde an der Zivilbevölkerung, der Vernichtung durch Hunger, der Geiselerschießungen, der Beteiligung am Holocaust, des Massensterbens der Kriegsgefangenen. Die „Wehrmachtsausstellung“ hat damals ein Thema wiederentdeckt, das unmittelbar nach dem Krieg schon einmal öffentlich verhandelt worden war: in den alliierten Kriegsverbrecher-Prozessen.

Der letzte in einem solchen Prozess verurteilte Kriegsverbrecher der Wehrmacht war Generalfeldmarschall Erich von Manstein. Er stand vor einem britischen Tribunal. Einer der Anklagepunkte war die Vernichtung der Juden auf der Krim im Herbst 1941. In einem Tagesbefehl Mansteins heißt es: „Für die Notwendigkeit der harten Sühne am Judentum, dem geistigen Träger des bolschewistischen Terrors, muss der Soldat Verständnis aufbringen. Sie ist auch notwendig, um alle Erhebungen, die meist von Juden angezettelt werden, im Keime zu ersticken.“ Den Tätern, den Befehlsempfängern, war klar, was sie taten. Und ihnen war klar, dass man es nicht tun durfte. Und sie haben Akten darüber geführt. Die Akten lagen dem Kriegsverbrecher-Tribunal vor. Der verurteilte Manstein kam bald wieder frei.

Ich finde den Fall Mansteins deshalb so besonders interessant, weil gerade er sich in der Nachkriegszeit so viel Mühe gegeben hat, die Wehrmacht als saubere Organisation zu rehabilitieren. Er selbst wurde bald nach seiner Haftentlassung vom Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages zum Vorsitzenden des Expertenausschusses berufen, der die Pläne der Bundesregierung zur Struktur der neuen Bundeswehr begutachtete.

Der richtige Umgang mit der Wehrmachts-Vergangenheit blieb über einige Jahrzehnte ein Dauerthema in Militär und Gesellschaft. Wehrmachtsgrößen wurden Namenspatrone von Bundeswehr-Kasernen – bis später ein kritischerer Geist solche Traditionspflege beendete.

In diesem Mai jährt sich zum 75. Mal das Kriegsende 1945. International ist wieder viel von Geschichtspolitik die Rede. Von russischer Seite wird Polen eine Mitschuld am Beginn des Zweiten Weltkrieges gegeben – der Hitler-Stalin-Pakt gewissermaßen als Notwehr. Das sind bizarre fake news. Wir brauchen den Austausch über das, was Geschichte ist, über das, was wirklich war.

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