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Parlamentarisches Kontrollgremium

Nachrichtendienste sehen Russland als gefährlichsten Gegner

Zeit: Montag, 5. Oktober 2026, 10 bis 13 Uhr
Ort: Berlin, Paul-Löbe-Haus, Sitzungssaal Europasaal (4.900)

Russland stellt aktuell die größte sicherheitspolitische Herausforderung für Deutschland dar. In diesem Befund waren sich die am Montag, 5. Oktober 2026, zu einer öffentlichen Anhörung vor dem Parlamentarischen Kontrollgremium (PKGr) des Bundestages geladenen Spitzen der Nachrichtendienste des Bundes einig. Die im Herbst 2025 vorhergesagte Lageverschärfung, so sagte der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), Martin Jäger, „ist in vollem Umfang eingetreten“. Russland eskaliere sichtbar in der Ukraine und erhöhe weiter den Druck auf Europa und auf Deutschland. Sinan Selen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), sagte, was militärische Szenarien für das Jahr 2029 an Bedrohungen taxierten, „ist in der geheimdienstlichen Schattenwelt für unseren Abwehrdienst bereits heute Realität“. Deutschlands Souveränität werde in feindseliger Absicht durch hybride Attacken angegriffen und die Sicherheit der Bevölkerung gefährdet.

Martina Rosenberg, Präsidentin des Bundesamtes für den Militärischen Abschirmdienst (BAMAD/MAD), verwies darauf, dass früher von einer abstrakten Gefährdungslage gesprochen worden sei, während es sich heute um „ganz konkrete Angriffe auf die Bundesrepublik Deutschland handelt“. Diese Angriffe dienten dazu, das Vertrauen der Menschen in die Abwehrfähigkeit des Staates zu erschüttern, Unsicherheit zu verbreiten, die Moral der Bundeswehrangehörigen herabzusetzen „und schlussendlich dazu, die Gesellschaft zu spalten und demokratische Strukturen anzugreifen“.

Aggressivere Aktivitäten russischer Dienste

„Russland ist unser gefährlichster Gegner“, betonte BND-Chef Jäger vor den Abgeordneten. Deutschland sei in Gefahr, in einen gewaltsamen Konflikt mit Russland zu geraten. Der Anschlagsversuch von Leipzig sei nur ein Beispiel dafür. „Von keinem anderen Land geht aktuell eine so direkte, umfassende und konkrete Bedrohung gegen Deutschland aus“, sagte Jäger. Russland dränge Deutschland die Konfrontation auf, „weil es in uns einen Hauptgegner sieht, weil wir Russlands revisionistische, expansive Politik und den Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht hinnehmen und der Einschüchterung der Nato-Bündnispartner im Baltikum entgegentreten“.

Der BND-Chef machte deutlich, dass Russland zur Erreichung eigener Ziele bereit sei, Gewalt anzuwenden. Das sei auch der Hintergrund für zunehmend aggressivere Aktivitäten russischer Dienste in und gegen Deutschland. „Russland stellt uns auf die Probe und beobachtet genau, wie wir mit dieser Situation umgehen“, sagte der BND-Präsident. Jedes Zeichen von Wankelmut lade aus Sicht der Führung im Kreml dazu ein, den Druck auf Deutschland weiter zu erhöhen. Für den BND gelte es daher, technologisch an der Spitze zu bleiben und in die eigene Resilienz zu investieren. So sorge man dafür, dass der BND auch unter den Bedingungen von Krieg und Krise einsatzfähig ist. „Es ist uns ernst damit, Deutschlands erste Verteidigungslinie zu sein“, betonte Jäger.

Verdachtsfallbearbeitung in der Extremismusabwehr

„Die Angriffe auf unsere Demokratie werden von ausländischen Nachrichtendiensten und Extremisten getragen“, sagte MAD-Präsidentin Rosenberg. Extremisten unterstützten auch die „Angriffe einer fremden Macht“, indem sie die „Grenzen des Sagbaren verschieben und ihre extremistischen Narrative verbreiten“. Diese Entwicklung mache auch vor der Bundeswehr nicht halt. Der MAD habe im letzten Jahr einen Anstieg der Verdachtsfallbearbeitung in der Extremismusabwehr verzeichnet. Erklärbar sei dies damit, dass auf der einen Seite Menschen digitaler ansprechbar seien und Radikalisierungsprozesse immer schneller abliefen. All dies treffe auf ein „sensibles Meldeverhalten“ innerhalb der Bundeswehr. „Wir nehmen jeden Hinweis auf Extremismus sehr ernst“, betonte Rosenberg. Jedem Verdacht werde mit dem Ziel nachgegangen, Extremisten und Personen ohne Verfassungstreue aus der Bundeswehr zu entfernen. „Den Feinden unserer Demokratie müssen wir mit allen zur Verfügung stehenden rechtlichen zulässigen Mitteln zum Schutz unserer demokratischen Grundordnung gegenübertreten“, sagte die MAD-Präsidentin.

Die stärkste Antwort auf die aktuelle Bedrohung sei - „neben leistungsstarken Sicherheitsbehörden und einer hohen Verteidigungsfähigkeit“ - eine Gesellschaft, die sich nicht spalten lässt, die Vertrauen in den Rechtsstaat und seine Institutionen hat, die Veränderungen aushält, dabei kritisch bleibt und für komplexe Probleme keine einfachen Antworten akzeptiert. „Das entzieht den Feinden unserer Demokratie die Möglichkeit, über Beeinflussung und Manipulation unser Zusammenleben anzugreifen“, sagte Rosenberg.

„Priorisierung auf drei Hoch-Risikofelder“

Verfassungsschutz-Präsident Sinan Selen bewertete die aktuelle Lageentwicklung „als Bestätigung in unserem Kurs“, die Transformation des Bundesamtes für Verfassungsschutz zu einem operativen Abwehrdienst nach dem Vorbild demokratisch kontrollierter und legitimierter europäischer Partnerdienste als Gebot der Stunde zu betrachten. „Es gilt, die vorderste Linie unserer wehrhaften Demokratie zu stärken“, sagte er. Schließlich stehe man an mehreren Fronten Gegnern gegenüber, die mit hoher Intensivität an aktiver Zersetzung und Zerstörung arbeiteten.

Selen sprach von einer „Priorisierung auf drei Hoch-Risikofelder“. Es gehe um die multipolare Bedrohung durch fremde Mächte, den internationalen Terrorismus und den gewaltorientierten Extremismus. Russland, so der Verfassungsschutz-Präsident, weite nachweislich seine hybriden Angriffe gegen Demokratien in Europa aus. Deutschland stehe dabei im Fokus. Neben den bekannten Spionagetätigkeiten sehe man die Bereitschaft zur Sabotage „und zu Tötungsoperationen“. Insbesondere der Sektor Transport und Verkehr, die Verteidigungsindustrie und die militärische Infrastruktur lägen dabei im Fadenkreuz.

Anhaltend hohe Gefahren durch Terrorismus

Der Blick auf den internationalen Terrorismus zeige anhaltend hohe Gefahren, sagte er weiter. Internationale Konfliktregionen beeinflussten weiter durch Emotionalisierungseffekte die Sicherheitslage in Deutschland und befeuerten insbesondere Gewaltbereitschaft gegen jüdische sowie israelische Einrichtungen. Große Sorge, so der Verfassungsschutz-Präsident, mache ihm, dass sowohl beim Terrorismus als auch beim gewaltorientierten Extremismus Minderjährige und teils „sehr, sehr junge Akteure mit ausgeprägter Gewaltbereitschaft festgestellt werden“. Aber auch der öffentliche Raum werde von diversen aktions- und gewaltorientierten Jugendgruppierungen heimgesucht.

All dem kontere das Bundesamt für Verfassungsschutz mit dem methodischen Dreiklang „Disruption, Detektion und Prävention“, sagte Selen. „Detektion ist und bleibt die Kernkompetenz der nachrichtendienstlichen Arbeit“, betonte er. Netzwerke umfangreich aufzuklären, die Bandbreite illegaler Aktivitäten zu kartografieren, sei der „genuine Beitrag“ des BfV zur Sicherheit.

Das Parlamentarische Kontrollgremium

Das Parlamentarische Kontrollgremium (PKGr) ist für die Kontrolle der Nachrichtendienste des Bundes zuständig und überwacht den Bundesnachrichtendienst (BND), den Militärischen Abschirmdienst (MAD) und das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV). Die Bundesregierung ist nach dem Kontrollgremiumgesetz dazu verpflichtet, das PKGr umfassend über die allgemeinen Tätigkeiten der Nachrichtendienste und über Vorgänge von besonderer Bedeutung zu unterrichten. Das PKGr kann von ihr außerdem Berichte über weitere Vorgänge verlangen. 

Dem PKGr gehören neben dem Vorsitzenden Marc Henrichmann (CDU/CSU) die Abgeordneten Heiko Hain und Alexander Throm (beide CDU/CSU), Daniel Baldy und Sonja Eichwede (beide SPD) sowie Dr. Konstantin von Notz (Bündnis 90/Die Grünen) an. (hau/05.10.2026)

Auswärtiges

Fachgespräch zur „Nationalen Risikoanalyse“

Zeit: Montag, 5. Oktober 2026, 17 bis 19 Uhr
Ort: Berlin, Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Sitzungssaal 3.101

„Nationale Risikoanalyse“ lautete der Titel eines zweistündigen öffentlichen Fachgesprächs, zu dem der Unterausschuss „Krisenprävention, strategische Vorausschau, Stabilisierung und Friedensförderung“ des Auswärtigen Ausschusses am Montag, 5. Oktober 2026, zusammengekommen ist. 

Der Fokus des Unterausschusses liegt aufgrund der veränderten geopolitischen Situation und der auf Deutschland zukommenden Herausforderungen auf dem Bereich der strategischen Vorausschau der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Zugleich übernimmt der Unterausschuss eine parlamentarische Begleitrolle zum neu eingerichteten Nationalen Sicherheitsrat (NSR) im Bundeskanzleramt. Damit stärkt er die Kontrolle und Transparenz strategischer Entscheidungen und trägt zur dauerhaften Verankerung strategischer Vorausschau im Parlament bei. (05.10.2026)

Interview

Inge Gräßle: Innovations­lücke in der EU mit privatem Geld schließen

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Inge Gräßle steht am Rednerpult im Plenarsaal und spricht ins Mikrofon

Die CDU-Abgeordnete Inge Gräßle leitet die Delegation des Bundestages zur Konferenz über Stabilität, wirtschaftspolitische Koordinierung und Steuerung in der EU. (© picture alliance/dpa | Michael Brandt)

Die Staatsverschuldung im Griff behalten, trotz Krisen handlungsfähig bleiben und gleichzeitig die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den EU-Mitgliedstaaten nicht zu groß werden lassen: Wie das alles zusammen gehen kann, drüber zerbrechen sich Parlamentarier der Mitgliedsländer den Kopf bei der Interparlamentarischen Konferenz über Stabilität, wirtschaftspolitische Koordinierung und Steuerung in der Europäischen Union (SWKS), die am 24. und 25. September in Dublin stattfand. „Die Antwort kann nicht ,mehr Schulden' sein“, sagt Dr. Inge Gräßle, Leiterin der deutschen Delegation zur SWKS. „Soziale Konvergenz gibt es nicht durch mehr Transfers, sondern durch Unternehmen, die investieren und zukunftsgerichtete Arbeitsplätze schaffen.“ Es müsse „privates Geld für die Modernisierung unserer Länder“ gewonnen werden. Und: „Wir müssen den Binnenmarkt weiterentwickeln.“

Im Interview spricht Haushaltspolitikerin Gräßle über die nun beginnende „schwierigste Phase“ der EU-Haushaltsverhandlungen sowie über die hohe Bedeutung des Gemeinsamen Marktes und europäischer Handelsabkommen mit dem Rest der Welt für Deutschlands Wohlstand und verrät, warum der digitale Euro bald für alle „greifbar“ werden könnte. Das Interview im Wortlaut:

Frau Dr. Gräßle, der nächste siebenjährige Haushalt der EU für die Jahre 2028 bis 2034 der sogenannte Mehrjährige Finanzrahmen (MFR), muss nun bald seine endgültige Form – und durch Europaparlament und Rat – seine Zustimmung erhalten. Auch der Deutsche Bundestag wirkt mit. Alles gut mit dem Entwurf der EU-Kommission bzw. mit dem, was jetzt auch auf Ihrem Tisch liegt? Im Februar hatten Sie eine finanzpolitische Zeitenwende angemahnt. Wo stehen wir jetzt?

Wir sind jetzt in der schwierigsten Phase dieser eigentlich immer schwierigen Verhandlungen. Die irische Ratspräsidentschaft müht sich, bis Ende 2026 Kompromisse vorzuschlagen, die alle mitgehen können. Und natürlich ist es wie beim Mikado: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Deshalb haben auch bei dieser SWKS-Tagung in Dublin wieder alle ihre bekannten Positionen vorgetragen: Das Europäische Parlament („schickt mehr Geld“), die klassischen EU-Geberstaaten („den EU-Mehrwert in neuen Aufgaben priorisieren“) und die Nehmerländer, die sogenannten „Freunde der Kohäsion“ („auch die alten Aufgaben finanzieren“). Wichtig war, dass man miteinander spricht und die unterschiedlichen Interessen anerkennt. Ganz schwierig ist das Kapitel „Eigenmittel“, also die Vorschläge der EU-Kommission für eigene EU-Einnahmen, die bislang ja vor allem ans Bruttoinlandsprodukt jedes Mitgliedstaats geknüpft sind. Unsere Forderung muss sein, dass sie Investitionen und die Wettbewerbsfähigkeit Europas nicht zusätzlich belasten dürfen… 

Immerhin knapp zwei Billionen Euro sollen in den Topf. Bei der SWKS-Herbsttagung war es ein Thema, ob der MFR den Zielen Investitionsbedarf, sozialer Zusammenhalt, wirtschaftliche Koordinierung und Klimaschutz gerecht wird. Sind genug strukturelle Reformen in dem Entwurf erkennbar? Fehlt etwas?

Es gibt in der EU immer noch viele Dinge, die kein Geld kosten, aber Wachstum brächten. Der Draghi-Bericht benennt sie klar, und daran wurde auch in Dublin erinnert: Die Innovationslücke von 800 Milliarden Euro jährlich lässt sich auch mit dem neuen Wettbewerbsfonds mit 400 Milliarden Euro für sieben Jahre nicht schließen. Wir müssen privates Geld für die Modernisierung unserer Länder gewinnen. Das geht mit einer modernen Steuerpolitik und Anschubfinanzierungen. Wir müssen den Binnenmarkt weiterentwickeln. Darauf hat der Präsident des Europäischen Rechnungshofs in Dublin hingewiesen. Nur 20 Prozent der Dienstleistungen im Binnenmarkt sind grenzüberschreitend. Warum? Weil die Hindernisse für einen wirklichen Binnenmarkt, die bereits 2002 festgestellt wurden, 25 Jahre später immer noch da sind. Die Mitgliedstaaten mauern also, im Zweifel mit „Goldplating“, mit zusätzlichen Maßnahmen der Mitgliedstaaten, um nationales Recht gegen Marktzugänge abzuschotten. So bleiben Wachstum, Beschäftigung und Innovation auf der Strecke. Wirklich beunruhigend, dass es hier so langsam vorangeht. 

Was sind die nächsten Schritte auf dem Weg zum fertigen Haushalt? Und wo ist dabei noch der Bundestag beteiligt als Sachwalter deutschen Steuergeldes?

Im Oktober will die irische Ratspräsidentschaft einen neuen Kompromiss zum MFR vorlegen und die Eigenmittelfrage nochmals überarbeiten. Die Rechtsverordnung des Rats zum MFR – so sie einstimmig (!) geeint ist – braucht die Zustimmung des Europäischen Parlaments. Diese Zustimmungserfordernis ist sozusagen der Verhandlungschip des Europäischen Parlaments, das bei den Eigenmitteln wiederum nur angehört wird. Der Deutsche Bundestag nimmt auf die MFR-Verordnung nur über die deutsche Verhandlungsposition Einfluss. Bei den Eigenmitteln dagegen ist die Zustimmung des Bundestages über ein deutsches Zustimmungsgesetz erforderlich. Auch der Bundesrat ist zu beteiligen und hat Mitsprache. Damit gibt es auf deutscher Seite viele Mitspieler, die alle ihren Einfluss entlang ihrer eigenen Interessen nutzen. Und der Bundeskanzler muss all das zusammen binden – eine Herkulesaufgabe, weil es auch auf ihn und auf Deutschland ankommt, um die EU insgesamt zusammen zu halten. Das war bis jetzt für jeden Kanzler ein schweres Stück Arbeit.

Mit dem Hauhalt wird die Europäische Union in einer unruhigen Welt handlungsfähig erhalten. Da ist doch in jedem Fall gut angelegtes Geld, oder?

Viel hilft nicht zwingend viel. Ein größerer Haushalt schafft nicht zwingend mehr Wachstum. Die Debatte über Summen ist in meinen Augen also nicht das, was uns weiterhilft. Es wäre großartig, wenn wir uns über Prioritäten einigen könnten: Wozu brauchen wir die EU vor allem? Nicht jede Aufgabe in den Mitgliedsstaaten ist doch eine europäische Förderpriorität. Und dass Gründungsmitglieder der EU immer noch Geld für einige ihrer Regionen erwarten, halte ich für absurd. Europäische Mittel sollten dort eingesetzt werden, wo der gemeinsame Mehrwert klar ist: Forschung, grenzüberschreitende Infrastruktur, bezahlbare Energie und die industrielle Umsetzung neuer Technologien – das bringt den gemeinsamen Wohlstand von morgen. Unsere gemeinsame Sicherheit gehört genauso dazu. Dafür müssen wir Zwecke von gestern entpriorisieren...

Bei der Tagung ging es schließlich auch um das „Gleichgewicht zwischen finanzpolitischer Verantwortung, Flexibilität und sozialer Konvergenz bei der Bewältigung makroökonomischer Herausforderungen“. Skizzieren Sie doch bitte einmal, worauf es jetzt im Rahmen der EU ankommt!

Dieser schöne „EU-Sprech“ betrifft den Kern der SWKS-Tagung, bei der es ja um die finanz- und wirtschaftspolitische Koordinierung der Politiken der nationalen Parlamente im Rahmen des Europäischen Semesters geht. Eigentlich geht es darum, dass die Staatsverschuldung in der EU bei knapp 83 Prozent (statt der 60 Prozent im Maastricht-Vertrag) liegt und in den vergangenen zwölf Monaten um 1,5 Prozentpunkte gestiegen ist. Wie vor diesem Hintergrund die Staatsfinanzen und die Schuldentragfähigkeit im Griff behalten und in Krisen trotzdem handlungsfähig sein und gleichzeitig die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den EU-Mitgliedsstaaten nicht zu groß werden lassen? Die Antwort kann nicht „mehr Schulden“ sein. Soziale Konvergenz gibt es nicht durch mehr Transfers, sondern durch Unternehmen, die investieren und zukunftsgerichtete Arbeitsplätze schaffen.

Frankreich, Gründungsmitglied der Gemeinschaft und eines der wichtigsten EU-Länder, wird wegen seiner ausufernden Staatsverschuldung immer mehr zum Sorgenkind in der EU. Wie gehen die deutschen und französischen Parlamentarier damit um?

Wichtige Frage, weil wir das unter Freunden – offen und ohne Belehrungen – besprechen sollten. Die Sitzungswoche der Französischen Nationalversammlung und des Deutschen Bundestages hat diesmal eine starke Präsenz der Parlamentarier in Dublin verhindert. Wir sehen, dass die französische Regierung starke Haushaltskürzungen vorgelegt, aber im Parlament keine Mehrheit hat. In Deutschland wurden Einsparungen vorgelegt, beschlossen und weitere angepeilt. Wir wollen unser AAA-Rating in Deutschland auch für Frankreich verteidigen. Alle müssen die europäischen Fiskalregeln ernst nehmen. Gemeinsame EU-Schulden wird es mit uns nicht geben. Weil die Mitgliedstaaten in so schwierigen Haushaltslagen sind, kann die EU nicht einfach „mehr Geld“ fordern.

Zu den Stärken der EU gehört der weltgrößte Binnenmarkt. Ein Ausbau des in wichtigen Bereichen immer noch zersplitterten Gemeinsamen Marktes sei wirksamer als alle neuen Förderprogramme oder Subventionen zusammen, sagten Sie neulich. Bleiben Sie da als Parlamentarier dran, um - auch im Sinne der Verbraucher - weitere Harmonisierungsschritte einzufordern?

So ist es. 2025 hat die EU-Kommission erneut eine Initiative unternommen, die bis Ende 2027 umgesetzt sein soll. Deutschland müßte endlich die Kapitalmarktunion, inzwischen die Spar- und Investitionsunion, ermöglichen und voran gehen bei gemeinsamen Regeln für grenzüberschreitende Geldanlagen und ihre Versteuerung, die Aufsicht, Insolvenzregeln und Anlegerschutz. Sonst diskutieren wir das nochmal 20 Jahre…

Abgerundet wird europäische Wettbewerbsfähigkeit durch Handelsabkommen mit Ländern, die dies wollen. Ist die EU da auf einem guten Weg?

Verhandelt wird derzeit mit Thailand, Malaysia, den Vereinigten Arabischen Emiraten, den Philippinen und Indien. Ausverhandelt sind Australien, Indonesien, Mexiko, Mercosur gilt seit 1. Mai 2026 vorläufig. Das ist für unsere Industrie und Arbeitsplätze wirklich wichtig. Diese Handelsverhandlungen sind ein absolutes Spezialistenbusiness! Keine Institution hat soviel Erfahrung wie die EU-Kommission – es ist eine extrem bedeutsame und hilfreiche Dienstleistung für die EU und die Bundesrepublik.

Eine Sitzung der Herbsttagung trug die Überschrift „Ein stärkerer Euro auf globaler Ebene und digitale Souveränität zur vollständigen Verwirklichung der Wirtschafts- und Währungsunion“. Der Euro wird nach und nach in immer mehr Mitgliedstaaten eingeführt, die den Kriterien entsprechen und dies wollen. Bulgarien hat ihn jüngst bekommen, Ungarn begibt sich auf den Weg. Stärkt das das globale Standing der Gemeinschaftswährung?

Ja, denn der gemeinsame Währungsraum ist größer geworden – und da viele daran arbeiten, den Euro und die Eurozone zu schwächen, ist jedes Zeichen des Zusammenhalts wichtig. In Dublin ging es auch um den digitalen Euro, der eine größere europäische Souveränität bei Zahlungsdienstleistungen mit sich bringen kann. Wir hätten eine öffentliche Alternative zum privaten, digitalen Zahlungsverkehr. Ich hoffe, dass der Gesetzgebungsprozess zwischen dem Rat der Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament noch in 2026 abgeschlossen wird – und der digitale Euro damit für alle „greifbar“ werden könnte. Es ist doch in unserem, deutschen Interesse, die Kosten für den Zahlungsverkehr zu senken und eigene Zahlungsdienstleister zu entwickeln, statt amerikanische Zahlungsdienstleister noch größer zu machen.

(ll/28.09.2026)

 

Befragung der Bundesregierung

Katharina Reiche und Steffen Bilger stellen sich den Fragen der Abgeordneten

Bundesminister für Verkehr Steffen Bilger und Bundesministerin für Wirtschaft und Energie Katherina Reiche in einer Collage.

Bundesminister für Verkehr Steffen Bilger und Bundesministerin für Wirtschaft und Energie Katherina Reiche stellen sich den Fragen der Abgeordneten. (© DBT/Achim Melde /picture alliance/dpa | Michael Brandt)

Liveübertragung: Mittwoch, 7. Oktober, 14 Uhr

Die Sitzungswoche beginnt am Mittwoch, 7. Oktober 2026, mit der eineinhalbstündigen Regierungsbefragung. Darin stellen sich Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) den Fragen der Abgeordneten.

In Sitzungswochen können die Abgeordneten des Deutschen Bundestages mittwochs nach der Sitzung des Bundeskabinetts über die dort besprochenen Vorhaben Auskunft erhalten und Fragen an die Bundesregierung stellen. Die Regierungsbefragung im Plenum dient der Erstinformation der Abgeordneten. Sie beginnt mit je bis zu achtminütigen Berichten der Bundesministerinnen oder -minister zu Themen der morgendlichen Sitzung. Anschließend kann zunächst zu diesen Themen, dann zu weiteren Themen der Kabinettssitzung und schließlich zu sonstigen Angelegenheiten gefragt werden. (eis/28.09.2026)

Fragestunde

Fragestunde am 7. Oktober

Zwei Mikrofone sind im Plenarsaal des Deutschen Bundestages zu sehen.

Die Fragestunde dauert 45 Minuten. (© DBT/Simone M. Neumann)

Liveübertragung: Mittwoch, 7. Oktober, 15.40 Uhr

Im Anschluss an die Regierungsbefragung folgt am Mittwoch, 7. Oktober 2026, die Fragestunde. Getrennt nach Ressorts beantworten Vertreter der Bundesregierung 45 Minuten lang Fragen (21/8313(Dokument, öffnet ein neues Fenster)), die von den Abgeordneten vorab schriftlich eingereicht worden waren.

AfD-Abgeordnete mit den meisten Fragen

24 der insgesamt 52 Fragen werden von Abgeordneten der AfD-Fraktion gestellt, gefolgt von Abgeordneten der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen mit 16 Fragen und Abgeordneten der Fraktion Die Linke mit zwölf Fragen. Von Abgeordneten der CDU/CSU- und der SPD-Fraktion sowie von fraktionslosen Abgeordneten werden keine Fragen gestellt. 

Jeweils zwölf Fragen richten sich an das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat und an das Bundesministerium des Innern. Sechs Fragen gehen an das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, je vier Fragen an das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und das Bundesministerium für Verkehr. Mit je zwei Fragen müssen sich das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, das Bundesministerium der Finanzen, das Auswärtige Amt, das Bundesministerium für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung und das Bundesministerium der Justiz auseinandersetzen. Je eine Frage müssen das Bundeskanzleramt, das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung und das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit beantworten.

Was die Abgeordneten wissen wollen

Beispielsweise erkundigt sich der nordrhein-westfälische Abgeordnete Sascha Lensing (AfD) beim Bundesinnenministerium, über welche bundesweit einheitliche Datengrundlage die Bundesregierung zur Erfassung von Verdachtsfällen hybrider Einflussnahme verfügt, insbesondere von Sabotage, Spionage und Angriffen auf Kritische Infrastrukturen. Welche Bundesbehörde die Erkenntnisse von Bund, Ländern und betroffenen Infrastrukturbetreibern zu einem ressortübergreifenden Lagebild zusammenfügt, interessiert den Abgeordneten ebenso.

Die bayerische Abgeordnete Karl Bär (Bündnis 90/Die Grünen) fragt das Bundeslandwirtschaftsministerium, wie die Bundesregierung mit den immer stärkeren Folgen der Klimakrise für den Ackerbau umzugehen plant.

Der brandenburgische Abgeordnete Christian Görke (Die Linke) will vom Bundeswirtschaftsministerium wissen, welche zukünftig aus Kasachstan importierte Ölmenge die Bundesregierung anzielt und welche möglichen Transportwege sie dafür prüft, vor allem angesichts des aktuellen Durchleitungsstopps für kasachisches Öl über die Druschba-Leitung. Görke erwartet eine Auflistung der Möglichkeiten und eine Bewertung mit Blick auf Vor- und Nachteile.

Zusatzfragen sind möglich

Jeder Abgeordnete kann vorab bis zu zwei Fragen an die Bundesregierung einreichen. Nach der regelmäßig durch einen Parlamentarischen Staatssekretär oder einen Bundesminister erfolgenden Beantwortung können der Fragesteller, aber auch andere Abgeordnete des Deutschen Bundestages Zusatzfragen stellen und so die Bundesregierung zu weiteren Stellungnahmen zwingen.

Reicht die Zeit nicht aus, werden noch nicht aufgerufene Fragen von der Regierung schriftlich beantwortet. Ebenso kann vorab bereits um schriftliche Beantwortung gebeten werden. (vom/02.10.2026)