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Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus

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Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. h. c. Charlotte Knobloch, hat dazu aufgerufen, die Bundesrepublik Deutschland wehrhaft zu verteidigen: „Passen Sie auf auf unser Land!“ In der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus am Mittwoch, 27. Januar 2021, sagte die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland: „Wir dürfen stolz sein auf unsere Bundesrepublik.“

Nicht einen Tag dürfe man jedoch vergessen, wie „zerbrechlich die kostbaren Errungenschaften der letzten 76 Jahre“ seien. Stolz sei sie auf die „jungen Menschen in unserem Land“, die frei von Schuld seien, was die Vergangenheit angeht. „Aber sie übernehmen Verantwortung für Heute und Morgen – interessiert, leidenschaftlich und mutig.“

Gedenken für die Opfer des Nationalsozialismus

Die 88-jährige Holocaust-Überlebende Charlotte Knobloch und die 33-jährige Publizistin Marina Weisband, die 1994 als jüdischer Kontingentflüchtling mit ihren Eltern aus der Ukraine zugewandert war, setzten sich in ihren Gedenkreden mit dem „jüdischen Leben in Deutschland“ auseinander. 2021 markiert das 1.700-jährige Jubiläum des frühesten Dokuments, das eine jüdische Gemeinde im deutschsprachigen Raum erwähnt. In einem Edikt aus dem Jahre 321 erlaubte der römische Kaiser Konstantin den Kölner Stadträten, auch Juden zur Ausübung öffentlicher Ämter zu verpflichten.

Der „Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus“ wurde 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Prof. Dr. Roman Herzog eingeführt. Anlass ist die Erinnerung an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945. An der Gedenkstunde nahmen als Vertreter der Verfassungsorgane neben Gastgeber Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier, Bundesratspräsident Dr. Reiner Haseloff, Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Dr. Stephan Harbarth, teil.

„Mein Vater hat mich Liebe zu Deutschland gelehrt“

Charlotte Knobloch erinnerte an ihren Vater, den Münchner Anwalt Fritz Neuland, einen dekorierten Veteranen des Ersten Weltkriegs, dessen Loyalität und Eisernes Kreuz ihn unter den Nationalsozialisten vor keiner Demütigung geschützt hätten: Berufsverbot, Enteignung, Deportation seiner Mutter, Trennung von seiner Tochter, Zwangsarbeit. „Mein Vater hat mich Liebe zu Deutschland gelehrt – trotz dem.“ Sie schilderte die Schikanen, denen Juden in den dreißiger Jahren zunehmend ausgesetzt waren und stellte unter Beifall klar: „Wer Corona-Maßnahmen mit der nationalsozialistischen Judenpolitik vergleicht, verharmlost den antisemitischen Staatsterror und die Shoah. Das ist inakzeptabel!“

Als „Lotte Hummel“ übersteht sie die Kriegsjahre in einem fränkischen Dorf, in dem ihr Vater sie in der Familie des ehemaligen Dienstmädchens ihres Onkels unterbringen konnte. Nach dem Krieg heiratet sie den polnischen Holocaust-Überlebenden Samuel Knobloch, sie wünschen sich ein neues Leben in der neuen Welt. In den sechziger und siebziger Jahren sei auf nichtjüdischer Seite das Bewusstwerden über die Verbrechen der Vergangenheit gewachsen, sagte Knobloch. Damit habe auch das Vertrauen auf jüdischer Seite wachsen können. In der neuen Bundesrepublik sei es gelungen, auf den Trümmern der Geschichte eine tragfähige freiheitliche Demokratie zu errichten.

„Judenfeindliches Denken ist wieder salonfähig“

Charlotte Knobloch begann, sich in der eigenen Kultusgemeinde zu engagieren. Die Auswanderungspläne wurde zurückgestellt und später aufgegeben: „Saint Louis, Missouri, das Ziel unserer Ausreise, hat mich nie gesehen.“

Zurückblickend sagte sie: „Wir haben Brücken über unüberwindbar scheinende Abgründe gebaut und beschritten. Heute gibt es wieder jüdische Gemeinden im ganzen Land.“ Zugleich erinnerte sie an die beinahe täglichen, offenen und ungenierten antisemitischen Vorfälle. Judenfeindliches Denken sei wieder salonfähig „von der Schule bis zur Corona-Demo“ und im Internet.

„Rechtsextremismus die größte Gefahr“

Den Rechtsextremismus bezeichnete Knobloch als „größte Gefahr“, radikal rechtes Gedankengut sei ein wesentlicher Träger des Judenhasses. Auch im Linksextremismus sei Antisemitismus tief verwurzelt. Juden und ihre Einrichtungen seien zudem bevorzugte Ziele des Terrors der Dschihadisten.

Wer sich nicht an Maschinengewehre vor jüdischen Einrichtungen gewöhnen möchte, müsse die Sisyphos-Aufgabe des Kampfs gegen Antisemitismus bewältigen. „Unser Land leistet viel, damit jüdische Menschen sicher sind – und hoffentlich nie wieder allein“, sagte sie. Den Uneinsichtigen auf der „ganz rechten Seite des Plenums“ rief sie zu: „Sie haben Ihren Kampf vor 76 Jahren verloren.“

Die Zeitzeugen gäben jetzt den Stab der Erinnerung ab im Vertrauen, ihn in gute Hände zu legen: „Vergessen Sie uns nicht!“ Ihre Botschaft an die jungen Menschen lautet: „Lasst euch von niemandem einreden, wen Ihr zu lieben und wen Ihr zu hassen habt.“

Weisband: Mit diesem Land positive Erfahrungen gemacht

Marina Weisband, die zweite Gedenkrednerin, sprach als „Repräsentantin der Nachgeborenen, einer Generation von jungen Jüdinnen und Juden, die alle ganz verschieden sind“. Mehr als 90 Prozent aller jüdischen Gemeindemitglieder in Deutschland entstammten wie sie dem postsowjetischen Raum.

Sie habe mit diesem Land  positive Erfahrungen gemacht, sagte die frühere politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland, die sich seit 2018 bei Bündnis 90/Die Grünen engagiert. „Ich hatte das Gefühl, diese Gesellschaft geht mich etwas an. Ich bin Teil von ihr.“ Aber: „Auch in diesem Land ist es für uns noch immer zu gefährlich, sichtbar zu sein.“ Gemeindepost werde in unmarkierten Briefumschlägen verschickt, und ins Gemeindezentrum, in die jüdische Schule und den Kindergarten laufe man an bewaffneten Wächtern vorbei.

„Das Gedenken der Shoah weitertragen“

Sie höre oft, sagte Weisband, dass „wir einfach nur Mensch sein sollen“. Dies bedeute aber, dass Strukturen von Unterdrückung unsichtbar gemacht werden. Jede Unterdrückung wie Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus lebe davon, dass sie für die Nichtbetroffenen unsichtbar ist. Die Überzeugung, dass es Menschen gibt, die in dieser Gesellschaft mehr Platz haben als andere, sei nicht ausgestorben.

Jüdisches Leben in Deutschland ist nach den Worten Weisbands ambivalent, voller Gemeinschaft und Solidarität, Angst und Frustration. „Wir, die Nachkommen, stehen jetzt der Tatsache gegenüber, dass mehr und mehr Augenzeugen von uns gehen. Und dass wir das Gedenken dennoch irgendwie weitertragen und lebendig halten müssen.“ Ihre Generation müsse einen Weg finden, das Gedenken der Shoah weiterzutragen, ohne „uns selbst zu einem lebendigen Mahnmal zu reduzieren“.

Schäuble: Eine Geschichte der Widersprüche

Als eine „Geschichte der Widersprüche“ hatte Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble eingangs die deutsch-jüdische Geschichte bezeichnet. Sie kenne Phasen der Toleranz und Zeiten der Ausgrenzung, Wellen der Verfolgung genauso wie Erfolge in Kunst und Kultur, in Wissenschaft und Wirtschaft. Und ein Menschheitsverbrechen.

„Wir gedenken der europäischen Juden, der Sinti und Roma, der slawischen Völker, der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der Kriegsgefangenen und aller dem Hungertod Ausgelieferten. Wir erinnern an die aus politischen Gründen oder religiösen Motiven Verfolgten und Ermordeten. An diejenigen, die sich mutig dem NS-Regime widersetzten, die ihre Menschlichkeit bewahrten und das mit dem Leben bezahlten. Wir erinnern an das Leid von Homosexuellen, an die Menschen mit Behinderungen und an das Schicksal der als ,Asoziale‘ Ausgestoßenen“, sagte der Bundestagspräsident und erwähnte auch die Nachkommen der Ermordeten und Überlebenden, die bis heute mit den Traumata der Vergangenheit konfrontiert sind.

Dass deutsche Juden nach Jahrzehnten der Zuwanderung wieder über Auswanderung nachdächten, „beschämt uns“, sagte Schäuble. „Unsere Erinnerungskultur schützt nicht vor einer dreisten Umdeutung oder sogar Leugnung der Geschichte.“ Sie schütze auch nicht vor neuen Formen des Rassismus und Antisemitismus, wie sie sich auf Schulhöfen, in Internetforen oder Verschwörungstheorien verbreiten.

Sulzbacher Torarolle feierlich fertiggestellt

Zum Abschluss der Gedenkstunde übernahmen die Repräsentanten der Bundesrepublik in einer feierlichen Zeremonie die Patenschaft für die restaurierte Torarolle der einstigen jüdischen Gemeinde von Sulzbach (Oberpfalz). Rabbiner Shaul Nekrich vollendete als Sofer (jüdischer Schreiber) die letzten Buchstaben der Tora im Andachtsraum des Reichstagsgebäudes.

Die Torarolle entstand 1793, überstand einen Stadtbrand und schließlich sogar den „Vernichtungswillen der Nationalsozialisten“, wie Schäuble sagte. Die Juden wurden bereits 1934 aus Sulzbach vertrieben und die Torarolle in die benachbarte Amberger Gemeinde gebracht. Der Gemeindevorsteher wurde 1938 vor dem bevorstehenden Pogrom gewarnt. Er wandte sich an den Leiter des Heimatmuseums, der die Torarolle dort versteckte und vor der Schändung bewahrte.

Rabbiner Elias Dray fand sie vor wenigen Jahren in der dortigen Synagoge wieder und ließ sie in Israel restaurieren. Nach ihrer „heutigen Vollendung wird er im Gottesdienst wieder aus ihr lesen“, so Schäuble. Mit der Patenschaft für die Torarolle verpflichteten sich die Repräsentanten des Staates, jüdisches Leben in Deutschland vor Angriffen zu schützen und sich zu einer Zukunft zu bekennen, in der Juden in Deutschland ihr Jüdischsein „offen, sicher und sichtbar in unserer Mitte leben“.

Musik im Plenarsaal und im Andachtsraum

Die Gedenkstunde begann mit der Kadenz von Joseph Joachim (1831-1907) zum ersten Satz des Violinkonzerts D-Dur opus 77 von Johannes Brahms (1833-1897), gespielt vom Violinisten Professor Kolja Lessing. Lessing trug nach der Rede von Charlotte Knobloch auch das zweite Musikstück vor, Nr. 1 Andante, Nr. 4 Schnell und Nr. 5 Larghetto aus Aphorisms 1 (Fünf Stücke für Violine solo aus dem Jahr 2009) von Ursula Mamlok (1923-2016). Im Anschluss an die Rede Marina Weisbands brachten die Sängerin Yael Nachshon Levin begleitet von Haggai Cohen Milo am Kontrabass und dem Gitarristen Tomer MokedFar away“ von Yael Nachshon Levin zu Gehör.

Während der Zeremonie im Andachtsraum war das vom Synagogalchor „Le Chant Sacré“ aus Straßburg unter Leitung von Rémi Studer gesungene „Seu Sheorim“ von Samuel Naumbourg (1817-1880) zu hören. Solist war Chasan Jacky Ouaknine. Im Hintergrund erklang zudem das Instrumentalstück „Oyf’n Pripetchik“ von Mark Markowytsch Warshawsky (1848-1907), eingespielt und arrangiert vom Gitarristen Karsten Troyke, der auf der Violine von Daniel Weltlinger begleitet wurde. „Le Chant Sacré“ trug zudem „Baavur David“ von Joseph Rumshinsky (1881-1956) vor mit Chasan Jonathan Blum als Solisten. (vom/27.01.2021)

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