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Parlament

60 Jahre Élysée-Vertrag: Freundschaftspflege zwischen Festakt und Arbeitssitzung

Standing Ovations beim Festakt in der Pariser Sorbonne-Universität für Emmanuel Macron, Olaf Scholz, Bärbel Bas und Yaël Braun-Pivet.

Standing Ovations beim Festakt in der Pariser Sorbonne-Universität für Emmanuel Macron, Olaf Scholz, Bärbel Bas und Yaël Braun-Pivet. (DBT/Xander Heinl/photothek)

Die Eingangshalle der altehrwürdigen Universität ist gut gefüllt an diesem kalten Januarmorgen in Paris. Männer in dunklen Anzügen, Frauen in bunten Kostümen. Ihre Stimmen hallen durch das Kreuzgewölbe, vermengen sich zu einem heiteren Durcheinander aus Deutsch und Französisch. „Als ich an der Sorbonne angekommen bin, habe ich mein Herz klopfen gespürt“, erzählt Brigitte Klinkert, eine zierliche Frau mit kurzem weißem Haar und charmantem französischen Akzent. Die 66-Jährige ist Abgeordnete der französischen Nationalversammlung (Renaissance) und hat seit vergangenem Jahr gemeinsam mit dem Bundestagsabgeordneten Nils Schmid (SPD) den Vorsitz der Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung inne. 

Logo zum Jubiläum 60 Jahre Élysée-Vertrag (1963-2023)

Vor 60 Jahren unterzeichneten Bundeskanzler Konrad Adenauer und der französische Staatspräsident Charles de Gaulle den Élysée-Vertrag. (Assemblée nationale)

Der heutige Tag ist nicht nur für die beiden ein ganz besonderer, schließlich feiern Deutschland und Frankreich an diesem Sonntag, 22. Januar 2023, das 60. Jubiläum des Élysée-Vertrages. Auf den Tag genau vor sechs Jahrzehnten unterzeichneten Bundeskanzler Konrad Adenauer und der französische Staatspräsident Charles de Gaulle jenes Dokument, das 18 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Partnerschaft zwischen den beiden einst so verfeindeten Nachbarstaaten besiegelte und seither als Meilenstein in der Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen gilt. 

Ein Plausch hier, ein Gruppenfoto da

Und während draußen der nächste Reisebus vorfährt und ein neuer Schwung Abgeordneter die Treppe zur Sorbonne-Universität emporsteigt, kommt man sich ein Stockwerk höher bei Häppchen und Kaffee näher. In einem lichtdurchfluteten Raum, unter funkelnden Kronleuchtern und goldverzierten Decken. Hände werden geschüttelt, Wangenküsschen verteilt. 

Es hat etwas von einem Klassentreffen, die Stimmung wirkt gelöst, fast ein bisschen aufgekratzt. Schnell noch ein kurzer Plausch hier und ein Gruppenfoto da, bevor in wenigen Minuten der Jubiläumsfestakt beginnt. 

Freundschaft für die Zukunft Europas 

Hier, im „Grand Amphitheatre“ der ältesten Pariser Universität, versammeln sich an diesem Vormittag die Spitzen beider Staaten. Fast das gesamte Bundeskabinett und rund 120 Abgeordnete sind angereist, um gemeinsam mit französischen Parlamentariern die Freundschaft beider Staaten zu feiern. Die sei angesichts der aktuellen Krisen besonders wichtig, ist Bundestagspräsidentin Bärbel Bas überzeugt: „Unsere Partnerschaft spielt eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der großen Aufgaben unserer Zeit.“ 

Sie sei das Gegengift gegen Nationalismus und Expansionismus, betont Amtskollegin Yaël Braun-Pivet und auch die Staatschefs, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Präsident Emmanuel Macron (LREM), beschwören die Bedeutung ihrer freundschaftlichen Beziehung für die Zukunft Europas. 

Hilfen für die Ukraine

Beide versichern sie, die Ukraine angesichts des russischen Angriffskrieges weiter unterstützen und gemeinsam ein souveränes Europa voranbringen zu wollen; ein Militärchor setzt mit der Europahymne den musikalischen Schlusspunkt. Erst auf Französisch, dann auf Deutsch. Es gibt Standing Ovations aus dem Plenum und einen langen Handschlag zwischen den beiden Staatschefs. Dann ist der Festakt in der Sorbonne zu Ende – und mit ihm der erste Teil des formellen Programms. 

Mindestens genauso wichtig sei, was zwischen der Feierstunde in der Sorbonne und der für den Nachmittag geplanten Arbeitssitzung der beiden Parlamente im Plenarsaal der französischen Nationalversammlung, dem Palais Bourbon, passiere: die persönliche Begegnung, das informelle Gespräch. Das hört man an diesem Tag immer wieder.

Aus Feinden werden Freunde

Es gehe bei den deutsch-französischen Beziehungen nicht nur um den Austausch von Resolutionen, sagt etwa der Unionsabgeordnete Armin Laschet, selbst DFPV-Vorstandsmitglied. Sondern auch um eine menschliche Nähe zwischen den Abgeordneten beider Staaten. So ließe sich auch leichter Verständnis für unterschiedliche Positionen wecken, betont seine Amtskollegin, die Grünen-Abgeordnete Chantal Kopf. Und die Co-Vorsitzende Klinkert ist überzeugt, die persönliche Beziehung sei neben dem politischen Willen die zweite Säule der deutsch-französischen Zusammenarbeit.

Die französische Abgeordnete Brigitte Klinkert steht an einem Redepult.

Die französische Abgeordnete Brigitte Klinkert ist Co-Vorsitzende der DFPV. (DBT/Marco Urban)

„Was vor 60 Jahren geschehen ist, ist ein Wunder“, sagt sie. „Deutschland und Frankreich waren jahrzehntelang Feinde und heute ist unsere Freundschaft, unsere Zusammenarbeit ein Modell für die ganze Welt.“ Das bedeute nicht, dass beide Länder immer einer Meinung seien, schiebt sie hinterher. „Aber was wirklich wichtig ist: Man spricht miteinander und versucht einen Konsens zu finden.“

Austausch zwischen Jugendlichen

Gelegenheit dazu bietet sich am Mittag in der französischen Nationalversammlung. Polizei eskortiert die Delegation durch die Pariser Innenstadt, an der Seine entlang, vorbei am Musée d’Orsay.

Um die Stehtische in dem langgezogenen, prunkvollen Saal des Parlamentsgebäudes bilden sich schnell Trauben von Menschen. Man unterhält sich, hier auf Deutsch, da auf Französisch. Und mitten drin die 15-jährige Josephine. Sie ist eine von rund 80 Schülerinnen und Schülern von vier Gymnasien mit deutsch-französischem Bezug, die als Teil einer Jugendbegegnung an der Veranstaltung teilnehmen.

„Ich glaube, es wird ein langer Tag“ 

Die junge Französin ist zum ersten Mal in der Assemblée nationale und unsicher, was sie hier erwartet. „Ich glaube, es wird ein langer Tag“, sagt sie, ihre Freundinnen nicken. In der Klasse haben sie sich auf das Jubiläum vorbereitet, erzählen sie, vor allem die Freundschaft zwischen Adenauer und de Gaulle studiert.

Im Élysée-Vertrag spielt der Austausch zwischen deutschen und französischen Jugendlichen eine zentrale Rolle: Außer zu einer koordinierten Außen-, Europa- und Verteidigungspolitik verpflichteten sich die Regierungen beider Länder auch zu einer engen Abstimmung in Jugendfragen. So entstand 1963 das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW), über das bis heute Millionen Kinder und Jugendliche an Austauschprogrammen teilnehmen.

Gespräch mit den Parlamentspräsidentinnen

Als am Nachmittag die gemeinsame Arbeitssitzung des Deutschen Bundestages und der Assemblée nationale beginnt, sitzen Josephine und die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Jugendbegegnung auf der Besuchertribüne. Von der Empore aus verfolgen sie das Geschehen im prunkvollen Halbrund der französischen Nationalversammlung. Sie sind dabei, als französische und deutsche Abgeordnete über aktuelle Herausforderungen debattieren, über Hilfen für die Ukraine und Stabilität in Europa.

Dann dürfen sie sogar selbst auf den roten Sitzen Platz nehmen: Während sich die Abgeordneten nach der Sitzung auf die Rückreise begeben, bleiben die beiden Parlamentspräsidentinnen im Plenarsaal, um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Etwa darüber, wie die kriegsgeprägte gemeinsame Geschichte die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich bis heute beeinflusse. Oder wie es gelingen könne, wieder mehr junge Menschen für Deutsch und Französisch als Fremdsprache zu begeistern.

Bas: Engagieren sie sich weiter für Europa

„Die Jugend war von Anfang an ganz wesentlich für unsere Aussöhnung“, hatte Bas bereits während des Festaktes am Vormittag gesagt und an die Schülerinnen und Schüler appelliert, sich weiter für Europa zu engagieren. Schließlich gehe es um die Zukunft – und deren Gestaltung liege besonders in den Händen der Jungen.

Vielleicht ist der ein oder die andere beim nächsten großen Jubiläum, dem 70. Jahrestag des Élysée-Vertrages, wieder dabei. Dann womöglich als Mitglied eines der beiden Parlamente. (irs/23.01.2023)

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