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Artikel

14. Mai 2019

Rede von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble zur Begrüßung bei der Ausstellungseröffnung Micha Ullman

[Es gilt das gesprochene Wort]

Anrede

„Man kann an dem arbeiten, was wir nicht verstehen.“

So haben Sie, verehrter Herr Ullman, den kreative Prozess an einer Kunstakademie beschrieben. Ihnen geht es in Ihrer Arbeit um die Bezüge zwischen Auge, Hand, Kopf und Herz. Als Arbeitsweise eines bildenden Künstlers erscheint das unmittelbar einleuchtend. Aber nicht nur. Es beschreibt in gewisser Weise auch den Prozess beim Betrachter. Ein Werk begreifen – dabei wird im besten Fall auch ein Bezug zwischen Auge, Kopf und Herz hergestellt. Die Hände lasse ich bewusst außen vor. Schließlich wissen nicht nur kundige Museumsbesucher, dass es nicht alle Plastiken oder Installationen gern haben, berührt zu werden. Die Aktivität der Hände ist dem Schaffensprozess, also dem Künstler, vorbehalten. Aber Begreifen ist nicht zufällig ein Wort mit doppelter Bedeutung. 

Egal ob mit oder ohne Zuhilfenahme der Hände – an dem arbeiten, was wir nicht verstehen: Das sollten wir alle viel öfter tun, auch außerhalb der Kunstakademien. Nicht zuletzt im politischen Raum könnte es öfter darum gehen, dem Unbekannten auf die Spur zu kommen. Begreiflich zu machen, was bisher außerhalb des Wahrnehmungshorizonts lag.   

Lieber Herr Ullman,

Ihre Arbeiten regen dazu an, auch Bekanntes immer wieder neu zu begreifen – über bedeutende Menschen nachzudenken, uns schreckliche, aber auch die schönen Ereignisse unserer Geschichte zu vergegenwärtigen. Und nicht zu vergessen.

Wir eröffnen heute gleich zwei Ausstellungen mit Ihren Werken: Diese hier mit Skulpturen und Zeichnungen zu Ihren Berliner Arbeiten und die eigens für das Mauer-Mahnmal im Deutschen Bundestag von Ihnen entworfene Installation „Mauerschatten“.

Dieses Werk ist vergänglich, es ist nur temporär zu sehen, Sand ist Ihr entscheidender Werkstoff. Sie haben sich selbst einmal als „Erdkünstler“ beschrieben. Das bezog sich auf die Werke, die Sie unter der Erdoberfläche anlegen und die entsprechend gut im Boden verankert sind.

Das schien die Berliner Mauer lange auch, dennoch fiel sie nach vierzig Jahren – im übertragenen Sinn. Es ist interessant, dass wir bildhaft immer wieder vom Mauerfall sprechen. Dabei begann das Ende des Kalten Krieges am Abend des 9. November 1989 streng genommen mit einer Mauer­öffnung.

An der Spree, wo die deutsch-deutsche Grenze verlief, nimmt Micha Ullman das Mauermahnmal im Bundestag zum Ausgangspunkt, um mit künstlerischen Mitteln Zeit- und Raum-Erfahrungen im Schatten von Mauern Ausdruck zu verleihen. Im Verrinnen des Sandes, in dessen Verwehen zwischen Ost und West, in den eindrücklichen Bewegungen der Tänzerin Claudia Tomasi und ihres Tanzpartners Nir Vidan.

Micha Ullman hat den 9. November vor dreißig Jahren in Berlin persönlich miterlebt – 1989 kamen Sie als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes aus Israel nach Berlin. Auch wenn Ihr Weg Sie längst an andere Orte und immer wieder auch zurück nach Israel geführt hat, sind zahlreiche Ihrer Werke im öffentlichen Raum dieser Stadt zu sehen.

Vielen Anwesenden wird vor allem Ihr unterirdisches Mahnmal an die Bücherverbrennung bekannt sein – obwohl es sich gut versteckt. Es ist das Werk „Bibliothek“ auf dem Bebel-Platz gegenüber der Humboldt-Universität. Die leeren, weißen Regale sind im Boden eingelassen, der Betrachter steht auf der gepflasterten Fläche und schaut durch eine Scheibe hinab. Wer so schaut, scheint im Gedenken zu verharren, den Kopf gesenkt. Beschämt.

Heinrich Heine hatte es vorhergesagt: „Das war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Ihr Werk lässt uns in eine für immer tiefsitzende Wunde in der deutschen Kulturgeschichte blicken.

Gar nicht weit weg davon, in Sichtweite der Marienkirche, erinnert seit 2016 eine andere Bodenskulptur von Ihnen an einen Verlust für die Berliner Kulturlandschaft: das Haus Mendelssohn. Es hält die Erinnerung an den Philosophen der Aufklärung Moses Mendelssohn wach – so wie die beiden großen überirdisch errichteten Mahnmale an die jüdische Bevölkerung Berlins und die Synagoge in der Lindenstraße erinnern. Ihre Arbeiten zum Haus Mendelssohn – und die Verbindung zum preußischen Hofbildhauer Johann Gottfried Schadow, in dessen Haus wir uns hier befinden – sind auch in dieser Ausstellung zu sehen.

Ich freue mich, Sie mit Ihnen nun gemeinsam ansehen zu können – und, um es in Ihren Worten zu sagen, Bezüge zwischen Auge, Kopf und Herz herzustellen.

Sie selbst und die Kuratoren der Ausstellung helfen uns dabei. Frau Volke, Herr Kaernbach, Sie haben zunächst das Wort.

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