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Floris Neusüss, geboren am 3. März 1937 in Remscheid-Lennep, gestorben am 1. April 2020 in Kassel

Im Alter von 83 Jahren ist Floris Neusüss, der Altmeister des Fotogramms, in Kassel verstorben. Er gehört zur Gruppe der Künstler, die das zentrale Parlamentsgebäude, das Reichstagsgebäude, mit ihren Kunst-am-Bau-Werken ausgestaltet haben.

Vor acht Jahren hatte der Kunstbeirat entschieden, die Fotokunst im Reichstagsgebäude um eine bedeutende Position zu erweitern, und Floris Neusüss beauftragt, für die Cafeteria im Reichstagsgebäude eine Arbeit zu entwerfen. Der Künstler entschloss sich, mit seiner spezifischen fotografischen Ausdrucksform, dem Fotogramm, das Gebäude und seine Geschichte in den Mittelpunkt einer Kunstinstallation zu stellen. Er entwickelt für die Cafeteria eine Folge blaufarbiger Fotogramme als sechs Meter langes Tableau, auf dem, jeweils paarweise einander zugewandt, Silhouetten von Büsten der Skulpturen zu sehen sind, die das Reichstagsgebäude bekrönen.

Floris Neusüss war einer der Hauptvertreter der experimentellen Fotografie in Deutschland. Den Schwerpunkt seiner Gestaltungen bildete das Fotogramm mit all seinen Spielarten. Ein Fotogramm entsteht ohne Kamera: Der abzubildende Gegenstand wird zwischen eine Lichtquelle und Fotopapier positioniert. Die Lichtquelle wirft ohne Zwischenmedium einen Schattenriss auf das Fotopapier, und zwar als Negativ-Bild: Der Schatten wird weiß abgebildet, da das Fotopapier an dieser Stelle nicht oder wenig belichtet wird, der Hintergrund hingegen wird stark belichtet und infolgedessen schwarz. Dieser Prozess kann, wie bei der Installation im Reichstagsgebäude, auch umgekehrt vollzogen werden, wenn beispielsweise blaufarbiges Umkehrpapier verwendet wird: Der Schattenwurf wird dann blau, während der belichtete Teil weiß wird. In den 1920er-Jahren haben Künstler wie Christian Schad, Man Ray, El Lissitzky oder László Moholy-Nagy mit dieser Technik experimentiert und sie weiterentwickelt. Für die zeitgenössische Fotografie war Floris Neusüss ihr bedeutendster Vertreter: Er begründete mit dem „Fotoforum Kassel“ eine „zweite Avantgarde“ der Fotografie, die neue Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums erforschte und dokumentierte. Aufsehen erregten seine „Nudogramme“, lebensgroße Aktabbildungen, bei denen die Modelle unmittelbar auf das Fotopapier belichtet wurden. Zuletzt lehrte Neusüss an der Kunsthochschule Kassel experimentelle Fotografie.

Ausgangspunkt seiner Gestaltung für den Deutschen Bundestag sind die Skulpturen auf dem Reichstagsgebäude: An der Fassade der vier Ecktürme des Reichstagsgebäudes stehen über dem umlaufenden Gesims jeweils vier Skulpturen. Die insgesamt 16 Figuren wurden von verschiedenen Bildhauern geschaffen und sind Allegorien, die Aspekte des Staatswesens sowie Industrie- und Berufszweige personifizieren. Sie gehören zum Bestand der Reichstagsausschmückung, die noch von Paul Wallot, dem Architekten und Baumeister des Gebäudes, konzipiert wurde. Um die entsprechenden Fotogramme zu erhalten, wurde der Künstler mit seinen Mitarbeitern spätnachts mit zwei Hebekränen auf die Höhe der Gesimsskulpturen gefahren. Metergroße Fotopapierbögen wurden hinter die Skulpturen gehalten und diese dann von vorn mit starken Blitzlichtgeräten beleuchtet. Für den Fries im Reichstagsgebäude hat Neusüss jeweils zwei Skulpturen von jedem Turm ausgewählt, sodass jeder der beteiligten Bildhauer einmal vertreten ist, und in der Rückwand der Cafeteria die Büsten der Skulpturen jeweils paarweise einander gegenübergestellt, als ob sie in ein Zwiegespräch vertieft wären.

Der Titel „Ferner Zeiten Schatten“ spielt auf das Höhlengleichnis des Plato an und lässt die Abbildungen dieser Skulpturen wie Schatten aus einer vergangenen Zeit in die politisch lebendige Gegenwart des Reichstagsgebäudes fallen. Die künstlerische Vergegenwärtigung der Skulpturen, ihre bildliche Versetzung vom Dach auf die Ebene des Plenarsaals, führt das Staatsverständnis einer für uns heute noch bestimmenden Epoche deutscher Geschichte lebendig vor Augen und regt an, über Verbildlichung und Repräsentation der den Staat tragenden Werte in der Gegenwart nachzudenken.

Noch im Juni 2017 hatte Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt (SPD) im Schadow-Haus des Bundestages in Berlin-Mitte eine Ausstellung mit Floris Neusüss eröffnet, in der die aufschlussreiche Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Bildhauerwerk Schadows präsentiert wurde.

Mit dem Tod von Floris Neusüss schließt ein Kapitel der Fotografie-Geschichte: Er selbst hat wesentlich zur Dokumentation und Bewahrung dieses umfassenden Erbes beigetragen, indem er zusammen mit der Konzeptfotografin Renate Heyne, seiner Ehefrau, eine Sammlung historisch bedeutsamer Fotogramme zusammentrug (u.a. entdeckte er die Fotogramm-Sammlung von László Moholy-Nagy) und diese um Fotogramme von Exponaten aus in- und ausländischen Museen erweiterte. Im Jahre 2016 war dieses imaginäre Museum, eine Zauberwelt der Schatten, unter dem Titel „Leibnitz´ Lager – Sammlungswelten in Fotogrammen“ im Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe (ZKM) zu sehen. Die Ausstellung dokumentierte und verklärte zugleich poetisch den ganzen Kosmos menschlicher Artefakte und erwies einmal mehr die singuläre Stellung des Werkes von Floris Neusüss.

Text: Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages

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