20.10.2023 | Parlament

Grußwort bei der Eröffnung des Lernorts Kaßberg-Gefängnis, Chemnitz

Das Bild zeigt ein großes Zelt indem viele Menschen auf Stühlen sitzen. Eine Frau steht vorne hinter einem Pult und spricht in ein Mikrofon.

Die SED-Opferbeauftragte bei der Eröffnung des Lernortes für Demokratie im ehemaligen Hafttrakt B, des Kaßberg-Gefängnisses in Chemnitz. (Team Zupke)

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmer,
sehr geehrte Frau Staatsministerin Klepsch,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Schulze,
sehr geehrte Abgeordnete,
liebe Nancy Aris,
lieber Herr Dr. Lindner, lieber Herr Dr. Pieper,
lieber Herr Renz, liebe Hanka Kliese, lieber Volkmar Zschocke, liebe weitere Vorstandsmitglieder,
liebes Team des Kaßberg-Gefängnisses um Steffi Lehmann,
und ganz besonders:
liebe ehemalige politische Gefangene,

Kaßberg.

Dieser Begriff – der Kaßberg – begleitet mich nahezu täglich als Opferbeauftragte seit meinem Amtsantritt vor zwei Jahren.

Kaßberg.

„Ich habe die Freiheit gewonnen. Aber alles andere verloren.“

So beschrieb ein ehemaliger Häftling mir in einem Brief seinen Weg über den Kaßberg nach Gießen.

„Ich habe die Freiheit gewonnen. Aber alles andere verloren.“

Der Verlust der Heimat, des Bekannten und Vertrauten. Der Verlust von Familie und Freunden. Die innerdeutsche Grenze war nicht nur ein Riss durch unser ganzes Land.

Die innerdeutsche Grenze war insbesondere ein Riss durch tausende Familien. Eine Zerrissenheit, die die ehemaligen Häftlinge des Kaßbergs ein Leben lang begleitet. All das ist Teil der Geschichte des Häftlingsfreikaufs und des Kaßbergs. Und es ist Teil unserer gesamtdeutschen Geschichte.

Der Kaßberg steht für mich für Menschen wie Karin Sorger.

Karin Sorger erlebte als Kind den 17. Juni 1953. Bilder, die sie ein Leben lang prägten. Als junge Frau studierte sie Medizin und arbeitete am Leipziger Pathologischen Institut. Nachdem ihr jede berufliche Weiterentwicklung verwehrt wurde, jede Reise ins westliche Ausland, egal ob beruflich oder privat, entschloss sich Karin Sorger zur Flucht.

Gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter probierte sie, in einem Auto über die Transitstrecke in den Westen zu fliehen. Ihr Weg führte sie jedoch nicht in die Freiheit. Sie geriet in die Fänge der Staatssicherheit und ihr Weg führte sie vom Gefängnis Roter Ochse in Halle über das Frauenzuchthaus Hoheneck schließlich hierher zum Kaßberg.

Sieben Wochen war sie hier inhaftiert. Sieben Wochen ohne jeden Kontakt zu ihrer Tochter und ihrer Familie. Sieben Wochen geprägt von der tiefen Angst, ihre Tochter niemals wiederzusehen. Einen Tag vor dem Geburtstag ihrer Tochter konnte Karin Sorger schließlich endlich ausreisen. Ihre Tochter jedoch blieb in der DDR.

Erst vier Monate später konnte sie ihr Kind wieder in die Arme schließen.

Wir können das, was die SED-Diktatur den Menschen angetan hat, nicht ungeschehen machen. Aber wir können aufklären über das Unrecht, wie hier mit dem Lernort am Kaßberg in Chemnitz. Mit Ihrer Arbeit geben Sie diesen Menschen, den Häftlingen vom Kaßberg, ein Gesicht. Sie erzählen ihre Geschichte.

Die Aufklärung über das Unrecht. Als Gesellschaft senden wir damit ein Signal an die Menschen, die für ihren Einsatz für Freiheit und Selbstbestimmung ins Gefängnis gesperrt wurden, dass wir ihr Leid, aber ebenso auch ihre Leistungen, sehen.

Mit dem Lernort zeigen Sie das Kaßberg-Gefängnis nicht nur zur DDR-Zeit, sondern in den unterschiedlichen Zeitepochen. Vom „Untersuchungsgefängnis Chemnitz“ im Nationalsozialismus, über seine Rolle als NKWD-Gefängnis nach dem zweiten Weltkrieg bis hin zur Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit.

Politische Haft als Kennzeichen von Diktaturen. Konkreter als hier am Kaßberg kann man dies fast nicht zeigen.

Ich bin daher Kulturstaatsministerin Claudia Roth, Ministerpräsident Michael Kretschmer und dem Freistaat Sachsen und ganz besonders auch der Stadt Chemnitz ausgesprochen dankbar für die große Unterstützung dieser so wichtigen Arbeit.

Lieber Herr Kretschmer, dass mit Ihnen der Ministerpräsident heute hier ist, ist für mich auch ein Ausdruck großer Wertschätzung gegenüber den Opfern. Ich darf Ihnen versichern: Jeder Euro, der in diese Gedenkstätte und in die Arbeit der Stiftung Gedenkstätten fließt, ist eine Investition in unsere Demokratie.

Ich möchte bei Ihnen dafür werben, dass wir in den Lehrplänen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass jede sächsische Schülerin und jeder sächsische Schüler in seiner Schullaufbahn die Möglichkeit erhält, nicht nur wie bisher eine Gedenkstätte zum Nationalsozialismus zu besuchen, sondern auch einen solchen Lernort zur Repression in der SED-Diktatur.

Ich bin überzeugt davon, dass wir – gerade in diesen Zeiten – Orte, die uns den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie vor Augen führen, dringender brauchen denn je.

Orte, wie den Lernort für Demokratie hier am Kaßberg.

Vielen Dank!

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